Mordfall Walter Lübcke im News-Ticker

Stephan E. gesteht Mord an CDU-Politiker - Zwei weitere Festnahmen

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Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 05.11.2009, 11.34 Uhr

Paartherapeutin: «Frauen gehen öfter fremd»

Wenn es in der Beziehung kriselt, suchen viele Paare professionelle Hilfe. News.de spricht mit der Berliner Paartherapeutin Vera Matt über unwillige Männer, den richtigen Zeitpunkt für einen Neuanfang und woran sie erkennt, ob eine Beziehung noch zu retten ist.

Sie nörgelt, er ist genervt - so beginnt bei vielen Paaren der Beziehungsknatsch. Bild: Istockphoto

Was halten Sie von dem Satz: Wer eine Paartherapie macht, lässt sich danach ohnehin scheiden?

Vera Matt: Das dachte ich früher auch, aber in meiner Praxis erfahre ich das anders. Viele Paare kommen heutzutage relativ früh zur Therapie - da ist das Kind noch nicht in den Brunnen gefallen. Die kommen auch nicht, wenn die Scheidung im Raum steht, sondern sie kommen dann, wenn sie merken, es läuft nicht rund. Dann machen sie diese Art Tüv und stellen sich Fragen wie: «Kann ich an unserer Beziehung etwas ändern und wie kann ich es ändern?» Das ist so ähnlich, wie wenn man sein Auto in die Werkstatt gibt oder Inventur macht.

Wann ist eine Paartherapie sinnvoll?

Matt: Wenn einer oder beide das Gefühl haben, es könnte an irgendeiner Stelle optimiert werden. Das kann Eifersucht sein, die Aufgabenverteilung im Haus, die Kindererziehung oder wie man mit dem Geld umgeht.

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Sollte man dann alleine oder zu zweit kommen?

Matt: Beides ist möglich. Stellen Sie sich die Partnerschaft als eine Art Mobile vor und dass dieses Mobile aus dem Gleichgewicht geraten kann. Dann ist es zwar effektiver, wenn man an zwei Stellen gleichzeitig korrigiert. Es ist aber durchaus auch möglich, dass man es nur an einer Stelle wieder ins Gleichgewicht bringt.

Wie viel Sinn macht eine Paartherapie, wenn einer von beiden sich nur widerwillig darauf einlässt?

Matt: Das ist häufig so. Zwar kommen die Paare, weil sie sich auf diesen Schritt geeinigt haben. Aber meist gibt es tatsächlich einen, der die Therapie mehr befürwortet als der andere. Wenn einer von beiden deutlich macht, dass er quasi unfreiwillig vor mir sitzt, ist das ein gutes Einstiegsthema. Ich schaue ihn dann mit einem Grinsen an und frage: «Sind Sie freiwillig hier oder wurden Sie unter Gewaltandrohung hierher geschleppt?» Dann lachen sie meistens, aber an dem Lachen sieht man auch schon, wie es demjenigen gerade geht. Oft sind es die Männer, die nicht freiwillig in die Therapie kommen, aber manche Frauen sind auch nicht freiwillig da. Ich schlage dann Einzelgespräche vor – und bekomme oft zwei völlig verschiedene Aufträge: Die Frau sagt, sie möchte die Ehe retten, und der Mann sagt, er möchte sich selbst nicht verlieren, was unterm Strich möglicherweise in dieselbe Richtung zielt, manchmal aber auch nicht.

Wie bringt man einen Partner dazu, mit zum Therapeuten zu gehen? Ein solcher Vorschlag kann ziemlich verletzend sein...

Matt: Ja, das ist wahr, denn man vermittelt dem Partner ja, dass die Beziehung gestört ist. Man macht ihm auf der anderen Seite aber auch deutlich, dass man die Beziehung retten möchte. Ich rate, diesen Tüv-Gedanken anzusprechen – so nach dem Motto: «Lass uns doch mal ein Gespräch machen mit einem neutralen Dritten, der soll mal gucken, ob wir an irgendeiner Stelle etwas optimieren oder lernen können, besser miteinander zu reden.»

Geben vor allem Frauen den Anstoß zu einer Paartherapie?

Matt: Generell ist es so, dass es Frauen leichter fällt, Hilfe zu suchen. Aber inzwischen ergreifen auch sehr viele Männer die Initiative und suchen Rat, weil sie in eine Dreiecksgeschichte verstrickt sind oder weil sie unter dem Genörgel der Frauen leiden und sich unsicher sind, was ihre Frauen eigentlich wollen.

Was raten Sie dann?

Matt: Zu hinterfragen, um was es eigentlich geht. Bei dem Genörgel ist es ja oft so, dass Frauen das Gefühl haben, nicht wahrgenommen zu werden. Frauen nörgeln ja nicht, weil das so cool ist, sondern weil es irgendeinen Grund gibt. Und den müssen Männer irgendwie herausbekommen.

Mit welchen Problemen kommen die Paare am häufigsten zu ihnen?

Matt: Die Probleme sind so verschieden wie es Menschen gibt: Sie nörgelt, er nörgelt, sie drängt, er drängt, sie hat einen anderen, er hat eine andere. Bei den einen geht es um Eifersucht, andere haben sich auseinander gelebt, haben keine Zeit füreinander oder der Job ist wichtiger als die Beziehung. Es ist wirklich ganz bunt, aber wenn man dahinter guckt, gibt es sehr wohl ein Standardproblem – und das lautet «Warum nimmt mich mein Partner nicht wahr?» beziehungsweise «Bin ich noch wichtig für ihn?».

Haben sich dadurch, dass sich die Rollenbilder von Mann und Frau verändert haben, auch die Beziehungsprobleme verändert?

Matt: Die Probleme sind meines Erachtens ähnlich geblieben, aber die Ansprüche an sich selbst und den Partner sind gestiegen. Früher war es so, dass man zum Scheidungsanwalt ging und parallel dazu zum Paartherapeut. Aber das hat sich gründlich gewandelt. Zu mir kommen ganz junge Paare, die in der ersten Beziehung sind. Die sagen: «Wir möchten, dass es hält – was können wir tun?» Der Trend, den Partner schnell zu wechseln, weil es nicht mehr läuft, ist vorbei. Mein Eindruck ist, dass man mittlerweile sehr viel mehr wertschätzt, eine Beziehung weiterzuführen – in dem Sinne Lebenskrisen sind Lebenschancen. Und man sagt nicht gleich: «Okay, das war's - der Nächste bitte!»

Lesen Sie auf Seite 2, wann eine Beziehung besonders gefährdet ist

Gibt es bestimmte Zeitpunkte, in denen Beziehungen besonders gefährdet sind?

Matt: Das sind die sogenannten Spitzen im Leben: Die Geburt eines Kindes kann Paare in Stresssituationen bringen, die müssen sich dann neu organisieren. Oder es kriselt um die Hochzeit herum – das ist der Krisenzeitpunkt schlechthin. Meiner Erfahrung nach gehen die meisten kurz vor oder kurz nach der Hochzeit fremd – sowohl Frauen als auch Männer.

Warum?

Matt: Es passiert einfach, weil man gerade dabei ist, sich lebenslänglich festzulegen, sehr viele Erwartungen hat, sehr viel Druck und Stress spürt und sich fragt: «Wie kann man sich sicher sein, ob dieser eine Partner der Partner fürs Leben ist?»

Wer geht denn mehr fremd: Frauen oder Männer?

Matt: Mein Eindruck in der Praxis ist, dass Frauen häufiger fremdgehen. Aber ob das tatsächlich so ist, weiß ich nicht. Ich glaube, dass sie es sehr viel geschickter machen als Männer.

Wie erklären Sie sich diese steigende Lust am Seitensprung?

Matt: Es liegt an den Gelegenheiten, das Leben ändert sich ja ständig, man wechselt die Arbeitsstelle, erweitert oder erneuert seinen Bekannten- und Freundeskreis. Und dann gibt es, im Unterschied zu früher, weniger Hemmungen und Tabus.

Warum ist ein Seitensprung für die meisten Beziehungen so schlimm?

Matt: Dazu muss man erst einmal klären, wo ein Seitensprung beginnt: Bei Frauen fängt er da an, wo emotionale Nähe zu einem anderen Menschen aufgebaut wird. Sie empfinden so eine Untreue auf der seelischen Ebene als sehr viel schmerzhafter als das tatsächliche sexuelle Fremdgehen.

Und wie ist das bei den Männern?

Matt: Da ist mein Eindruck, dass es die rein sexuelle Ebene ist, die am meisten weh tut. Die fühlen sich oft verraten, wenn ihre Partnerin fremdgeht.

Ist der Seitensprung ein Indiz für eine kaputte Beziehung?

Matt: Es ist immer die Frage, was man vorher ausgemacht hat. Es gibt Paare, die beschließen, dass es okay ist, mit anderen Partnern Sex zu haben. Da ist ein Seitensprung eher ein Indiz für ein nicht gesellschaftskonformes Modell der Partnerschaft. Aber letztlich ist es so, dass Partnerschaft zwischen den beiden Polen Nähe und Distanz stattfindet und dass sich der eine mehr auf dem Nähe-Pol und der andere mehr auf dem Distanz-Pol befindet. Und dass derjenige, der Nähe sucht, diese Nähe auch vom Partner einfordert, was demjenigen, der die Distanz sucht, noch mehr in die Distanz treibt

Wie schnell erkennen Sie, ob eine Beziehung noch zu retten ist?

Matt: Das sehe ich schon, wenn ein Paar das erste Mal zur Tür reinkommt.

Woran sehen Sie das?

Matt: Das kann ich nicht erklären, das ist ein Bauchgefühl, das über die Jahre gewachsen ist.

Wird während der paartherapeutischen Sitzungen häufiger geschrien oder geweint?

Matt: Es wird häufiger geweint. Aber es kommt auch zu Wutausbrüchen: Ich musste mal einen Mann raus werfen, weil er gewalttätig wurde. Solche Reaktionen sind allerdings die große Ausnahme.

Was ist für Sie als Therapeutin das Ziel?

Matt: Ich habe kein Ziel. Ich frage die Paare, was ihr Ziel ist. Meine Aufgabe ist es, sie auf dem Weg zum Ziel zu begleiten und zu beobachten, die Selbstregulierungskräfte des Paares wieder zu beleben und zu stärken. Wenn das gelingt, kann das Paar eine Entscheidung treffen. Entweder bringen beide die Kraft dazu auf, ihre Beziehung gemeinsam zu verbessern oder sich zu trennen. Für welchen Weg sie sich entscheiden, ist allein ihre Entscheidung, nicht die des Therapeuten.

Sind Sie Paartherapeutin in Ihrer eigenen Beziehung?

Matt: Nein, überhaupt nicht (lacht). Ich mache genauso alles falsch wie alle anderen. Aber ab und zu blitzt die Paartherapeutin in mir raus. Dann lacht mein Partner herzlich und sagt: «Ja, Frau Therapeutin, wird gemacht.».


Vera Matt (40) lebt und arbeitet als Paartherapeutin und heilkundliche Psychotherapeutin in Berlin. Weitere Infos: www.paartherapeutin-in.de und www.coaching-blog.info.

kat/reu/news.de

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