Verkrachtes Fest der Liebe
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Von news.de-Redakteurin Katharina Schlager
Artikel vom 19.12.2009
Weihnachten abschaffen? Bei diesem Vorschlag würde fast jeder fünfte Deutsche begeistert nicken. Grund: Das Fest der Liebe artet regelmäßig in Stress und Krach unterm Weihnachtsbaum aus, anstatt ihren besinnlichen Zweck zu erfüllen.
Die Kinder strahlen mit roten Wangen, die Mutter kümmert sich gutgelaunt um das Essen und Vater schmückt entspannt den Weihnachtsbaum, während Weihnachtslieder erklingen. Diese idealisierten Bilder der harmonischen Weihnachtsfamilie geistern durch Film, Fernsehen und Werbung. Doch die Realität sieht nicht so entspannt aus.
Es ist bezeichnend, dass laut einer Umfrage der GfK Marktforschung fast jeder fünfte Deutsche das Weihnachtsfest am liebsten abschaffen würde. Der Grund: Weihnachten ist nicht Harmonie, sondern extremer Stress. Nicht nur, dass man mit Geschenkekauf, Schmücken der Wohnung und Plätzchen backen mehr zu tun und zu organisieren hat, auch fürchten sich viele vor Streit und fühlen sich unter Druck gesetzt.
«Es knallt Weihnachten häufig», weiß Psychotherapeutin Annelie Dott. Das liege nicht nur an dem erhöhten Aufwand, den man betreibe, sondern auch an der völlig überhöhten Erwartungshaltung, die viele an Weihnachten haben. So werden das absolute Geschenk, die absolute Versöhnung oder grandios schöne Familienzusammenführung herbei gesehnt. Trifft dies nicht ein und statt dem Herzenswunsch liegt doch nur wieder eine hässliche Krawatte unterm Baum, dann ist die Enttäuschung um so größer. Sowohl die Erwartung, die nicht erfüllt wird, sowie der vorhergehende Stress führen gerade in der Weihnachtszeit zu vermehrten Trennungen und Anrufen beim Scheidungsanwalt.
Um sich zumindest von dem belastenden Zwang zu befreien, für jeden in der buckligen Verwandtschaft das perfekte Geschenk finden zu müssen, können Familien Abkommen vereinbaren, den Päckchentausch einfach unter den Tisch fallen zu lassen, schlägt Psychotherapeutin Gerhild von Müller vor. «Stattdessen schenkt man sich einfach Zeit zusammen und bereitet gemeinsam das Weihnachtsessen zu.» Dann würde auch niemand alleine hinterm Herd einen Nervenzusammenbruch erleiden oder sich als Dienstmagd ausgenutzt fühlen. Ein bisschen nette Zeit zum Klönen, die man sonst nie hat, fällt beim gemeinschaftlichen Schnippeln in der Küche auch ab.
Krisenherd Familie
Kriselt es zwischen verschiedenen Familienmitglieder, sollte man nicht krampfhaft versuchen auf einander zu hocken, rät Dott. Stattdessen biete sich ein neutraler Boden an, wie etwa ein Restaurant, wo sich Streithähne aus dem Weg gehen können.
Zudem sei es wichtig, die Menschen, mit denen man die Feiertage verbringe, so zu akzeptieren, wie sie seien. Oftmals sorge das Erzählen von Geschichten für eine entspannte Atmosphäre. «Über gute Zeiten und gemeinsame Erinnerungen zu sprechen, verstärkt das Gemeinschaftsgefühl, auch wenn bestimmte Erinnerungen Melancholie auslösen können», erklärt Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater. Insbesondere bei schwelenden Konflikten in der Familie sei es wichtig, dass man zunächst einseitig auf andere zugehe, auch wenn man nicht sofort mit einem Entgegenkommen des Anderen rechnen könne.
Die oft eh schon angespannte Feststimmung wird oft durch Alkohol zur Explosion gebracht. «Der Harmonie wegen unterdrückte Konflikte kommen spätestens dann hoch, wenn einer zu viel getrunken hat», sagt Dott. Die Weihnachtstage seien gerade deshalb bei der Polizei gefürchtet, erzählt die Psychotherapeutin. Denn alkoholgetränkte Konflikte können schnell in Gewalt ausarten. Weil das Fest so emotional aufgeladen ist, steige zudem die Selbstmordrate jedes Jahr an.
Wer aber Weihnachten nicht krampfhaft als perfektes Fest in Familienidylle inszenieren will, sondern mit seinen Lieben über kleine Katastrophen, wie defekte Lichterketten, eine verbrannte Gans oder ein misslungenes Geschenk, lachen kann, braucht sich vor dem Fest der Liebe dagegen nicht zu fürchten.
car/news.de/ap
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