07.12.2009, 10.12 Uhr

Billig-Arznei: Vorsicht vor gefälschten Tabletten

34 Millionen gefälschte Tabellen in nur zwei Monaten haben gezielte Zollkontrollen gefunden. Ein errschreckendes Ergebnis. Bei den falschen Tabletten handelt es sich unter anderem um Antibiotika, Viagra, Schmerz- und Krebsmittel.

Besorgend erregend: In Europa befinden sich immer mehr gefälschte Medikamente im Umlauf. Bild: ddp

In Europa sind nach Angaben der EU-Kommission immer mehr gefälschte Medikamente im Umlauf. Industriekommissar Günter Verheugen sagte, es handele sich vor allem um Antibiotika, Krebs- und Malariamedikamente, cholesterinsenkende Arzneien sowie Schmerzmittel und Viagra. Für die deutschen Verbraucher gibt es laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vor allem im Internet-Versandhandel ein Risiko, nicht aber in der normalen Apotheke.

Verheugen sagte der Zeitung Die Welt: «Die Zahl der gefälschten Arzneimittel in Europa, die beim Patienten landen, steigt immer mehr. Die EU-Kommission ist darüber äußerst besorgt.» Die EU habe bei gezielten Zollkontrollen in allen Mitgliedsländern innerhalb von nur zwei Monaten allein 34 Millionen gefälschte Tabletten sichergestellt. «Das hat alle Befürchtungen übertroffen.»

Der EU-Kommissar bezog sich offenbar auf eine konzertierte Aktion der europäischen Zollbehörden im vergangenen Jahr. Nach Prüfung aller Verdachtsfälle wurde die Zahl der Fälschungen allerdings auf 32 Millionen korrigiert, wie eine Sprecherin des zuständigen Steuerkommissars László Kovács auf Anfrage erklärte.

Verheugen bezeichnete Medikamentenfälschungen als Kapitalverbrechen, das mit aller Härte bestraft werden müsse. «Jede Fälschung von Medikamenten ist ein versuchter Massenmord.»

Illegale Anbieter im Internet

BfArM-Experte Axel Thiele sagte, für Apotheken in Deutschland gebe es ein «sehr engmaschiges Sicherheitssystem». Wer dagegen bei einer Internet-Apotheke einkaufen wolle, sollte diese vorher genau prüfen: «Es gibt Tausende illegale Anbieter im Ausland mit einem perfekten deutschen Internet-Auftritt.» Das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) biete auf seiner Homepage (dimdi.de) eine Liste der geprüften und registrierten Versandapotheken, die über ein Sicherheitslogo verfügten.

Verdächtig seien vor allem Versandapotheken, die verschreibungspflichtige Mittel wie etwa das Potenzmittel Viagra verschreibungsfrei anböten, sagte Thiele. Eine entsprechende Google-Suche ergab am Montag mehr als 220.000 Treffer. Auch wenn eine Website Möglichkeiten anbiete, die Verschreibungspflicht zu umgehen - etwa durch das Beantworten einiger Fragen, die dann angeblich von einem Arzt bewertet würden - sollten die Alarmglocken klingeln, sagte der BfArM-Experte.

Umstrittener Verheugen-Vorschlag

Verheugen erwartet, dass sich die EU im Kampf gegen Arzneimittelfälschungen im kommenden Jahr darauf einigen wird, «dass der Weg einer Arznei von der Herstellung bis zum Verkauf minuziös zurückverfolgt werden kann. Dazu wird es Sicherheitszeichen auf den Medikamentenpackungen geben.» Verheugen hatte vor einem Jahr einen Gesetzentwurf vorgestellt, nachdem künftig alle Arzneimittelverpackungen einen Code und ein Sicherheitssiegel tragen sollen.

Das sogenannte Pharma-Paket des Industriekommissars ist allerdings sehr umstritten, weil es am Werbeverbot für verschreibungspflichtige Medikamente rüttelt. Neben den Sicherheitsvorschriften schlug Verheugen nämlich vor, Pharma-Konzernen die Veröffentlichung von Produktinformationen über verschreibungspflichtige Medikamente in Printmedien zu gestatten. Der Industriekommissar betont stets, es gehe dabei nicht um Werbung, sondern um Information.

Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums sagte, gefälschte Arzneimittel träten in Deutschland im legalen Handel nur selten auf. Den wirtschaftlichen Schaden könne er nicht beziffern. Das Ministerium trage Ansätze mit, nach denen entsprechende Richtlinien auf EU-Ebene verändert werden sollten.

Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) führte die Zunahme von Fälschungen auf mangelhafte Kontrollen von Internetversendern zurück. Der Preiskampf zwischen den Versandanbietern führe zwangsweise zu einem kaum kontrollierbaren Einkaufsverhalten bei Zwischenhändlern.

car/kat/jan/news.de/ap

Empfehlungen für den news.de-Leser