Sa., 26.05.12

Suizid im Alter 01.11.2009 Die letzte aller Türen

Suizid im Alter (Foto)
Als Pflegefall enden: Vielen älteren Menschen erscheint das als eine auswegslose Situation. Bild: ddp

Der Traum vom zufriedenen Altern geht nicht für jeden in Erfüllung. Im Gegenteil. Mehr und mehr alte Menschen haben Angst vor Krankheit, Abhängigkeit und Einsamkeit. Viele empfinden ihre Situation als so unerträglich, dass sie es vorziehen, ihr Leben zu beenden.

Sie wollte einfach nicht mehr. «Nicht noch einmal so einen Sommer erleben», schreibt die hochbetagte Frau mit verzweifelten Worten in einem Abschiedsbrief und stürzt sich wenig später im Rollstuhl die Treppe hinunter in den Tod. Suizide im Alter sind nach wie vor ein Tabuthema, obwohl die Zahlen alarmieren sollten: Mehr als 40 Prozent der Selbstmorde des Jahres 2007 in Deutschland wurden von einem Menschen über 60 begangen - Tendenz steigend. Experten halten Prävention jedoch für möglich und dringend geboten. Vor allem die Ärzte seien hier in der Pflicht.

Angst vor qualvollem Leid, vor Abhängigkeit von Mitmenschen, tiefsitzende Kränkungen und eingeschränkte Mobilität im Alter sind häufig Hintergrund für einen Suizid, wie der Soziologe Peter Klostermann bei der Untersuchung von 130 Fällen aus der Rechtsmedizin an der Berliner Charité herausgefunden hat. Dabei hat er vor allem Abschiedsbriefe analysiert und anhand der Ermittlungsakten die Hintergründe der Fälle rekonstruiert. Auch der Fall der über 80-jährigen Seniorin, die sich im Rollstuhl in die Tiefe gestürzt hat, gehört dazu.

Statistiken offenbaren Handlungsbedarf

Statistiken belegen: Mit zunehmendem Alter steigt die Suizidziffer, also die Zahl der Selbstmorde pro 100.000 Einwohner. Für das Jahr 2007 registrierte das Statistische Bundesamt insgesamt 9402 Selbstmorde. «Die Dunkelziffer dürfte aber beträchtlich sein», betont der Psychologe Georg Fiedler vom Therapiezentrum für Suizidgefährdete am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Nach Angaben des Nationalen Suizidpräventionsprogramms stirbt in Deutschland durchschnittlich fast alle zwei Stunden ein Mensch über 60 Jahre durch eigene Hand. Generell entschließen sich Männer eher als Frauen zu diesem Schritt; 2007 waren es 7009 (Frauen: 2393). Das ist auch bei den Älteren so. Fachleute erklären dies damit, dass Frauen eher in der Lage sind, auch noch im Alter ein Netzwerk zu unterhalten und sich im Notfall auch Hilfe zu suchen.

Angesichts der demografischen Entwicklung werde sich die Gesellschaft künftig mit dem Thema zwangsläufig auseinandersetzen müssen, prophezeit Fiedler. Mittel zum Gegensteuern liegen nach Ansicht der beiden Forscher auf der Hand und müssten schleunigst in die Tat umgesetzt werden: So könne man paradoxerweise beobachten, dass viele suizidgefährdete alte Menschen in den Wochen vor der Tat häufiger zum Arzt gingen, dort aber ihr wahres Leid oft nicht erkannt werde.

Verzerrtes Altersbild mit fatalen Konsequenzen

Daher müsse es eine noch stärkere Sensibilisierung auf medizinischer Seite geben, fordert Klostermann. «Und ein generelles Umdenken in der Gesellschaft.» Nach seiner Einschätzung liegt eine Ursache der Entwicklung in einer gesellschaftlich verankerten Altersdiskriminierung. «Ältere Menschen werden schlicht nicht ernstgenommen. Die Verletzlichkeit des Alters wird überhaupt nicht erkannt», kritisiert der Soziologe. «Wir tun gut daran, uns mit der Dynamik des Alters auseinanderzusetzen.»

So ein negatives und verzerrtes Altersbild habe fatale Konsequenzen: Denn ein Suizid werde als eine Art «Freitod» oder «Bilanzsuizid» eher gebilligt als bei einem jungen Menschen. So erscheine eine Selbsttötung am Ende eines «verbrauchten» Lebens plausibler und akzeptabler als in jüngeren Jahren. Hier müsse unbedingt gegengesteuert werden, fordern die Wissenschaftler unisono.car/news

Dass alte Menschen in einen derartigen emotionalen Ausnahmezustand kommen und sich für eine Verzweiflungstat entschließen, könne auch an einer psychiatrischen Erkrankung wie einer Depression liegen, betont Fiedler. «Und die kann man behandeln. Das Problem ist aber, dass man ältere Menschen mit Therapieangeboten nur sehr schlecht erreichen kann», fügt er hinzu. Viele hätten in ihrer Not Angst, sich beispielsweise dem Hausarzt zu offenbaren - «aus Furcht davor, diese Beziehung zu gefährden und möglicherweise in eine geschlossene Psychiatrie eingewiesen zu werden», weiß der Psychologe.

Zwar lässt sich nach seiner Einschätzung mit einer Psychotherapie nicht jeder Suizid verhindern, aber in vielen Fällen könne die Gefahr gebannt und die Erkrankung behandelt werden. Dafür müsse es aber erst einmal ein viel größeres Angebot an speziellen Hilfsmaßnahmen für ältere Patienten geben.

car/news.de/ap
Leserkommentare (7) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • tomahawk
  • Kommentar 7
  • 25.06.2010 16:05
 

Es werden immer mehr Menschen nach einem arbeitsreichen Leben eerkennen müssen, das sie ausser sich zudätzlich noch Stütze von Sozialamt abgeholt zu haben......Nichts bleibt. Das ist erschreckend.

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  • ragnaroekr
  • Kommentar 6
  • 03.11.2009 11:53
 

Ich schicke voraus, dass meine Schwiegermutter bis zu ihrem Tod bei uns eine Wohnung hatte. Sie wurde auch als Familienmitglied respektiert und behandelt. Meine beiden Kinder schwärmen heute noch, wenn sie an ihre Omi denken. Auch wenn das nicht immer ganz leicht war, empfehle ich jedem, genau so zu handeln. Ein altender Mensch kann auch eine Bereicherung sein, bzw. gehört in eine Familie. Auch wegen diesen Erfahrungen ziehe ich den Schluss, dass die Verwahrungsanstalten die Lebensqualität aller beeinträchtigen. Dies gilt für Altenheime, wie auch für Kitas. Ergänzend - ja, ersetzend - Holzweg.

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  • DOK13
  • Kommentar 5
  • 03.11.2009 10:27
 

Ja so ist das in Deutschland.Die Leute vergessen schnell wer sie auf die Welt gebracht hat und groß gezogen hat.Aber ein Trost bleibt uns Alten ja.Die jetzt so unverschämt auf die Alten schimpfen ,werden auch mal alt und ich hoffe sehr,dass die das alles selbst erleben und dann mal daran denken was sie den Alten angetan haben.Wie man in den Wald reinschreit,so kommt es zurück, hoffentlich ganz kräftig.Jahre lang haben die alten gearbeitet und müssen jetzt an der Armutsgrenze leben,alles was versprochen wurde ist ihnen genommen worden,kein Wunder dass sich da soviele umbringen.Schämt Euch Alle

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  • Elster
  • Kommentar 4
  • 02.11.2009 13:06
 

Na ,ich will doch die Rentenkasse noch ärgern .In ein Pflegeheim nur dann ,wenn ich nicht mehr für mich alleine sorgen kann .Es gibt doch auch die häusliche Pflege .Jeder Mensch wird alt ,dies machen auch die Reichen durch ,denn die Gesundheit können Sie sich nicht erkaufen.Welch eine Gerechtigkeit !!

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  • Peter Fischer
  • Kommentar 3
  • 01.11.2009 23:12
 

Es überrascht mich nicht, daß so viele ältere Menschen den Freitod wählen, denn in unserer "ach so sozialen Welt"sind wir älteren doch nur noch Ballast.Das hört man doch auch von unseren Volks- vertretern,die uns Rentner, die ja auch Jahrzehnte- lang ihre Beiträge in die Rentenkasse einzahlten, als Schmarotzer betiteln. Desweiteren kommt dann noch die Menschunwürdige Unterbringung und Pflege in den Heimen hinzu, wo der Pflegebedürftige doch nur noch dazu dient den Pflegeheimbeteibern die Taschen zu füllen, aber die Behandlung, Versorgung und Verpflegung ist das allerletzte. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, diese Verwahranstalten bes- ser zu überprüfen und kontrollieren.

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  • Mine
  • Kommentar 2
  • 01.11.2009 21:38
 

Mit ein bisschen guten Willen kann man die Älteren Kranken auch Zu-Hause Pflegen . Zum teil mit der Diakoni und Fam .Ich habe meine Arbeitszeit mit Einverständnis des Arbeigebers auf Zeit Verkürzt und meine Kinder haben auch Mitgeholfen die Oma zu Pflegen . Man Bekommt ja auch Hifsmittel . Auch Pflegegeld und die Liebe die ich bekommen habe konnte ich so zurück geben .

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  • Renate Dietrich
  • Kommentar 1
  • 01.11.2009 17:14
 

ja so geht es vielen "Alten". Wenn sie sich einem Arzt offenbaren würden, dann werden sie mit Medikamenten rugiggestellt oder einfach in die Psychartrie gesteckt! Pflegeheime und Altersheime sind ziemlich menschenübwürdig, eine Verwahrungsanstalt! So wie die Heime aufgezogen sind. Man könnte das alles anderst machen, viel menschenwürdiger, aber unsere Politiker sind viel zu doof dafür um sowas mal zu ändern, höchstens heisst es, daß es zuviel Geld kosten würde! Nur kommen leider Politiker nie in Heime, wenn sie alt sind, diese haben ja eine sehr hohe Pension, die steckt man nie ein Pflegeheim, wo es schrecklich zugeht!!

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