Sa., 26.05.12

Ängste und Phobien 28.12.2009 Der Furchtfalle entkommen

Angststörungen (Foto)
Manche Menschen empfinden starke Angstgefühle in geschlossenen Räumen wie zum Beispiel in einer U-Bahn. Bild: dak

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen

Angst hat viele Gesichter und kann krankhafte Ausmaße annehmen. News.de erklärt den Unterschied zwischen normaler Angst und Angststörungen und nennt Strategien, sich von seinen Ängsten zu befreien.

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Angst hat jeder schon einmal kennen gelernt. Und das ist auch gut so. «Angst wirkt wie ein Alarmsystem in unserem Körper, das uns bei Gefahr bereit macht zu Kampf, Flucht oder Stillstand», sagt Dr. Doris Wolf. Laut der Mannheimer Psychotherapeutin reagieren wir an diesem Punkt noch genauso wie unsere Vorfahren: Sie mussten vor wilden Tieren flüchten und mit feindlichen Stämmen kämpfen. Dazu benötigten sie Muskelkraft, Energie und Konzentration.

Vor wilden Tieren müssen wir heute nur noch in Ausnahmesituationen flüchten. Inzwischen bestimmen andere Ängste unser Leben: die Angst vor dem Alleinsein oder vor dem Alter, vor Höhen oder vor Hunden, vor Plätzen und geschlossenen Räumen, vor Krankheiten oder vor dem Tod.

So vielfältig wie die Formen der Angst sind auch die körperlichen Symptome, die sie begleiten: Unsere Hände werden feucht, der Blutdruck steigt. Wir schwitzen oder frieren. Atem und Herz werden beschleunigt, unsere Muskeln spannen sich an. Manche Menschen verspüren ein Zittern, Stechen oder Hämmern in der Brust, einen Kloß im Hals, fühlen sich gefesselt, haben wackelige Knie, ein Kribbeln in den Beinen. Andere fühlen sich schwindelig oder es wird ihnen übel.

«Jeder Mensch hat sich in seinem Leben schon mehr oder minder ängstlich erlebt», sagt Wolf. Auch Angst, die stark einengt, ist weit verbreitet. Zwei von fünf Deutschen leiden der Autorin psychologischer Ratgeber zufolge unter einer leichten Angst, jeder zehnte wird von seiner Angst im Alltag stark behindert.

Angst ist normal, aber manchmal ist sie unangemessen

Wer Angst empfinde, sei nicht abnormal und müsse sich nicht verstecken. Aber er müsse sich fragen, ob seine Angst angemessen ist. Sie ist angemessen, «wenn sie uns genau so stark alarmiert und leistungsfähig macht, wie wir es benötigen, um uns in der Situation angemessen zu verhalten», so die Psychotherapeutin. Beispielsweise sei ein klein wenig Prüfungsangst ganz sinnvoll. Entgleist die Angst aber, kann sie uns hemmen, isolieren und unser Leben stark beeinträchtigen. «In den schlimmsten Fällen verändern die Betroffenen ihr ganzes Leben, nur um nicht den Situationen zu begegnen, vor denen sie Angst haben», sagt Wolf.

Die Fähigkeit, Angst zu empfinden, ist uns allen angeboren. «Es gibt sogar Phasen in der Entwicklung, in der wir als Kinder ganz bestimmte Ängste erleben müssen wie etwa die Angst vor Dunkelheit oder Gespenstern», erklärt Wolf. Diese Ängste bauen sich jedoch bis zum Erwachsenenalter bei den meisten Menschen ab. «Einen Großteil unserer Ängste, unter denen wir als Erwachsene leiden, haben wir dagegen erlernt», sagt die Angstexpertin. Das Erleben eines traumatischen Erlebnisses - wie etwa eines Unfalls, einer schweren Erkrankung, einer plötzlich auftretenden Übelkeit in der Öffentlichkeit, eines großen Misserfolgs, des Todes eines Angehörigen - können dazu führen, «dass wir uns eine negative Sichtweise zulegen und von nun an diese Situationen als gefährlich ansehen».

Auch von überängstlichen Eltern können wir lernen, viele Situationen als gefährlich anzusehen, die es in Wirklichkeit gar nicht oder nicht in dem Ausmaß sind. Angstgefühle können auch auftreten, wenn wir über längere Zeit in starker Anspannung gelebt haben, weil beispielsweise ein Familienmitglied chronisch krank ist, sich der Partner von uns trennte oder unser Körper nach einer schweren körperlichen Erkrankung einfach erschöpft ist. Nicht zuletzt können auch körperliche Ursachen wie zum Beispiel eine Schilddrüsenüberfunktion, ein Mangel an Vitamin B1 oder eine Störung des Kalziumshaushalts unsere Angst verursachen, so die Psychotherapeutin und Autorin.

Lesen Sie auf Seite 2, wann Angst krankhaft ist

Angst ist laut der Expertin krankhaft, wenn sie zu häufig auftritt, zu lange anhält und wenn man Situationen, vor denen man Angst hat, meidet und damit sein Leben stark einschränkt. Manche Angststörungen könnten auf Dauer zu Depressionen, Medikamenten- und Alkoholmissbrauch führen, warnt Wolf. Andere Betroffene stürzten sich in zwanghafte Verhaltensweisen wie Wasch- und Kontrollzwänge.

Aus wissenschaftlicher Sicht werden vier Hauptarten von Angststörungen unterschieden. An erster Stelle stehen Phobien. Darunter sind laut Wolf Störungen zu verstehen, bei denen die Angst sich auf konkrete, eigentlich ungefährliche Situationen bezieht. Zur zweiten Gruppe gehören Panikstörungen. Die Betroffenen leiden unter plötzlich auftretenden Angstanfällen mit körperlichen Symptomen wie zum Beispiel Herzrasen, Herzklopfen, Übelkeit oder Erstickungsgefühlen.

Wer unter einer generalisierten Angststörung leidet, erlebt die Angst als Dauerzustand, ohne festmachen zu können, wovor man Angst hat. Posttraumatische Belastungsstörungen entstehen dagegen als Reaktion auf ein belastendes Erlebnis, das mit einer außergewöhnlichen Bedrohung verknüpft ist wie etwa Vergewaltigung, schwere Operationen oder Unfälle.

Ängste sind erlern- und verlernbar

Leichte Angsterkrankungen können laut Wolf in Eigenregie überwunden werden. Dauern die Angstreaktionen schon lange an, sind sie zu intensiv oder auf sehr viele Lebensbereiche ausgedehnt, sollte man sich Unterstützung in einem Psychotherapeuten holen. Insbesondere die Verhaltenstherapie habe sich bei der Behandlung von Ängsten bewährt, sagt Wolf.

Betroffene sollten sich dabei zunächst klarmachen, dass die meisten ihrer Ängste nicht durch eine bestimmte Situation entstehen, sondern dadurch, dass sie diese Situation als gefährlich und sich selbst als hilflos ansehen. «Es sind die ängstlichen Gedanken, durch die die Angst hervorgerufen wird», so Wolf. Sie rät weiterhin dazu, die Situationen, die bisher gemieden wurden, wieder aufzusuchen und sich klarzumachen, dass die körperlichen Symptome, die in solchen Situationen auftreten, vorübergehen. Wichtig ist laut Wolf, in der Situation zu bleiben, bis die Angst nachlässt.

Der Besuch einer Selbsthilfegruppe könne ebenfalls sehr entlastend und Mut machend sein. Hilfreich seien auch Entspannungstechniken wie etwa das Autogene Training oder die Progressive Muskelentspannung. «Angst und Entspannung können wir nicht gleichzeitig empfinden. Wenn wir bewusst unserem Körper den Auftrag zur Entspannung geben, wird die Angst nachlassen», sagt Wolf. Ihre Botschaft: Ängste lassen sich überwinden. Denn jede erlernte Angstreaktion kann auch wieder verlernt werden.
 

Lesetipp: Doris Wolf: Ängste verstehen und überwinden. Weltbild-Verlag 2009, 304 Seiten, 12,80 Euro.

kat/news.de
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