Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 11.12.2009, 11.33 Uhr

Unterschätzte Gefahr: Zu Tode geschüttelt

Das Baby schreit und schreit. Die Eltern sind genervt, hilflos und übermüdet. Manche verspüren dann den Drang, den Säugling zu schütteln, nur damit er endlich still ist. Das kann aber beim Kind zu schweren Verletzungen oder gar zum Tod führen.

Auch Väter können lernen, behutsam und feinfühlig mit Säuglingen umzugehen. Bild: Istockphoto

Ein schreiendes Baby bringt manche Eltern zur Verzweiflung. Der 36 Jahre alte Vater der elf Wochen alten Juliette verlor jedoch komplett die Kontrolle über sich. Er schüttelte das Kind im Sommer 2007 in einer Rostocker Wohnung so heftig, dass es schwerste Hirnschädigungen erlitt und zwei Monate später starb.

Juliettes Tod ist kein Einzelfall: Kürzlich nahm die Polizei einen 29 Jahre alten Vater aus Düsseldorf fest, der mit der Betreuung seiner drei Monate alten Tochter Julia so überfordert war, dass er sie ebenfalls zu Tode schüttelte. Laut Obduktionsbericht hatte das Mädchen zu viel Blut im Kopf.

Mediziner sprechen vom Shaken-Baby-Syndrom, zu deutsch Schütteltrauma. In den USA ist es die häufigste Todesursache bei körperlicher Kindesmisshandlung und für die meisten langjährigen Behinderungen bei Kleinkindern und Kindern verantwortlich. Hierzulande erleiden nach aktuellen Schätzungen jährlich etwa 100 bis 200 Babys ein Schütteltrauma.

«Und das ist noch der untere Bereich», sagt Professor Ekkehart Paditz, Vorsitzender der Babyhilfe Deutschland und Leiter des Zentrums für Angewandte Prävention in Dresden. 30 Prozent der Schütteltraumen enden tödlich, 70 Prozent der überlebenden Babys und Kleinkinder behalten ihr Leben lang schwere neurologische Schäden.

Wie entsteht ein Schütteltrauma?

Ein Schütteltrauma entsteht, wenn Kinder am Oberkörper oder an den Oberarmen gehalten und dabei so geschüttelt werden, dass der Kopf nach vorne und nach hinten schwingt. «Babys und Kleinkinder reagieren darauf besonders empfindlich, weil ihr Kopf einen großen Teil der Körpermasse ausmacht, die Nackenmuskulatur noch wenig ausgeprägt ist und daher kaum stabilen Halt geben kann und die Blutgefäße im Gehirn noch sehr zart sind», erklärt Dr. Paditz.

Die Folge: Das Gehirn schwillt an, es kommt zu Hirnblutungen und Hirnverletzungen. Sehr häufig sind laut Paditz auch Blutungen an der Augen-Netzhaut, die Sehstörungen und Blindheit nach sich ziehen, sowie Nervenschäden mit der Folge körperlicher oder geistiger Behinderung.

Nicht immer, so Paditz weiter, sind die direkten Hirnverletzungen, die durch den Aufprall des Hirns auf die Schädeldecke entstehen, die Todesursache. Oft reicht schon eine Schädigung von Nervenfasern im Nackenbereich, die einen Sauerstoffmangel im Gehirn oder gar einen Atemstillstand verursachen können. Und dazu kann laut dem Experten das sogenannte Peitschenschlag-PhänomenUNter Peitschenschlag-Phänomen versteht man die blitzartige Überstreckung der Halswirbelsäule. beim Schütteln des Babys führen.

Bei einem sich entwickelnden Gehirn sind diese Verletzungen irreparabel - und die Folgen können schlimmer als die eines Verkehrsunfalls sein, so die Erfahrungen des Mediziners. Das betroffene Kind kann schwer behindert bleiben, das Gehirn bleibt unterentwickelt, schrumpft, mit der Folge, dass auch der Kopf kleiner bleibt.

Das Trügerische ist: Man sieht dem Kind oft nichts an - keine blauen Flecken, keine äußerlichen Verletzungen. Doch es gibt Symptome, die auf ein Schütteltrauma hinweisen. Dazu zählen Erbrechen, Schlappheit, Schläfrigkeit, Krampfanfälle oder Atemaussetzer. «Die Kinder werden blass, verdrehen zum Teil die Augen, nehmen keine Nahrung mehr auf - all das können Hinweise auf eine Hirnblutung oder Nervenverletzung sein», erklärt Paditz. Alarmiert sollte man auch sein, wenn ein Säugling Entwicklungsrückschritte zeigt, schrill schreit , zahlreiche blaue Flecken hat und sich apathisch verhält.

Vor allem Väter rasten aus

Auf die Frage, wer seinem Kind so etwas antut, antwortet der Kinderarzt: «Mehr Menschen, als man glaubt.» In jedem Alter und in jeder sozialen Schicht könnten solche Tragödien vorkommen. Paditz weiß, dass dies oft die Folge einer Überforderung ist: «Jeder wird einmal aggressiv, jeder hat einmal die Nase voll und gelangt an seine Belastungsgrenze. Aber dann muss er wissen, dass er sein Baby nicht schütteln darf. Wenn das Baby schreit, muss man sich etwas anderes überlegen.»

Vor allem die Väter rasten schnell aus, wissen nicht so recht, wie sie mit einem schreienden Baby umgehen sollen. An sie richtet sich die aktuelle Kampagne der Babyhilfe. Sie lautet: «Mein Papa bleibt cool!». Paditz sagt: «Wir möchten den Vätern vermitteln, dass das Schreien eines Babys mehrere Botschaften enthalten kann und dass es sich nun einmal nur auf diese Weise ausdrücken kann.» Möglicherweise hat es Hunger oder Schmerzen, ihm ist zu kalt oder zu warm, oder es möchte einfach nur, dass ihm jemand über den Kopf streicht.

«Das Gefühl dafür, wie es dem eigenen Kind geht und was ihm fehlen könnte, kann jeder lernen - ob Mutter oder Vater, das ist nichts Angeborenes», sagt der Mediziner, der davon ausgeht, dass jeder Vater Feinfühligkeit und Behutsamkeit im Umgang mit dem Säugling lernen kann.

Für den Mediziner ist das Schütteln eines Kindes eine der schwersten Formen von Misshandlung, weil es nicht nur eine sehr große Zahl von Todesfällen gibt, sondern auch eine riesengroße Zahl von schwer behinderten Kindern. «Insofern ist es auch eine besonders schlimme Art der Kindesmisshandlung, weil sie nicht immer gleich zu sehen ist, aber dramatische Folgen hat.»

Der Vater von Juliette wurde kürzlich wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu drei Jahren und elf Monaten Haft verurteilt. Julias Vaters muss sich erst noch vor Gericht verantworten.
 

Informationen gibt es auf der Homepage der Babyhilfe Deutschland www.babyhilfe-deutschland.de und unter www.babyschlaf.de sowie unter der Telefonnummer (0180) 509 95 55 (12 Cent pro Minute). Donnerstags von 18.30 bis 20.30 Uhr sind unter dieser Rufnummer speziell ausgebildete Kinderärzte zu erreichen.

mas/reu/news.de

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