Von news.de-Redakteurin Katharina Schlager
Während sich die einen verlieben, langsam kennenlernen, vielleicht irgendwann heiraten und über Nachwuchs nachdenken, entwickelt sich eine Beziehung bei Stieffamilien in einem etwas anderen Tempo. Und steht vor ganz anderen Problemen.
Zwar steht bei den Paaren auch am Anfang die Verliebtheit. Aber das Thema Kinder, auf das sich andere manchmal erst Jahre später einlassen, steht bereits beim ersten Date im Raum. Denn die sind schon da. Auch die oder der Ex lassen sich nicht wirklich verdrängen oder aus dem Telefonbuch streichen. Sie sind und bleiben auf ewig Teil der sich nun erweiternden Großfamilie.
Stieffamilien haben sich in der Gesellschaft über die vergangenen Jahrzehnte immer mehr etabliert. Das liegt dran, dass sich Eltern schneller trennen als es früher der Fall war, sagt Psychologin und Psychotherapeutin Svenja Lüthge. Egal, welcher Neuzugang zu der Familie stößt, man muss sich sehr viel Zeit nehmen, um das neue Gefüge zusammenwachsen zu lassen. «Das unterschätzen die Familien häufig», ist Lüthges Erfahrung.
Auch sei die Erwartung daran, wie schnell sich Kinder und neue Partner gegenseitig ins Herz schließen, völlig übersteigert. Man darf sich nicht einschüchtern lassen, wenn nicht gleich alles wie am Schnürchen klappt, rät die Familientherapeutin.
Immer schön Zurückhaltung üben
Die Eltern und ihre jeweiligen Partner sollten sich sicher sein, dass es ihnen ernst ist, bevor die Kinder in die Beziehung eingeweiht werden. «Wenn die neuen Familienmitglieder allerdings ständig wechseln, dann irritiert das die Kinder», so die Therapeutin.
Hat die Stiefmutter vielleicht auch noch eine ganze Familie im Schlepptau, dann kommen Geschwister, Oma, Onkel, Tanten und Cousinen dazu, die von den Kindern kennengelernt und integriert werden sollen. «Dann ist so eine Familie manchmal plötzlich sehr, sehr groß», so Lüthge. Denn die leiblichen Eltern, auch wenn sie nicht mehr im alltäglichen Zuhause leben, gehören mit ihrem Anhang auch weiterhin dazu. Da ist es gar nicht so einfach für alle Beteiligten, aber besonders für die Kinder, sich in der neuen Familienkonstellation zurecht zu finden.
Stiefeltern haben es gleich auf mehreren Ebenen schwer, wenn sie neu dazu stoßen. Da ist zum einen die Beziehung zu Ex-Frau oder Ex-Mann. Während sich die ehemaligen Partner vielleicht kabbeln, alte Streitpunkte herauskramen, unterschiedliche Meinungen zur Kindererziehung haben oder sich finanziell uneins sind, sollten sich die Neuen vornehm zurückhalten, rät Lüthge. Sicherlich können sie Gesprächspartner sein, aber sich kein Urteil erlauben. Auch dürfe man nicht vergessen, dass bei der Beziehung der leiblichen Eltern immer auch ein Schuldgefühl mit der Trennung einhergeht. Besonders gegenüber den Kindern. Das belastet auch die neue Partnerschaft.
Ähnliches gilt anfangs für die Kindererziehung. «Stiefeltern sollten ganz langsam über die freundschaftliche Ebene in die Elternrolle gleiten. «Wer gleich am Anfang alle Regel umkrempeln will, der landet keine Sympathiepunkte», warnt Lüthge. Aber das könne ja auch ein Vorteil sein, wenn man nicht gleich der Böse sein muss, der eine weitere Stunde fernsehen verbietet. Stiefmütter oder Stiefväter haben den Luxus, erstmal als neutralere Person und als Kumpel das Vertrauen der Kinder zu gewinnen.
Auch wenn die Elternrolle sich irgendwann einstellt, sollten Stiefeltern doch nie versuchen, die Mutter oder den Vater zu ersetzen. «Stattdessen solle man seine ganz eigene Rolle innerhalb der Familie finden.» Aber nur keine Hektik. Es dauert etwa fünf Jahre, bis Kinder Stiefeltern auch als solche annehmen.
Um es allen Beteiligten so einfach wie möglich zu machen, helfe es, sich auf den Gewinn statt auf die Veränderung zu konzentrieren. «Es kommen Familienmitglieder dazu und alle vorherigen bleiben dabei», so Lüthge. Sie rate Familie immer, auf einem großen Blatt Papier aufzuschreiben, wer alles zur Familie dazugehört und nicht von einer Erst- und Zweitfamilie zu sprechen, sondern von einer «großen wunderbaren Einheit».
Trennen für das Wohl der Familie
Das ist natürlich der Idealfall. Und der hängt stark davon ab, wie vernünftig und bewusst sich die leiblichen Eltern und die Stiefeltern arrangieren können und ihre Enttäuschung, Eifersucht, Schuld oder Wut unter Kontrolle haben. Solch unüberlegte Sätze in Gegenwart des Kindes wie «der Papa hat ja schon wieder den Unterhalt nicht bezahlt» sollten eigentlich tabu sein. «Leider passiert das aber viel zu oft», sagt Lüthge. Doch Eltern müssen ihre eigenen Konflikte und das Wohl der Familie trennen lernen.
Wie gut der Übergang in die neue Familie klappt, hängt auch vom Alter der Kinder ab. «Sind sie noch sehr klein, dann bekommen sie den Wechsel der Partner gar nicht so genau mit», sagt Lüthge. Doch schon ab dem Kindergartenalter wird es problematischer. Denn Kinder geben sich in dem Alter oft die Schuld an der Trennung. «Da muss man als Eltern sehr sensibel vorgehen», rät die Psychologin. Im Grundschulalter bis etwa zwölf Jahre tritt eine andere Problematik auf. «Kinder geraten dann in einen Loyalitätskonflikt», so Lüthge. Mögen sie etwa ihre Stiefmutter, kommen sie sich wie Verräter an der Mutter vor. Aber: «Man kann mit den Kindern dann schon sehr gut reden und die Vorteile von der erweiterten Familie schmackhaft machen.»
Eins ist jedenfalls bei allen Schwierigkeiten ein Trost: In Stieffamilien geht es in der Regel auch nicht harmonischer, chaotischer oder aufregender zu als in andere Familien. Denn irgendwann stellt sich bei allen der Alltag ein. Der Vorteil bei Stieffamilien, der zu Stabilität führen kann, ist allerdings: Sie haben alle gelernt, dass Familienglück keine Selbstverständlichkeit ist und wissen, dass man daran arbeiten muss.
car/reu/news.de