Sa., 26.05.12

Blutegel-Therapie 04.11.2009 Ekelhaft gesund

Blutegel (Foto)
So ekelhaft sie auch aussehen, Blutegel leisten in der Medizin wertvolle Hilfe. Bild: ddp

Von Maren Hennemuth

Ihr Anblick ist nichts für schwache Nerven: Blutegel haben zwei Mäuler mit je 240 spitzen Zähnen, die sich in der Haut ihres Opfers verbeißen und nicht so schnell wieder loslassen. Doch in der Medizin leistet der Parasit wertvolle Dienste.

Harald Galatis greift mit einer schnellen Bewegung in ein Becken und fischt einen Blutegel heraus. Das Tier in seiner Hand windet sich, zieht sich zusammen und streckt sich wieder. Dutzende Blutegel schwimmen sofort zu der Stelle, an der Galatis in das Wasser gegriffen hat - in der Hoffnung auf ein potenzielles Opfer.

«Blutegel haben gute Sensoren, die nehmen solche Bewegungen sofort wahr», sagt der Agraringenieur. Er ist Geschäftsführer von Deutschlands größter Blutegelfarm, der Biebertaler Blutegelzucht in der Nähe von Gießen. Die Firma verkauft die Tiere in die ganze Welt, wo sie unter anderem bei der Behandlung gegen Rheuma und Arthrose zum Einsatz kommen.

In etwa 40 Teichen züchten die Mitarbeiter um den Biologen Manfred Roth Blutegel für medizinische Zwecke. Etwa 1000 Tiere werden pro Tag verkauft. Doch bevor die Blutegel an die Kunden verschickt werden, müssen sie eine achtmonatige Quarantänezeit überstehen. «Jedes einzelne Tier wird in der Hand genau untersucht, ob es überhaupt geeignet ist», berichtet der Geschäftsführer. Zu große Blutegel seien für die Therapie nicht brauchbar. Galatis holt ein weiteres Tier aus dem Wasser und erläutert: «Wenn der Große hier sich strecken würde, wäre er 20 Zentimeter lang. Damit möchte wohl niemand behandelt werden.»

Roth hatte im Jahr 1990 die Gärtnerei in Biebertal gepachtet, um ein Projekt für schwer vermittelbare Arbeitslose zu errichten. Zunächst züchteten er und seine Mitarbeiter vor allem Pilze. In der Gärtnerei gab es aber schon vorher eine kleine Blutegelzucht mit 1000 Tieren, die nebenbei so weiter lief. Schnell wurde jedoch das Potenzial von Blutegeln für medizinische Zwecke deutlich, und der jährliche Absatz wuchs stetig.

Im vergangenen Jahr wurde die Zucht privatisiert. Der Jahresumsatz stieg erstmals über eine Million Euro, das Unternehmen verschickt pro Jahr rund 300.000 Blutegel. «Wir exportieren in viele europäische Länder, aber auch vereinzelt in die USA und Kanada», berichtet Galatis. Die Blutegel aus Biebertal sind für 6,55 Euro pro Stück erhältlich. Verkauft werden sie ausschließlich an Ärzte oder Therapeuten.

Die Heilpraktikerin Angelika Banysch aus Gießen arbeitet seit 15 Jahren mit Blutegeln. «Viele Menschen mit rheumatischen Erkrankungen oder Arthrose kommen in meine Praxis, um sich mit den Blutegeln behandeln zu lassen», berichtet sie. Bei der Therapie wird der Blutegel an einer Hautstelle angesetzt, wo er sich festsaugt. «Nach dem Biss muss die Wunde gut mit einer Kompresse versorgt werden. Sie blutet meist bis zu zwölf Stunden nach», erläutert Banysch. Die Behandlung mit Blutegeln sei äußerst wirksam.

In Biebertal forschen die Mitarbeiter gemeinsam mit Universitäten aus ganz Deutschland an dem genauen Wirkmechanismus. «Der Speichel, den das Tier beim Saugen abgibt, ist ein hochkomplexer Cocktail aus verschiedenen Substanzen», sagt Galatis. Neben dem schmerzlindernden Stoff sei darunter auch ein Wirkstoff, der die Blutgerinnung hemme. Dieser fördere die Blutzirkulation und helfe so gegen Entzündungen.

Doch viele Menschen stünden dem Blutegel misstrauisch gegenüber, hielten ihn für einen blutsaugenden Parasiten: «Die haben sofort die Assoziation: klein, glitschig, eklig.» Das ändere sich, sobald die Betroffenen mit dem Tier in Berührung kämen. «Patienten bauen oftmals eine emotionale Bindung zu dem Blutegel auf», sagt Galatis und berichtet von älteren Menschen, die mit Kniegelenksschmerzen zunächst viele Ärzte aufgesucht hätten - meist ohne Aussicht auf Schmerzlinderung. Dann hätten sie eine Blutegel-Therapie begonnen, die wirksam gewesen sei. «Menschen, denen die Behandlung mit einem Blutegel geholfen hat, sind dem Tier unendlich dankbar», sagt Galatis.

Früher sei es sogar üblich gewesen, dass die Patienten das Tier anschließend mit nach Hause genommen hätten. Doch das ist heute verboten. Die Tiere müssen nach der Behandlung getötet werden, da sie genau wie Spritzen aus Sicherheitsgründen nicht mehrfach verwendet werden dürfen.

car/juz/news.de/ddp
Leserkommentare (2) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Meggie
  • Kommentar 2
  • 04.11.2009 15:22
 Antwort auf Kommentar 1

Liebe Deborah, deinen Äusserungen könnte man entnehmen, dass Du Vegetarierin bist. Wenn nicht, machst Du Dir denn auch Gedanken darüber, woher das geliebte Schnitzel kommt? Es gibt mit Recht eine Menge zu kritisieren am Verhalten des Menschen. Mit Sicherheit stimmt es, dass das Wesen Mensch nicht selten zum Monster wird. Aber in diesem Falle ist Deine Kritik ziemlich übertrieben. Viele Grüsse, Meggie

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  • deborah
  • Kommentar 1
  • 04.11.2009 14:34
 

Das ist ja mal wieder ein schönes Beispiel, wie die "Krone der Schöpfung" die Natur ausbeutet: da heilt einen so ein Tierchen, ob nun als e(g)kelig empfunden oder nicht, und wird dafür anschließend abgemurkst. Ob wohl Blutegel arthritische Knie als appetitlich oder gar "zum Sterben" schön empfinden? Wer ist hier das Monster???

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