So., 12.02.12

Stressbewältigung Ganz einfach, aber nicht leicht

Von news.de-Redakteurin Katharina Schlager

Artikel vom 19.12.2009

Der Stress ist so erdrückend, dass die Kraft nicht mehr zur Entspannung reicht. Stresscoach Doris Kirch kennt den Weg zur inneren Ruhe. In fünf Schritten zähmt sie den wilden Tiger Stress.

Der Tiger ist das Lieblingstier von Stresscoach Doris Kirch. Die Gründerin und Leiterin des Deutschen Fachzentrums für Stressbewältigung mag die elegante Raubkatze so gerne, weil sie auch im Ruhezustand hellwach ist. Eine erstrebenswerte Fähigkeit, findet Kirch und richtet deshalb ihre Strategie zur Stressbewältigung an dem Tier aus. Zumal der Tiger, genau wie der Stress, zu ungezähmter Wildheit fähig ist. Mit ihrem Handbuch Stressbewältigung zeigt Kirch, wie man in fünf Schritten, den Tiger zähmt, es ihm gleich tut und Herr seiner Stresslage wird. Und zwar dauerhaft. 

Leicht sind die so einfach anmutenden Schritte nicht. Dessen sollte sich jeder bewusst sein, mahnt die Stresstherapeutin. Denn aus dem Stress gibt es keinen einfachen und schnellen Ausweg. Kirchs Ratgeber ist kein Malen-nach-Zahlen-Wegweiser, sondern kann nur als Inspiration zur Findung des eigenen Weges gesehen werden. Das ist auf der Suche nach schneller Hilfe erstmal frustrierend, aber für einen dauerhaften Effekt hilfreicher als manch anderer Stressratgeber.

Schritt 1: Achtsamkeit
Um im stressverschleierten Leben einen klaren Blick für sich selbst und die Welt um einen herum zu bekommen, ist für Kirch das Stichwort «Achtsamkeit» unerlässlich. Dahinter steckt eine weitreichendes Konzept, dass die Weltsicht im Alltag völlig umkrempeln kann. Statt sich mit Sorgen oder Wünschen für die Zukunft zu beschäftigen oder der Vergangenheit nachzuhängen, müsse man sich bewusst werden, dass man nur die Gegenwart hat. «Das Einzige, was wir haben ist das Hier und Jetzt», so Kirch. Dazu eignen sich Achtsamkeitsübungen

Zu Beginn reicht es, für eine Sekunde die Atmung und nichts anderes zu spüren und zu denken. Diese Übung lässt sich zeitlich und auf andere Alltagsdinge ganz langsam ausweiten. Dadurch relativiere sich das stresstypische Gefühl ausgeliefert zu sein, man nimmt sich Zeit um Situationen mit etwas Distanz zu betrachten und reagiert viel ausgeglichener und souveräner, etwa auf einen Streit mit dem Partner. «Man könnte sagen», so Kirch, «dass man durch das Gewahrsein allmählich lernt sich in jede Situation hineinzuentspannen.»

Das Schöne: Achtsamkeit lässt sich immer, überall und in jeder Körperhaltung üben.Und schon ist der erste Schritt Richtung Meditation getan. Umgekehrt lässt sich Achtsamkeit auch durch Meditation erlernen.

Schritt 2: Äußere Ressourcen
Wer vom Stress überwältigt ist, der hat oft das Gefühl, er selbst könne an der Situation nichts ändern. Doch jeder hat immer einiges an Ressourcen zur Verfügung, ist Kirch überzeugt. Man müsse nur seine Möglichkeiten kennen, um Strategien für den Alltag zu entwickeln.

Um sich vor Frustration zu schützen, helfe das richtige Maß an Erwartung. Statt auf schnellen Erfolg zu spekulieren, müsse man anfangen, langfristig zu denken und die Langsamkeit entdecken. «Die meisten Menschen überschätzen, was sie in kurzer Zeit erreichen können – aber sie unterschätzen, was sie langfristig erreichen können», so Kirchs Erkenntnis.

Allerdings sei der selbst oder von außen auferlegte Druck manchmal so groß, dass die Kraft nicht mehr für Stressbewältigung reiche. Verdrängung oder Psychopharmaka können aber nur temporäre Maßnahmen sein. Ein Ausweg: ein Entspannungskurs unter professioneller Anleitung. Das Argument «Ich habe keine Zeit für Entspannungsübung», lässt Kirch nicht gelten. Zeitknappheit sei nichts anderes als eine Frage der Prioritäten.

Entscheidend für den Entspannungserfolg sei, die richtige Methode zu finden. Die hängt ab vom Naturell, körperlichen Voraussetzungen, Alter, Offenheit, Grad der Erschöpfung und der zeitlichen Alltagssituation. Vom Tagebuchschreiben, über Zen-Meditation, autogenes Training, Tanz oder Reiki gibt es viele Ansätze. Wer diese nicht gleich findet, sollte nicht verzweifeln. Ausprobieren gehört dazu. Auch muss nicht jede Methode auf Ewig die richtige sein.

Auch wenn ein Wunschdenken für die Zukunft kontraproduktiv ist, sollte jeder klare berufliche und private Ziele formulieren. «Ziele sind motivierend, weil sie freiwillig sind», sagt Kirch. Diese müssen realistisch und unmissverständlich formuliert sein und sollten keinen Zeitdruck aufbauen. Ganz wichtig: Das Selbstwertgefühl darf nicht an den Erfolg oder das Scheitern dieser Ziele gekoppelt sein.

Schritt 3: Innere Ressourcen
Eigenlob stinkt, heißt es. Dabei tut es der Seele und damit der Stressbewältigung gut, wenn man sich seine guten Eigenschaften immer wieder bewusst macht. Weiß man von seinen guten Qualitäten, steigt das Selbstwertgefühl. Diese inneren Ressourcen lassen sich gut nutzen, um mit dem Druck des Alltags zurecht zu kommen.

Es reicht aber nicht, eine Positiv-Liste zu machen, stattdessen gelte es den beschwerlichen Weg einzuschlagen und Gewohnheiten zu verändern, die einen immer wieder in die Stressfalle tappen lassen. Das klappt am besten in ganz kleinen Schritten und mit flexiblen Strategien.

Kirch rät dazu, zu planen, Entscheidungen zu treffen und Probleme zu lösen. Das klingt banal, aber viele Menschen machen sich ihren eigenen Stress, weil sie sich genau vor diesen Schritten drücken. Beim Umstellen der Gewohnheiten, sollten die regelmäßigen Entspannungsübungen, unbedingt einen ganz festen Platz im Alltag finden, so Kirch. Aber nicht im blinden kurzfristigen Aktionismus, sondern als dauerhafter Bestandteil.

Schritt 4: Der richtige Zeitpunkt
Für alle Dinge gibt es den richtige Zeitpunkt. Um mit «Zeitmanagement» dem stressigen Alltag auf die Pelle zu rücken, heißt es Selbstdisziplin an den Tag zu legen, den Ist-Zustand zu analysieren und herauszufinden, welche Elemente einem ständig die Zeit klauen. Tages- und Wochenpläne verschaffen einen Überblicken und sorgen dafür, dass der Kopf frei ist, um die Dinge nach und nach «abzuarbeiten».

Die Planung muss realistisch sein, Prioritäten setzen, unwichtige Dinge delegieren und die persönliche Leistungskurve berücksichtigen. Wer Vormittags am produktivsten ist, sollte sich große Aufgaben nicht für den Nachmittag aufsparen. Ganz wichtig: Auch Pausen und Mußezeiten, wie ein langer Spaziergang zum Durchatmen, sollten in den Plan einfließen.

Schritt 5: Körper
Stress findet nicht nur im Oberstübchen statt. Er betrifft den ganzen Körper. Ernährung spiele dabei eine große Rolle. Denn bekommt der Körper nicht die Bausteine, die er braucht, entwickelt er Schwachstellen und Angriffsfläche für Stress.

Kirch hält nicht viel von den allgemeinen Richtlinien und Ratschlägen der Ernährungsberater, da jeder Körper etwas anderes braucht. Stattdessen schwört sie auf den ganzheitlichen Ansatz der Traditionellen Chinesischen Medizin, die Nahrungsmittel nach individuellem Mangel zu Heilmittel werden lässt.

Der Körper bleibt aber nicht nur durch das richtige Essen fit, sondern muss auch im richtigen Maß bewegt werden. «Immer schön geschmeidig bleiben», rät die Stressexpertin und verordnet damit keinen Leistungssport, sondern regelmäßige Bewegung vom Sport im Verein mit Gleichgesinnten, bis zur Treppe statt Aufzug im Alltag.

Lesetipp: Doris Kirch: Handbuch Stressbewältigung – Lernen Sie in fünf Schritten, den Tiger zu zähmen, Mankau Verlag, 2009, 19,95 Euro.

car/news.de
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