Sa., 26.05.12

Dritthäufigste Todesursache 28.10.2009 Auch Kinder trifft der Schlag

Schlaganfall bei Kleinkindern (Foto)
Schlaganfall ist nicht nur ein Thema im Alter. Auch die ganz Kleinen kann es treffen. Und die können nicht mal von den Warnsignalen berichten. Bild: DAK

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen

In Deutschland erleiden 200.000 Menschen pro Jahr einen Schlaganfall. Die meisten sind 60 Jahre und älter. Doch auch jüngere Erwachsene und Kinder kann es treffen. News.de spricht mit Dr. Matthias Spranger über Ursachen, Warnzeichen und Vorbeugung.

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Herr Dr. Spranger, Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache nach Herzkreislauf-Erkrankungen und Krebs. Warum erleiden so viele Menschen einen Schlaganfall?

Dr. Matthias Spranger: Weil wir uns zu ungesund ernähren und uns zu wenig bewegen, um es einmal ganz platt zu sagen. Letztlich ist der Schlaganfall eine Erkrankung von älteren Menschen, das Durchschnittsalter ist 60 plus. In diesem Alter hat man eine ganze Reihe von Wohlstandssegnungen hinter sich, hat sich im Laufe seines Lebens gut ernährt und gleichzeitig zu wenig bewegt, was gravierende Folgen haben kann – zum Beispiel einen Schlaganfall.

Was passiert bei einem Schlaganfall?

Spranger: Ein Schlaganfall wird zum Beispiel dadurch verursacht, dass das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt wird, weil sich die Gefäßwände verändern und Gefäße dadurch verstopfen. Die Folge ist, dass das Blut nicht mehr ins Gehirn gelangen kann, die betroffenen Hirnareale können ihre Funktion nicht mehr erfüllen und sterben ab. Zu einem Schlaganfall kann es aber auch dann kommen, wenn Gefäße im Laufe eines Lebens brüchig werden und platzen. Dann passiert genau das Gegenteil: Es blutet ins Gehirn hinein.

Sie haben einen Risikofaktor für Schlaganfall genannt: das Alter. Aber es gibt auch viele jüngere Betroffene, wie zum Beispiel den ehemaligen Boxer Axel Schulz, der mit 37 Jahren erkrankte. Wer ist denn noch Schlaganfall-gefährdet?

Spranger: Wachsam sollten vor allem diejenigen sein, die einen zu hohen Blutdruck und Diabetes haben. Aber auch bestimmte Herzerkrankungen und Thromboseneigung begünstigen einen Schlaganfall, ebenso Übergewicht, Nikotinabhängigkeit und Bewegungsmangel. All das kann dazu führen, dass es irgendwann knallt.

Irgendwann knallt es, sagen Sie. Hat man denn keine Chance, Warnzeichen an sich festzustellen?

Spranger: Doch, hat man. Schlaganfall hört sich nach einem Knall an, der plötzlich und unvermittelt eintrifft. Dem ist aber nicht so, denn es gibt in der Tat Vorzeichen, die nach kurzer Zeit wieder verschwinden, wie zum Beispiel ein Taubheitsgefühl im Arm oder einseitige Lähmungserscheinungen in Arm und Bein. Seh- oder Schluckstörungen können vorkommen. Manche sprechen verwaschen oder Kauderwelsch. Es kann sein, dass diese Symptome nur für kurze Zeit auftreten. Trotzdem sollte man sie ernst nehmen und sich untersuchen lassen, am besten i einer spezialisierten Stroke Unit (Anmerkung der Redaktion: spezialisierte Schlaganfallstationen). Wir erleben immer wieder, dass Angehörige von Betroffenen zu uns kommen und sagen: «Ja, das war schon mal so, dass ihm der Arm eingeschlafen ist, aber nach einer Stunde war es wieder gut.» Und eine Woche später haben sie einen kompletten Schlaganfall und können nicht mehr sprechen. Man kann nicht oft genug wiederholen, dass die Warnzeichen ernst genommen werden müssen.

Sie therapieren nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder. Wie kann es sein, dass Menschen, die gerade erst angefangen haben zu leben, einen Schlaganfall erleiden?

Spranger: Das sind noch nicht einmal wenige: 300 Kinder sind jährlich in Deutschland betroffen von einem Schlaganfall. Die Dunkelziffer ist weitaus höher, sodass Experten von 800 Kindern ausgehen. Ein Schlaganfall kann bereits im Mutterleib auftreten oder während der Geburt. Die Kinder werden normal entbunden und fallen dann erst im Alter von vier bis sechs Monaten auf – etwa wenn sie sich auf einer Seite nicht richtig bewegen können.

Was kann bei Kindern zu einem Schlaganfall führen?

Spranger: Im Unterschied zu Erwachsenen gibt es bei Kindern ein völlig anderes Zusammenspiel von Risikofaktoren und Ursachen. Meist sind diese angeboren. Gerinnungsstörungen spielen eine Rolle, aber auch Fehlbildungen oder Entzündungen der Gefäße und Herzfehler.

Kinder können oft nicht mitteilen, dass sie Beschwerden haben und was genau weh tut. Wie lässt sich dann ein Schlaganfall feststellen?

Spranger: Das ist das große Problem, gerade bei sehr kleinen Kindern. Es kann durchaus zwei bis drei Tage dauern, ehe man wirklich sieht: Das war ein Schlaganfall. Vermutlich werden viele Schlaganfälle bei Kindern auch gar nicht diagnostiziert, wenn die Folgen nicht so auffällig sind, oder sie werden nur zufällig in Zusammenhang mit anderen Erkrankungen erkannt. Aber je älter die Kinder werden, desto mehr treten die klassischen Symptome für einen Schlaganfall in den Vordergrund: Lähmung einer Körperhälfte, Lähmung der Gesichtsmuskulatur oder Sprachprobleme.

Zum Schluss: Können Sie ein paar Tipps zur Vorbeugung von Schlaganfällen geben?

Spranger: Mehr bewegen, sich gesund ernähren, auf sein Gewicht achten – und auch auf den Blutdruck. Man muss sich darüber klar werden, welche Risikofaktoren man hat und wie man mit diesen umgeht. Einige kann man durch eine gesunde Lebensweise vermindern oder sogar beseitigen.


Dr. Matthias Spranger ist Leitender Arzt im Neurologischen Rehabilitationszentrum Friedehorst in Bremen und Mitglied der Deutschen Schlaganfall-Hilfe.

kat/reu/news.de
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