Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 21.12.2009, 11.08 Uhr

Späte Väter: Alter Papa - krankes Kind?

Die Väter werden immer älter: Jedes 20. hier geborene Kind hat einen Papa, der älter als 50 ist. Ob das gesundheitliche Auswirkungen auf den Nachwuchs hat, darüber rätselt die Wissenschaft noch.

Die Deutschen werden sich daran gewöhnen müssen, dass die Papis immer älter werden. Was das für die Gesundheit des Kindes bedeutet, wird derzeit erforscht. Bild: Istockphoto

Maler Pablo Picasso war bei der Geburt seiner Tochter Paloma bereits 68 Jahre alt. Schauspieler Anthony Quinn durfte sogar mit 81 Jahren Vaterfreuden entgegen blicken. Und Ex-Formel-1-Boss Flavio Briatore ist 60, wenn seine 30 Jahre jüngere Frau Elisabetta im Frühjahr das gemeinsame Kind zur Welt bringen wird. Franz Müntefering befindet sich also in bester Gesellschaft, wenn er denn tatsächlich Vater würde – so wie es sich sein frisch gebackener Schwiegervater wünscht. Der ehemalige SPD-Chef wäre dann 70.

Späte Mutterschaft gilt als riskant, späte Vaterschaft allenfalls als kauzig. Schuld daran ist die Ansicht, dass Eizellen altern, Spermien aber nicht. Anders als die Keimzellen des Mannes werden die Eizellen der Frau nicht ständig neu produziert, sondern reifen aus einem Vorrat heran, der bereits bei der Geburt in den Eierstöcken angelegt ist. Unaufhaltsame Alterung bei der Frau also, ewige Verjüngung beim Mann?

FOTOS: Babyglück im Alter Späte Promi-Papis

Neue Studien zeichnen ein anderes Bild. Danach wollen australische Forscher einen Zusammenhang zwischen der Intelligenz von Kindern und dem Alter des Vaters herausgefunden haben. Sechs IQ-Punkte - so groß ist der Unterschied zwischen dem Kind eines 20-jährigen Vaters und dem eines 50-jährigen Vaters im Durchschnitt.

Auch für psychische Erkrankungen soll der Nachwuchs älterer Väter anfälliger sein. So hat eine Studie in Israel gezeigt, dass das Risiko eines Kindes, an Schizophrenie zu erkranken, mit dem Alter des Vaters steigt. Ist der Vater bei der Geburt 40 Jahre alt, ist das Risiko doppelt so hoch wie bei einem zehn Jahre jüngeren Vater. Ähnliche Befunde gibt es für den Autismus. Und schwedische Forscher zeigten im September, dass Kinder von Männern über 55 ein deutlich erhöhtes Risiko haben, später an manisch-depressiven Störungen zu erkranken.

Was diese Befunde genau bedeuten, darüber streiten die Wissenschaftler noch. Die einen, darunter Karl Sperling, Leiter des Instituts für Humangenetik an der Berliner Charité, sagen, dass es gute Gründe dafür geben müsse, warum viele Krankheiten beim Nachwuchs älterer Väter häufiger auftreten als bei dem jüngerer Väter. Ein Grund könne sein, dass bei der Bildung der Spermien Fehler passieren: Im Hoden entstehen neue Keimzellen dadurch, dass sich eine ältere Spermienzelle teilt, dafür muss jedes Mal das Erbgut im Zellkern verdoppelt werden. «Geht etwas schief, entsteht eine Mutation, die eine Krankheit auslösen oder dazu beitragen kann», erklärt Sperling. Die Spermien eines 50-Jährigen hätten im Schnitt 800 Teilungen hinter sich.

Die anderen – wie etwa der Würzburger Medizingenetiker Tiemo Grimm – weisen darauf hin, dass Autismus und Schizophrenie äußerst komplexe Erkrankungen seien; anders als beim Down-Syndrom beziehungsweise der Trisomie 21 sei nicht nur eine einzige genetische Störung dafür verantwortlich. Mehrere Mutationen sind laut Grimm bekannt, die mit den physischen Störungen zusammenhängen. Für sich genommen hätten die einzelnen Gene jedoch keinen großen Einfluss auf das Risiko.

Dr. Christian Albring, Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte, will auch keine Panik verbreiten. Er gibt jedoch zu bedenken, dass nicht nur bei den Frauen die biologische Uhr tickt, sondern auch bei den Männern. «Zweifelsfrei bleiben die Spermien des Mannes ebenso wenig von den Zeichen der Zeit verschont wie die Eizellen der Frau», sagt der Frauenarzt. Beim Mann habe Mutter Natur ohnehin mehr auf Quantität als auf Qualität gesetzt: Von 100 Millionen Spermien erreichten vielleicht gerade mal 100 die befruchtungsfähige Eizelle. Der Rest sei zu langsam, verkrüppelt oder gar tot. «Mit zunehmendem Alter des Mannes verschiebt sich das Verhältnis in Richtung funktionsuntüchtige Spermien», erläutert Albring.

Da die Mütter die meisten Embryonen mit einer schweren Behinderung schon früh verlieren, oft sogar bevor sie überhaupt merkten, dass sie schwanger waren, lasse sich letztlich nicht sagen, wie groß der Einfluss des väterlichen Alters tatsächlich ist. Die Eizelle der Frau sei aber allein wegen ihrer Größe viel anfälliger für Defekte als die männlichen Spermien.

Dass nicht nur Mütter, sondern auch Väter immer älter werden, stellt Albring meist erst dann fest, wenn die Paare wegen eines unerfüllten Kinderwunsches zu ihm kommen. «Als erstes steht ein Postkoitaltest an, der verrät, ob die Spermien in der Lage sind, den Gebärmutterhalsschleim zu durchdringen», erklärt der Mediziner.

Bleibt die Ursache für den unerfüllten Kinderwunsch dann immer noch im Dunkeln, geht es mit dem Spermiogramm weiter, der Aufschluss darüber gibt, ob ein Mann zeugungsfähig ist. Dazu masturbiert der Mann in einen Becher, anschließend wird das Sperma in einem speziellen Labor nach Anzahl und Qualität der Spermien untersucht.

Noch sieht Albring keinen Grund, seine schwangeren Patientinnen nach dem Alter ihres Partners zu fragen und gegebenenfalls darauf hinzuweisen, dass auch das Alter des werdenden Vaters für die Gesundheit des Kindes nicht unerheblich sein könnte.

Am wichtigsten findet der Frauenarzt aber, dass sich werdende Eltern Gedanken darüber machen sollten, was ihr Alter später für den Nachwuchs bedeuten kann. Etwa, dass ein Vater im Alter von Franz Müntefering knapp 90 ist, wenn das Kind Abitur macht. «Ein Mann, der auf die 70 zugeht, sollte schon überlegen, ob er seinem Kind etwas Gutes tut, wenn er es in diesem Alter zeugt», sagt Albring.

kat/reu/news.de

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