Mo., 13.02.12

Telefonaktion zu Diabetes Von Kribbelfüßen und Nüchternzucker

Artikel vom 12.11.2009

Welche Symptome deuten auf Diabetes hin? Sind Kinder betroffen? Und was bedeutet ein kribbelnder Fuß? Anlässlich des Weltdiabetestages beantworteten Experten bei unserer Telefonaktion die Fragen der Leser: Hier die wichtigsten Antworten.

Welches sind die größten Risikofaktoren für die Entstehung eines Typ-2-Diabetes?

Dr. Joachim Thiel: Die genetische Disposition und der Lebenswandel. Menschen, bei denen ein Elternteil an Typ-2-Diabetes erkrankt ist, haben ein Risiko von 40 Prozent, im Laufe ihres Lebens auch zu erkranken. Sind beide Eltern betroffen, steigt diese Wahrscheinlichkeit auf 60 Prozent. Ob ein Mensch tatsächlich einen Diabetes entwickelt, hängt aber auch ganz entscheidend vom Lebenswandel ab. Eine gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung können das Diabetes-Risiko drastisch senken. Umgekehrt begünstigen Bewegungsmangel und eine ungesunde Ernährung die Entstehung eines Diabetes. Auch bei genetisch nicht vorbelasteten Menschen. 

Können auch Kinder an einem Typ-2-Diabetes erkranken?

Dr. Nikolaus Scheper: Ja. Mittlerweile erkranken bei uns immer mehr Kinder an einem Typ-2-Diabetes. Wie bei den älteren Diabetes-Patienten liegt es auch hier am Lebensstil: Bei einer übermäßigen fett- und zuckerreichen Ernährung reicht die normale Insulinmenge nicht mehr aus, um den Blutzuckerspiegel zu senken. Bewegungsmangel verstärkt das Problem, da zu wenig Zucker verbrannt wird.

Mit welchen Symptomen macht sich eine Diabetes-Erkrankung bemerkbar?

Dr. Michael Simonsohn:
Ein Typ-1-Diabetes macht sich akut durch häufiges Wasserlassen, Durst, Gewichtsverlust, Müdigkeit, Bauchschmerzen und eine hohe Infektanfälligkeit bemerkbar. Bei diesen Warnzeichen sollte immer unverzüglich ein Arzt aufgesucht werden. Ein Typ-2-Diabetes kann dagegen jahrelang ohne Symptome verlaufen und bleibt so häufig unerkannt. Um eine Erkrankung frühzeitig zu diagnostizieren, sind die Bewertung von Risikofaktoren sowie regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen sehr wichtig. Menschen mit Übergewicht oder einer familiären Vorbelastung sollten regelmäßig nicht nur ihren Nüchtern-Blutzucker, sondern auch den Blutzuckerwert eine Stunde nach einer Mahlzeit kontrollieren lassen.

Steht ein Typ-1-Diabetes auch im Zusammenhang mit dem Lebenswandel?

Simonsohn: Nein, der Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung, die unabhängig vom Lebensstil auftritt. Hier greifen körpereigene Antikörper die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse an und zerstören diese. Ein Typ-1-Diabetes tritt meist im Kindes- oder Jugendalter auf – manchmal aber auch erst im Erwachsenenalter.

Ich habe ein erhöhtes Diabetes-Risiko. Welche Untersuchungen sollte ich machen lassen, um eine Erkrankung möglichst frühzeitig zu entdecken?

Thiel: Sie sollten in jedem Fall regelmäßig Ihren Blutzucker überprüfen lassen. Die Blutzuckeruntersuchung gibt bereits Aufschluss über Vorstufen einer Diabetes-Erkrankung und kann bei jedem Hausarzt durchgeführt werden. Genauso wichtig ist es aber, dass Sie durch eine gesunde Ernährung und Bewegung einer Erkrankung vorbeugen. Hierbei kann die kontinuierliche Begleitung durch den Hausarzt oder einen niedergelassenen Diabetologen sehr hilfreich sein.

Wie wird ein Typ-2-Diabetes behandelt?

Scheper: Das hängt vom Krankheitsstadium ab. Am Anfang steht immer der Versuch, den Blutzuckerspiegel durch eine Ernährungsumstellung und mehr Bewegung zu senken. Sollte das nicht ausreichen, kann die Blutzuckerregulierung durch Medikamente unterstützt werden. Eine Insulintherapie ist dann notwendig, wenn mit Hilfe der oralen Antidiabetika der Blutzucker nicht ausreichend gesenkt werden kann. Manchmal kann aber schon von Beginn an eine Behandlung mit Medikamenten – auch Insulin – notwendig sein.

Durch die Insulintherapie habe ich zugenommen. Jetzt habe ich gelesen, dass es eine neue Therapieoption bei Typ-2-Diabetes gibt, bei der man sogar Gewicht verliert.

Thiel: Aktuell richtet sich bei der Behandlung des Typ-2-Diabetes das Interesse auf eine Spritzentherapie, die bei starkem Übergewicht alternativ zum Insulin gegeben werden kann. Studien haben gezeigt, dass Patienten nicht nur bessere Blutzuckerwerte erzielen, sondern auch sehr häufig an Gewicht verlieren. Die Therapie sollte eingesetzt werden, sobald die erste Tablettentherapie nicht mehr ausreicht. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, ob diese Therapieoption auch für Sie infrage kommt.

Was kann ich tun, um schwere Folgeerkrankungen zu verhindern?

Scheper: Patienten, die einen bewussten Umgang mit ihrer Diabetes-Erkrankung erlernen, haben die besten Chancen, schwere Folgeerkrankungen wie Amputationen, Erblindungen oder Herz-Kreislauf-Krankheiten zu verhindern. Einer der wichtigsten Therapie-Bausteine ist daher die Patientenschulung, wie Sie beispielsweise von diabetologischen Schwerpunktpraxen angeboten wird. Hier lernen Sie, Anzeichen eines zu hohen oder zu niedrigen Blutzuckers zu erkennen, Ihren Blutzucker zu messen und gegebenenfalls Insulin zu spritzen. Außerdem erfahren Sie, wie Sie durch eine Umstellung Ihrer Ernährung und ein Bewegungsprogramm ihre Erkrankung positiv beeinflussen können. Daneben sollten Sie regelmäßig die Termine für Gesundheitsuntersuchungen wahrnehmen, damit eventuelle Probleme rechtzeitig erkannt werden.

Ich bin Diabetikerin und leide seit etwa sechs Monaten unter nächtlichem Kribbeln und Brennen in den Füßen. Was hat das zu bedeuten?

Scheper: Mit hoher Wahrscheinlichkeit steckt hinter Ihren Beschwerden ein diabetischer Nervenschaden – die häufigste Ursache für die Entstehung von diabetischen Fußkomplikationen. Diese sollten immer in spezialisierten Fußambulanzen behandelt werden.

Als Experten standen zur Verfügung die Diabetologen Dr. Michael Simonsohn aus Frankfurt am Main, Dr. Nikolaus Scheper aus Marl, Dr. Joachim Thiel aus Herten, Dr. Heinz Rüßmann aus Dinslaken und Dr. Mahmoud Sultan aus Berlin.

kat/ham/news.de/pr.nrw
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