Von news.de-Mitarbeiterin Anwen Roberts - 27.11.2009, 10.58 Uhr

Essstörungen: Nicht nur weiße Mädchen

Magersucht und Bulimie - fast immer sind junge Mädchen betroffen. Migrantenkinder sogar doppelt so häufig wie deutsche Kinder. Möglicher Grund: Hierzulande stehen junge Mädchen unter besonders großem Anpassungsdruck.

Sind Essstörungen wie Bulemie und Magersucht ein Problem des westlichen Kulturkreises? Bild: dpa

Migrantenkinder sind doppelt so häufig von Essstörungen betroffen wie ihre deutschen Altersgenossen, zeigt eine Ernährungsstudie des Robert-Koch-Instituts (RKI) unter 17.641 Kindern. Möglicherweise sei eine «Überidentifikation mit westlichen Werten sowie Anpassungsstress» die Ursache für die höheren Raten bei Kindern ausländischer Herkunft, sagte die Therapeutin Kathrin Beyer bei einer Fachtagung in Hannover mit Bezug auf die Studie des RKI. Insgesamt zeige mehr als ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland Symptome einer Essstörung. 

Magersucht, Bulimie und andere Störungen des Essverhaltens gelten als Erkrankungen mit hohem soziokulturellen Einflussfaktor. Die Gesellschaft, in der man lebt, bestimmt demnach maßgeblich die Verbreitung der Krankheit mit. Gerade Migranten leiden unter familiären und internen Konflikten und dem Druck, sich kulturell anzupassen.

In der Erforschung des Zusammenhangs von Migration und Essstörungen sind auch in anderen Ländern ähnliche Resultute erzielt worden. Schon 1991 untersuchten Whitehouse und Mumford in Fallstudien Anorexie und Bulimie unter Asiatinnen, die in Großbritannien leben. Sie stellten bei Betroffenen ebenfalls häufig die Wahrnehmung sozialen Drucks und interne oder externe kulturelle Konflikte fest. Und von diesen Mädchen waren bezeichnenderweise diejenigen, die am häufigsten asiatische Sprachen benutzten und traditionelle Landeskleidung trugen, umso stärker betroffen.

Druck des Schlankheitswahns

Die meisten transkulturellen Vergleiche bestätigen, dass Essstörungen «Pathologien mit einem sehr hohen kulturellen Faktor sind». Und tatsächlich fühlen sich Zuwanderer in Bezug auf Schönheitsideale und Schlankheitswahn wohl einem Anpassungsdruck stark ausgesetzt, der dennoch gesamtgesellschaftlich wirksam ist. Es scheint, als würden Magersuchtsraten je nach Kulturkreis variieren und sich auch im Zeitverlauf in einer Kultur verändern können. Zusätlich mehren sich die Anzeichen, dass Essstörungen auch dort verbreitet sind, wo sie lange nicht vermutet wurden: in anderen Kulturen als der westlichen übersättigten Industriegesellschaft, die lange als einziger Hort der Störungen galt.

Denn betroffen sind nicht bestimmte Kulturen, sondern über alle Kulturgrenzen hinweg vor allem junge Frauen. Bulimie und Magersucht haben ihre Ursache nicht zwingend in falsch erlerntem Essverhalten – vielmehr gelten innere Konflikte und Ängste als Beförderer der Störungen. Das Ausmaß, in dem eine Gesellschaft derartige innere Konflikte bei jungen Mädchen und Frauen befördern kann, ist also entscheidender als jede kulturelle und familiäre Ernährungskonvention. Magersucht hat zwar gravierende körperliche Folgen, ist aber eine psychische Erkrankung und keine Mangelernährung. Deshalb weisen Therapeuten wie Kathrin Beyer auch immer wieder darauf hin, dass Ernährungsratschläge bei Essstörungen zunächst wenig hilfreich seien.

Typischerweise treten Essstörungen bei jungen, weißen Frauen mit hohem sozioökonomischem Status auf, oftmals in Verbindung mit psychischen Störungen wie Depressionen. Und das Klischee stimmt auch zu weiten Teilen: Tatsächlich ist die Häufigkeit von Magersucht und Bulimie ist in westlichen Ländern in Europa und USA höher als etwa in Asien oder Afrika - und auch das Schlankheitsideal unserer Gesellschaft ist nicht universal. Reichtum, Bildung oder sozialer Status dagegen haben weniger Einfluss als lange angenommen. Vor allem Bulimie tritt überwiegend bei Frauen auf (bis zu 95 Prozent), bei denen aber quer durch alle Schichten.

Häufigkeit in nichtwestlichen Ländern nimmt zu

Durch Ländervergleiche und Zusammenfassungen bestehender Forschung, sogenannten Reviews, versuchen Ernährungswissenschaftler, Essstörungen in verschiedenen Kulturen zu untersuchen. Doch für einen Großteil nichtwestlicher Ländern gibt es nur geschätzte Zahlen, weil aus dem jeweiligen Land keine Studien vorliegen. Dennoch scheint sich die Tendenz abzuzeichnen, dass Essstörungen in nichtwestlichen Ländern häufiger werden.

Japan ist das beste Beispiel für ein Land, das einen Konflikt zwischen östlicher Tradition und westlicher Moderne austrägt, in dem sich viele junge Japanerinnen wieder finden. Essstörungen unter jungen Japanerinnen sind im Vergleich zum übrigen asiatischen Raum recht verbreitet und in den vergangenen Jahren angestiegen. Für viele andere nichtwestliche Länder fehlen ähnliche Studien noch, um eine globale Pathologie der oftmals zur Zivilisationskrankheit reduzierten Essstörungen zu erstellen.

kat/news.de

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