Von Axel Büssem
Diskriminierung ist für HIV-Infizierte immer noch ein großes Problem. Nicht nur am Arbeitsplatz machen viele Betroffene erniedrigende Erfahrungen, auch Mediziner reagieren oftmals sehr unbedacht. Ein Betroffener berichtet.
Hans ist HIV-positiv, einer von 320 infizierten Männern, Frauen und Kindern in Mecklenburg-Vorpommern. Den Aids-Erreger trägt der 40-jährige Rostocker nun seit 15 Jahren in sich, ohne dass die Krankheit bislang offen ausgebrochen ist. Infiziert hat er sich während einer Urlaubsreise: Er lernt einen jungen Mann kennen, die beiden haben ungeschützten Sex. Als er dann mitten im Sommer eine schwere Grippe bekommt, wundert er sich und geht zum Arzt. Die Diagnose: HIV. «Das ist ein Urlaubssouvenir, von dem man lange etwas hat», sagt Hans heute mit bitterem Humor.
Mit Hilfe von Medikamenten ist es bislang gelungen, das Virus im Zaum zu halten. Doch Hans weiß, eine Garantie dafür, dass es so bleibt, gibt es nicht. So lebt er seit Jahren zwischen der Freude über gute Tage und der Angst vor der Zukunft.
Beim Thema AIDS, wie man sich davor schützt und wie man mit der Krankheit umgeht, sei er damals noch sehr naiv gewesen, räumt er ein. «Als ich von der Infektion erfahren habe, war das für mich, als würde die Welt untergehen. Ich bin zusammengeklappt wie ein Taschenmesser», sagt Hans. Bei einer Tasse Tee im Aids-Centrum Rostock kommen an diesem Tag die Erinnerungen an die schlimmste Zeit seines Lebens hoch: «Ich habe gedacht: Noch drei Jahre und dann war's das für dich. Jeder lebt mit der Ungewissheit, wann er sterben muss. Aber es ist nochmal was anderes, wenn man eine Krankheit hat, die häufig tödlich verläuft.»
Nach dem ersten Schock allerdings hört Hans von anderen HIV-Positiven, die ihre Infektion mit Hilfe von Medikamenten länger überlebten, und fasst neuen Mut. «Zu uns kommen Menschen in die Beratung, die seit mehr als 20 Jahren HIV-positiv sind und die sich mit gesunder Ernährung und Sport fit halten», bestätigt Marianne Harder, Beraterin im Aids-Centrum, die Hans seit Jahren kennt.
Hans startet damals in seine Therapie, zunächst noch mit einer ganzen Handvoll Tabletten pro Tag. «Es dauerte sieben Jahre, bis ich mich aufgerappelt hatte.» Den entscheidenden Impuls dafür gab ihm ein neuer Partner, der Hans mit seiner Krankheit akzeptierte. «Es ist ein gutes Gefühl, zu sehen, dass es Menschen gibt, die keine Hemmungen haben und dich nicht nur als wandelnde Seuche sehen.» Für Hans überwiegen im Umgang mit anderen Menschen die positiven Erfahrungen. «Meine Familie kann ganz gut damit umgehen, und auch bei meiner Arbeit im öffentlichen Dienst läuft es weitgehend problemlos.»
Erniedrigende Erfahrungen muss er ausgerechnet mit einer Gruppe machen, auf deren Verständnis HIV-Positive besonders angewiesen sind: «Bei den Ärzten erlebe ich die schlimmsten Reaktionen. Eine Zahnärztin hat mich einmal vor allen Schwestern wie einen kleinen Jungen fertiggemacht, weil ich ihr angeblich nicht rechtzeitig von meiner Infektion erzählt habe», sagt Hans und man spürt die erlebte Demütigung in seiner Stimme. Ähnlich erging es ihm bei seiner Hautärztin, die sich auch aufregte, als sie von seinem HIV erfuhr, obwohl sie bei der Behandlung Handschuhe trug.
«Solche Reaktionen beobachten wir häufig», fügt Harder hinzu. Für infizierte Frauen beispielsweise sei es sehr schwer, einen Frauenarzt zu finden. Auch in der Arbeitswelt werden HIV-Positive nach Harders Erfahrung bis heute diskriminiert. «Man darf zwar wegen AIDS nicht entlassen werden, aber da findet sich immer ein anderer Grund», sagt die Beraterin. Oft sei das Verhältnis zu den Kollegen ausschlaggebend für eine Kündigung: «Was soll ein Chef machen, wenn sich die Kollegen weigern, mit einem HIV-Positiven zu arbeiten?» Viele scheuten davor zurück, gegen ihre Entlassung zu klagen, weil sie fürchten, vor Gericht bloßgestellt zu werden oder ihren «Fall» in der Zeitung zu lesen.
Heute benutzt Hans beim Sex immer ein Kondom. «Ich kann gar nicht mehr verstehen, dass es andere ohne machen.» Ebenso wenig könne er nachvollziehen, dass HIV-Positive diejenigen für ihre Infektion verantwortlich machen, bei denen sie sich angesteckt haben. «Heute weiß doch jeder, dass man sich schützen muss.»
Obwohl es ihm heute vergleichsweise gut geht und das Virus derzeit eingedämmt ist, will Hans nicht nach vorne schauen. Zwischen seinen immer wieder eingestreuten zynischen Bemerkungen kann er die Angst vor einem Rückschlag nicht verbergen: «Ich traue mich nicht, Pläne für die Zukunft zu machen. Mir ist die Gefahr zu groß, dass der Fall ins nächste Loch zu tief wird.»
car/nak/nbr/news.de/ddp
@ "Akademus", Entschieden: NEIN! Sie haben zu kurz gedacht und machen Ihrem nickname keine Ehre: Kasernierung, lebenslange Quarantäne, jährliche Zwangstestung der gesamten Bevölkerung... was denn noch alles hätte auf Ihren strategischen Ansatz folgen müssen! Stattdessen hat Deutschland auf offensive Aufklärung, Information und Eigenverantwortung gesetzt. Das Ergebnis überzeugt: Deutschland hat weltweit eine der geringsten Verbreitungszahlen von HIV in der Bevölkerung! Besser geht es nicht! Und da gilt es nachhaltig weiter zu machen!
jetzt antwortenKommentar meldenDie Übertragungswege sind bekannt. Schlimm, wenn man sich bei einer Bluttransfussion infiziert. Alle anderen wissen, was Sache ist. Die ungeheure und ungehemmte ich-Bezogenheit der jüngeren Generation trägt dazu bei, dass sich das Virus immer weiter ausbreiten kann. Dabei hätte man von 20 Jahren die Seuche ausrotten können - wenn man die Infizierten wie Lepra-Kranke isoliert hätte. Aber nein - das wäre ja inhuman. Lieber nimmt man inkauf, dass Tausende sich anstecken.
jetzt antwortenKommentar meldenIch finde es schade, dass es heute immer noch Menschen gibt, die infizierte Menschen so behandeln. Jeder müßte doch inzwischen wissen, dass man sich nur auf ganz bestimmtem Wege mit dieser Krankheit anstecken kann. Also müßte ein normaler Umgang doch möglich sein, ohne Vorurteil und Diskriminierung.
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