Präventionsprojekt
Rettender Halt für Komasäufer

Wenn Jugendliche heute zur Flasche greifen, dann richtig. Die Zahl der mit Alkoholvergiftung eingelieferten Mädchen und Jungen steigt weiter an. Das Projekt «Hart am LimiT» kämpf dagegen an und fängt Komasäufer auf.

Bei Präventionsprojekt «Hart am LimiT» gehen Sozialarbeiter auf Komasäufer bereits im Krankenhaus zu. Bild: dpa

Der 30. Mai hätte Dominik sein Leben kosten können. Der 16-Jährige trank mit Freunden anderthalb Flaschen Wodka - «ohne Pause, die ganze Zeit auf Ex». Nach einer halben Stunde begann der Alkohol zu wirken. Dominik (Name geändert) ging zu Boden. «Ich lag nur noch da und wusste gar nichts mehr», sagt der Schüler. In der Klinik maßen die Ärzte drei Stunden später über zwei Promille Alkohol im Blut. Als der Junge aufwachte, wusste er nicht einmal mehr, wo er war. Einen solchen Exzess will er nie wieder erleben. Dabei hilft ihm das Projekt «Hart am LimiT» (HaLT) im baden-württembergischen Lörrach.

Das Präventionsprojekt wurde dort vor sieben Jahren ins Leben gerufen. Das Bundesgesundheitsministerium förderte es als Pilotprojekt. Bereits 100 HaLT-Projekte seien inzwischen in ganz Deutschland ins Leben gerufen worden, sagt die Lörracher Projektleiterin Heidi Kuttler. Allein in Lörrach erreichte HaLT mit all seinen Beratungsangeboten bis jetzt weit mehr als 600 Betroffene. Kuttler blickt zuversichtlich in die Zukunft - trotz beständig steigender Zahlen von Fällen wie Dominiks.

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Laut dem Statistische Landesamt wurden im vergangenen Jahr in Baden-Württemberg 4014 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 19 Jahren wegen Alkoholmissbrauchs in Krankenhäusern behandelt. Das waren neun Prozent mehr als 2007. Im Vergleich zum Jahr 2001 nahm die Zahl der Fälle bei Mädchen um 143 Prozent zu und bei den Jungen um 113 Prozent.

Für Kuttler ist das Anlass zur Sorge. «Ein Teil der Jugendlichen trinkt heute exzessiver», sagt sie. Die Zahlen deuten ihrer Ansicht nach aber zugleich auf eine «erhöhte Sensibilität» in der Gesellschaft für Alkoholmissbrauch generell hin. Betroffene werden schneller ins Krankenhaus gebracht; nicht erst nach Hause ins Bett. In der Klinik setzt auch HaLT an: Sozialarbeiter nehmen dort den ersten Kontakt zu den Jugendlichen auf. «Das gab es vorher nicht», erzählt Kuttler.

Mit Rauschbrille und Promillerechner

Dabei habe gerade die Beratung im Klinik-Umfeld «eine ganz große Wirkung», sagt die 47-Jährige. Dort seien die Betroffenen «bereit, Rat anzunehmen». Tage später können sie bei HaLT einen «Risikocheck» machen. Sie lernen, «nein» zu sagen, die Wirkung von Alkohol etwa mit Hilfe von Rauschbrillen und Promillerechnern einzuschätzen und ihr Risikoverhalten zu überprüfen. Sie loten beim Tauchen oder Klettern in der Gruppe Grenzen aus. Zudem werden sie umfassend aufgeklärt.

«Man lernt die Gefahren kennen», sagt Dominik. Etwa, dass man nicht aus der Flasche trinken soll, weil dann die Menge unkontrollierbar ist - laut Kuttler eines der Grundprobleme, das es erst seit einigen Jahren gibt. Die Jugendlichen lernen, einen Bogen um Hochprozentiges zu machen, erfahren, dass man ins Koma fallen oder sogar sterben kann durch einen Vollrausch. «Ich wusste vorher nicht mal, dass man davon ohnmächtig werden kann», erzählt Dominik. «Ich hab das völlig unterschätzt.» Die Abende mit Schnaps sind nun vorbei. «Ich trinke gar nicht mehr», sagt Dominik. Auch für seine Freunde war der Vorfall ein heilsamer Schock.

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Jugendliche wie Dominiks Clique sind Kuttlers Überzeugung nach «keine Generation von Säufern». Auch bei den 50- bis 60-Jährigen habe sich die Zahl der Alkoholvergiftungen innerhalb weniger Jahre verdoppelt. Eine Studie mehrerer HaLT-Projekte belege, dass nur ein Drittel der volltrunkenen Jugendlichen suchtgefährdet sei. Diese würden weitervermittelt an Beratungsstellen. Die meisten, die wie Dominik einmalig abstürzen, seien am «Experimentieren» mit Alkohol und schlicht ungenügend aufgeklärt.

HaLT-Mitarbeiter gehen daher an Schulen, in Vereine und zu Festveranstaltern. Sie schulen Kassiererinnen, damit sie keinen Alkohol an Minderjährige verkaufen, und bieten Elterngespräche an. Kuttler sieht Erfolge. Das Trinkverhalten der Gesellschaft sei «verantwortungsbewusster geworden». Was die Sozialpädagogin wirklich «frustriert», ist vielmehr die oft schlechte finanzielle Ausstattung von Präventionsprogrammen.

kat/car/news.de/ddp

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13 Kommentare
  • outfit

    25.11.2009 15:32

    Das Kampfsaufen war schon immer ein beliebter Sport unter echten Männern. Leider wird diese Tradition nicht mehr gepflegt. Das Komasaufen ersetzt diese Tradition nicht. Dieser Bemühung fehlt der gesellige Geist. Unsere Vereinigung trifft sich regelmässig in Norwegen, da dort der Alkoholgenuss verboten ist. Hier gibt es echte Alkoholiker. Wir Schluckspechte sind keine Alkoholiker. Wir sind einfach gesellig und sozial. Ich schreibe das, weil es viel zu viele Menschen gibt, die den Alkohol verteufeln. Diese suchen Trost im Alkohol. Das sind die Gescheiterten. Diese haben keine Lust zum Erleben.

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  • Dadalo

    23.11.2009 03:28

    Wie wäre die Kombination: Ernsthafte Bemühung zum Kinder und Jugendlichen Erziehung, anstatt " Lieblosen Mopping von Erfahrenen Pädagogen zur Provozierung (zum Rebellion/zum Arena/Gottlosigkeit und Vernichtung, fördern) Bildung/ Fortbildung und Kontrolle der Verkäufer/innen, die, die Kinderrn/ Jugendlichen Alchohol oder derartigen verkaufen.. Anstatt zum Globalen_Chaos und Hoffnungslosigkeit rein zu fallen; lieber die Verantwortung, Menschlichkeit und Bewustseins fördern, wie früher. Und die Verantwortlichen zur Verantwortung ziehen.. Schluss mit DREI AFFEN ERZIEHUNG!

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  • Frau Ente

    22.11.2009 21:23

    Antwort auf Kommentar 10

    und selbstverständlich bist Du völlig unverschuldet in die Wohnungslosigkeit geraten und den Frust hast Du dann weg gesoffen - kann ich gut verstehen! Eigentlich müßtest Du wissen, dass in allen Gesellschaftsschichten gesoffen wird, mit Armmut hat Alkoholismus nur sehr wenig zu tun! Allerdings kann Armut die Folge von Alkoholismus sein; wenn man dann Job, Haus und Familie versoffen hat, ist man arm! Okay - den Obdachlosen auf der Strasse sieht man; den Herrn Direktor oder Studienrat sieht man nicht!

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