Mo., 13.02.12

Telefonaktion Impfen überfordert Säuglinge nicht

Artikel vom 22.10.2009

Beim Thema «Impfen» erfolgt häufig ein erbitterter Schlagabtausch zwischen Befürwortern und Gegnern. Gerade junge Eltern sind verunsichert. Ihre Fragen haben Experten bei unserer Telefonaktion beantwortet. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten.

Die aktuelle Diskussion hat mich verunsichert. Soll ich mein Kind gegen die Neue Grippe impfen lassen?

Dr. Volker Vetter: Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut empfiehlt die Impfung gegen die Neue Influenza in erster Linie allen Risikogruppen. Dazu zählen Schwangere, Beschäftigte im Gesundheitsdienst und Menschen mit angeborenen oder erworbenen Immundefekten oder chronischen Erkrankungen – das können auch Kinder sein. Die Impfung sollte nach einer individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen. Besprechen Sie das Thema daher mit Ihrem Kinderarzt.

Was ist das Besondere an dem Pandemie-Impfstoff?

Vetter: Der Impfstoff gegen die sogenannte Schweinegrippe weist gegenüber dem saisonalen Grippeimpfstoff eine Besonderheit auf: Er enthält Hilfsstoffe, sogenannte Adjuvantien. Die Adjuvantien verstärken die Wirkung des Impfantigens, sodass der Impfstoff trotz niedriger Antigenkonzentration sehr wirksam ist. Außerdem wird erwartet, dass sie den Immunschutz verbreitern: Der Geimpfte entwickelt nicht nur Abwehrkräfte gegen genau das Virus, aus dem der Impfstoff gemacht wurde, sondern auch gegen Varianten davon. Das wird insbesondere dann wichtig, wenn sich Schweinegrippen-Viren verändern sollten. Impfstoffe mit Adjuvantien können etwas häufiger als andere Impfstoffe zu Reaktionen, wie einer Verhärtung an der Einstichstelle oder einer erhöhten Körpertemperatur führen, die allerdings vorübergehend und in der Regel harmlos sind.

Ist mein Baby solange ich stille durch den Nestschutz vor allen gefährlichen Krankheiten geschützt?

Dr. Antonio Pizzulli: Neugeborene erhalten von der Mutter schützende Antikörper gegen manche Krankheiten, sofern die Mutter diese selbst durchgemacht hat oder dagegen geimpft ist. Dazu zählen beispielsweise Masern, Mumps, Röteln und Windpocken. Dieser sogenannte Nestschutz gilt aber leider nicht für alle Krankheiten: Auch gestillte Kinder sind beispielsweise nicht gegen Keuchhusten geschützt, selbst wenn die Mutter die Krankheit bereits hatte. Und für Babys unter sechs Monaten ist eine Infektion gegen Keuchhusten sehr gefährlich. Daher sollten gestillte Kinder, genau wie Flaschenkinder, mit zwei Monaten die erste Sechsfach-Impfung gegen Tetanus, Diphtherie, Polio, Hepatitis B, Haemophilus influenzae Typ b und Keuchhusten erhalten.

Sind die Kombinationsimpfstoffe nicht zu viel für das Immunsystem meines Kindes?

Vetter: Babys kommen sozusagen steril zur Welt und müssen sich direkt nach der Geburt mit Milliarden von Keimen auseinandersetzen. Das ist keine Überforderung, sondern eine lebensnotwendige Stimulierung des Immunsystems. Ebenso wenig überfordern die Impfungen das Immunsystem eines gesunden Kindes. Heute enthalten die von der STIKO zur Grundimmunisierung aller Kinder empfohlenen Impfstoffe, etwa die Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken oder der Sechsfach-Impfstoff gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Hepatitis B, Kinderlähmung, Haemophilus influenzae Typ b, nur noch wenige Komponenten.

Ich habe Angst, dass durch die Impfung bei meinem Kind Allergien ausgelöst werden könnten.

Dr. Gerhard Hofmann: Es gibt keinerlei wissenschaftlich belegbare Hinweise darauf, dass Impfungen Allergien wie Neurodermitis oder Asthma auslösen. Im Gegenteil: Studien zeigen, dass in der ehemaligen DDR, wo sehr viel geimpft wurde, deutlich weniger Allergien auftraten als in den alten Bundesländern, wo weitaus weniger geimpft wurde. Direkte allergische Reaktionen auf Bestandteile eines Impfstoffs sind äußerst selten. Wenn ein Kind an der extrem seltenen Hühnereiweiß-Allergie leidet, sollte man vor einer Grippe-Impfung mit dem behandelnden Arzt sprechen.

Welche Nebenwirkungen können nach einer Impfung auftreten?

Pizzulli: Die Injektionsstelle kann gerötet sein und schmerzen, daneben können leichtes Fieber und grippeähnliche Symptome in den ersten beiden Tagen nach der Impfung auftreten. Diese Impfreaktionen zeigen, dass das Immunsystem arbeitet. Extrem selten können nach einer Impfung gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken diese Nebenwirkungen und eventuell ein leichter Ausschlag sieben bis 14 Tage nach der Impfung auftreten. Diese Nebenwirkungen sind in aller Regel harmlos und klingen schnell wieder ab. Zeigt ein Kind darüber hinaus Krankheitssymptome, sollte man einen Arzt aufsuchen. Meist steckt dahinter eine Infektion, die zufällig zeitlich mit der Impfung zusammenfällt aber in keinem direkten Zusammenhang mit dieser steht.

Bei meinem ersten Kind stand eine Impfung gegen Windpocken noch nicht zur Debatte, mein zweites Kind will unsere Ärztin jetzt impfen. Ist das wirklich notwendig?

Hofmann: Eine Windpockenerkrankung verläuft manchmal weitaus schwerer als gemeinhin angenommen. So können neurologische Komplikationen, wie zum Beispiel Schlaganfälle, oder Lungenentzündungen auftreten. Durch das Aufkratzen der Pusteln kann es zudem zu bakteriellen Zweitinfektionen der Haut kommen, die eine Antibiotika-Behandlung nötig machen. Die STIKO empfiehlt daher seit 2004 für alle Kinder zwischen elf und 14 Monaten die Windpocken-Schutzimpfung. Ihr Kind muss deshalb nicht öfter gepiekst werden: Es gibt heute einen Vierfach-Kombinationsimpfstoff, mit dem Sie Ihr Kind gleichzeitig gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken impfen lassen können.

Als ich meinen Kinderarzt nach der Bedeutung der Windpocken-Impfung gefragt habe, hat er vor allem von der «Herdenimmunität» gesprochen. Was genau meint er damit?

Hofmann: Damit meint er, dass jede geimpfte Person eine Barriere in der Infektionskette darstellt und so andere Menschen vor einer Infektion schützt. Das ist wichtig, da es Personen gibt, die nicht geimpft werden können. Dazu zählen Säuglinge, die noch zu klein für eine Impfung sind, Schwangere und Menschen, die aufgrund eines Immundefekts oder anderer Gründe nicht geimpft werden dürfen. Diese Menschen sind auf einen indirekten Schutz angewiesen: die sogenannte Herdenimmunität.

Ich habe gelesen, dass man sein Kind jetzt auch gegen Durchfall-Erkrankungen impfen lassen kann, stimmt das?

Vetter: Seit dem Jahr 2006 gibt es einen Impfstoff gegen Rotaviren, das sind die häufigsten Erreger von Durchfall-Erkrankungen bei Säuglingen und Kleinkindern in den ersten beiden Lebensjahren. Je jünger das Kind, umso höher ist die Gefahr eines schwerwiegenden Krankheitsverlaufs, da die kleinen Patienten sehr schnell „austrocknen“. Nicht selten ist dann ein Krankenhausaufenthalt mit Infusionen notwendig. Eine Impfung sollte daher möglichst früh erfolgen, im Idealfall erhalten Säuglinge die erste Dosis der Schluckimpfung mit sieben Wochen, die zweite Dosis folgt dann in einem Abstand von vier Wochen. Gerade in Zeiten einer möglichen Grippe-Pandemie sollte mit Impfungen Erkrankungen vorgebeugt werden, die einen Krankenhausaufenthalt nötig machen könnten.

Erstatten die Krankenkassen die Kosten für eine Impfung gegen Rotaviren?

Vetter: Sie finden im Internet unter www.gesundes-kind.de eine Liste der Krankenkassen, die die Impfung gegen Rotaviren bereits erstatten. Schauen Sie nach, ob Ihre Krankenkasse dabei ist – oder erkundigen Sie sich direkt bei Ihrer Kasse.

Vor welcher Krankheit schützt eine Pneumokokken-Impfung und wird sie für alle Kinder empfohlen?

Pizzulli: Pneumokokken sind Bakterien, durch die ganz unterschiedliche Erkrankungen hervorgerufen werden können. Dazu zählen schwere Erkrankungen wie Hirnhaut- und Lungenentzündungen oder eine Blutvergiftung. Außerdem sind Pneumokokken für etwa ein Drittel aller Mittelohrentzündungen im Kleinkindalter verantwortlich. Die STIKO empfiehlt die generelle Impfung gegen Pneumokokken für alle Kinder in einem Alter von sechs Wochen bis zu zwei Jahren.

Müssen Erwachsene ihre Impfungen regelmäßig auffrischen lassen?

Hofmann:
Ja, Jugendliche und Erwachsene sollten ihren Impfschutz generell alle zehn Jahre auffrischen lassen. Wenn sie Kontakt zu Säuglingen haben, gilt das insbesondere für die Keuchhusten-Impfung. Denn bei Erwachsenen verläuft eine Keuchhusten-Erkrankung häufig unbemerkt. So könnten sie unwissentlich ein Neugeborenes anstecken und damit in große Gefahr bringen. Die Keuchhustenimpfung wird mittlerweile generell nicht nur für Säuglinge, sondern auch für Erwachsene empfohlen, um die hohe Krankheitslast zu mindern.

Mein erstes Kind hat sehr häufig Mittelohrentzündungen gehabt. Ich habe gehört, dass es dagegen jetzt einen Impfstoff gibt.

Vetter: Eine Studie hat gezeigt, dass mit den neuen Pneumokokken-Impfstoffen viele akute Mittelohrentzündungen vermieden werden konnten. Gerade die Behandlung von Mittelohrentzündungen mit Antibiotika hat in den vergangenen Jahren verstärkt zu Resistenzen geführt. Dem versuchen wir unter anderem mit der Pneumokokken-Impfung vorzubeugen.


Die Experten am Telefon waren: Dr. Gerd Hofmann, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Dozent für Prävention im Säuglings- und Kindesalter an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg, Dr. Antonio Pizzuli, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin sowie niedergelassener Pädiater in Köln, und Dr. Volker Vetter, Arzt für Kinder- und Jugendmedizin in München.

kat/car/news.de/pr.nrw
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Leserkommentare (1)
  • Kommentar: 1
  • 04.11.2009 15:30
von
Mara

Mehr als lesenswertes zum Thema Schweingrippe und Klimawandel gibt´s hier: http://newstopaktuell.wordpress.com/category/marchen-aus-dem-hause-von-und-zu-schweinegrippe-und-klimawandel/

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