Das Bundesministerium für Ernährung hat beschlossen, dass es in Kürze keine speziellen Lebensmittel mehr für Diabetiker geben wird. Dass Diabetiker vor allem auf ihre Ernährung achten sollten, ist die Folge eines nur schwer ausrottbaren Irrtums.
Diesen Advent liegen sie noch in den Supermarktregalen: Extra-Weihnachtsmänner für Diabetiker, eigene Dominosteine, Vanille-Kipferl, Lebkuchen. Daneben unzählige Diät-Marmeladen, -Brotaufstriche, -Fruchtsäfte, Diät-Wein oder -Bier. Doch der Countdown läuft: Spezielle Lebensmittel für Zuckerkranke sind Auslaufmodelle. Im Laufe des nächsten Jahres werden sie aus dem Handel verschwinden. Denn eigentlich braucht sie kein Mensch, Diabetiker schon gar nicht - da ist sich die Fachwelt schon lange einig. Zu fett, kalorienreich, teuer. Kurzum: völlig unnütz, wie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) betont.
Die moderne Forschung hat den Irrtum schon seit längerem erkannt, jetzt zieht auch die Politik endlich die Reißleine: Die deutsche Diätverordnung aus den 1960er Jahren wird abgeschafft, ersatzlos. Sie war die Basis dafür, dass eine ganze Industrie entstand, die ein Diabetiker-Produkt nach dem anderen auf den Markt brachte - und statt Zucker zum Beispiel Fructose verwendet. Das ist ein Fruchtzucker, der in Honig und Obst vorkommt, mit einer um 20 Prozent höheren Süßkraft.
Das Zuckerverbot sei komplett überholt, die entsprechenden Lebensmittel ebenso, betont Monika Toeller vom Deutschen Diabetes-Zentrum an der Universität Düsseldorf.
Der Zucker im Blut kommt ja nicht in erster Linie von zu viel Süßem, sondern entsteht durch Stoffwechselstörungen im eigenen Körper. Und das bedeutet nach neuesten Erkenntnissen: Was der Mensch an Zucker über die Ernährung aufnimmt, ist eigentlich vernachlässigenswert im Vergleich zu dem, was seine Leber und Nieren selbst erzeugen. Das früher empfohlene genaue Abzählen von Broteinheiten ist ohnehin schon seit vielen Jahren passé.
Es sei endlich an der Zeit für den Abschied von alten Zöpfen, meint auch Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg. Die Artikel seien nicht nur überflüssig, sondern häufig auch lupenreine Dickmacher. Und damit kontraproduktiv. Viele Zuckerkranke hätten keine Ahnung, dass in den Spezialprodukten ungünstige Fette steckten. Sie verleiten zudem zum Übermaß nach dem Motto: «Wenn drauf steht, dass es gut für mich ist, darf es ruhig ein bisschen mehr sein.»
Bis es keine Diabetiker-Abteilungen im Einzelhandel mehr gibt, dürften noch einige Monate ins Land gehen, vermuten Verbraucherschützer. Und solange die Spezial-Angebote weiter im Regal stehen, greifen Betroffene voraussichtlich weiterhin zu. Nach Erkenntnissen des BfR werden die Spezial-Diät-Lebensmittel von 50 Prozent der gut 7,5 Millionen Diabetiker in Deutschland regelmäßig gekauft. Im festen Glauben, sie seien hilfreich. Und obwohl sie deutlich teurer sind als Vergleichsprodukte, wie die Hamburger Ernährungsexpertin Schwartau bei Stichproben herausfand.
Aktuelles Beispiel: Der Diät-Weihnachtsmann der Firma Riegelein enthält 22 Prozent mehr Fett, 5 Prozent mehr Kalorien und ist stolze 82 Prozent teurer als der Schoko-Nikolaus von Milka. Manche Diabetiker-Süßigkeiten, die jetzt zum Fest der Liebe angeboten werden, enthielten sogar 41 Prozent mehr Fett und 10 Prozent mehr Kalorien als vergleichbare Produkte für gesunde Bürger, so die Beobachtungen Schwartaus. Die Hamburger Verbraucherschützer haben ihre Untersuchungsergebnisse ins Internet gestellt.
Aber wie sollen sich Diabetiker denn jetzt ernähren? Schlicht und einfach wie andere Bürger auch, empfehlen die Experten vom BfR. Also wenig Alkohol trinken, nicht zu viel Zucker nehmen, nicht zu fett essen, ein Zuviel an Schokolade, Chips, Wurst und Käse meiden - dafür täglich Obst, Salat und Gemüse genießen, fettarme Milchprodukte bevorzugen, Butter durch Öle ersetzen und viele Ballaststoffe essen wie Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte. Und Bewegung, Bewegung, Bewegung. Dann sind zu Weihnachten sogar selbstgebackene Weihnachtsplätzchen, eine Portion Gans und das eine oder andere Gläschen Sekt drin. In Maßen, versteht sich.
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