Sa., 26.05.12

Stottern 22.10.2009 Ein Kampf mit Worten und Vorurteilen

Wenn der Redefluss gestört ist: Welttag des Stotterns (Foto)
«Mehr als ein Knoten in der Zunge» ist das Motto des diesjährigen Welttag des Stotterns. Allein in Deutschland haben rund 800 000 Erwachsene Probleme. Bild: dpa

«Mehr als eine verknotete Zunge»: Das ist das Motto zum Welttag des Stotterns. Es spielt auf die Belastungen an, die die Sprachbehinderungen für Betroffene sind. Im Alltag bedeutet das häufig: einen Kampf mit den Worten und mit Vorurteilen.

Winston Churchill, Marilyn Monroe, «Mr. Bean» Rowan Atkinson, Bruce Willis und Dieter Thomas Heck hatten und haben alle dasselbe Problem: Stottern. Und sie sind prominente Beispiele dafür, dass das Stottern bewältigt werden kann. Von Heilung sprechen die Experten jedoch nicht, denn nur selten gelingt es den Patienten, vollkommen stotterfrei zu sprechen.

«Stottern ist sehr individuell, denn kein Mensch stottert wie ein anderer. So ist Stottern zwar einzigartig, aber durchaus nicht selten. Ein Prozent aller Menschen stottert - in Deutschland sind das über 800.000», teilt die Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe (BVSS) zum Weltstottertag am 22. Oktober mit.

Was ist Stottern?

Stotternde wissen genau, was sie sagen wollen, doch die Worte wollen nicht ohne Störung fließen. Es kommt zu Sprechblockaden, Wiederholungen und Dehnungen im Satz. Bis heute sind die Ursachen des Stotterns nicht vollständig erforscht. Es wird jedoch angenommen, dass sowohl Veranlagung als auch auslösende Faktoren in der Kindheit eine Rolle bei der Entstehung der Sprechstörung spielen. Psychische Probleme gehören dagegen definitiv nicht zu den Ursachen.

In welchem Alter beginnt Stottern?

Das Stottern beginnt meist ohne offensichtlichen Anlass im Alter zwischen zwei und fünf Jahren, selten auch noch später. Zuvor hat das Kind bereits eine Zeit lang flüssig gesprochen. Bei fünf Prozent aller Kinder entwickelt sich zunächst Stottern. Die meisten Kinder sprechen bis zur Pubertät wieder flüssig. «Es lässt sich bislang nicht vorhersagen, welche Kinder das Stottern wieder verlieren und bei welchen es bestehen bleibt», so die BVSS. Etwa doppelt so viele Jungen wie Mädchen beginnen nach Mitteilung der Selbsthilfe zu stottern. Mädchen verlören das Stottern häufiger wieder.

Wird Stottern vererbt?

Stotternde Menschen haben im Vergleich zu nicht stotternden etwa dreimal häufiger Verwandte, die ebenfalls stottern. Und: Stotternde Frauen haben häufiger stotternde Kinder als stotternde Männer. Zwillingsstudien haben ergeben, dass bei eineiigen Zwillingen (identisches Erbgut) häufiger beide Zwillinge stottern als bei zweieiigen Zwillingen (unterschiedliches Erbgut).

«All dies spricht dafür, dass ein Erbfaktor bei der Entstehung des Stotterns eine Rolle spielt», so die BVSS. Stottern wird jedoch nicht direkt vererbt, sondern vermutlich wird eine Veranlagung zum Stottern weitergegeben. Damit sei die Möglichkeit gemeint, die zum Stottern führen kann, aber nicht muss.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass im Durchschnitt 70 bis 80 Prozent der Wahrscheinlichkeit, ob ein Kind stottert, genetisch bedingt ist, während Einflüsse aus der Umgebung hierzu 20 bis 30 Prozent beitragen.

Welche Therapien gibt es?

Man kann zwei Hauptrichtungen unterscheiden: die Stottermodifikation (auch «Nicht-Vermeidungs-Ansatz» genannt) und das Erlernen von Sprechtechniken (Fluency Shaping). Bei der ersten Methode lernt der Patient, in sein Stottern einzugreifen - er lernt, eine akute Situation, in der Stottern bei ihm auftreten kann, frühzeitig zu erkennen und abzuwenden oder sie mit Hilfe spezieller Techniken zu mildern.

Bei der Fluency Shaping-Methode eignen sich die Betroffenen Techniken an, wie der weiche Stimmeinsatz am Anfang des Wortes, das Dehnen von Vokalen und das Kontrollieren der Atmung.

Hypnose, Akupunktur, Entspannungsverfahren, technische Hilfsmittel und Psychotherapie werden vereinzelt auch als Behandlungsmethoden für Stottern angeboten. Bei diesen Verfahren seien aber keine Wirksamkeitsnachweise bekannt, warnt die BVSS. Die Selbsthilfe empfiehlt, auf die Therapien bei Logopäden und Sprachheilpädagogen zurückzugreifen.

Die Sprechangst kann das Leben beherrschen

Eine Therapie sei auch deshalb ratsam, weil sich stotternde Menschen oftmals Vorurteilen ausgesetzt sehen: Sie seien weniger intelligent, nervös oder geistig zurückgeblieben. «Dieses weit verbreitete Bild führt bei vielen Betroffenen zu einer regelrechten Sprechangst, die das alltägliche Leben beherrschen kann», so die BVSS.

Aus Furcht vor Ablehnung vermeiden viele stotternde Menschen bestimmte Wörter und Situationen oder suchen gar die soziale Isolation. Verständnis finden viele Betroffene oftmals nur in Selbsthilfegruppen, in denen sie ihre Probleme ohne Druck schildern können. «Dabei wäre den meisten stotternden Menschen schon mit ein wenig Geduld ihres Gegenübers in alltäglichen Gesprächen geholfen», teilt die Selbsthilfe mit.

Die BVSS setzt sich seit 30 Jahren für die Belange von Stotternden ein. Zum diesjährigen Welttag des Stotterns bekräftigt sie ihre Forderung nach verstärkter Prävention: Eltern sollen sich frühzeitig mit Sprachstörungen ihrer Kinder befassen und Lehrer verstärkt im Umgang mit stotternden Kindern geschult werden. Damit soll stotternden Menschen von Kindesbeinen an ein selbstbewusster Umgang mit der Sprechbehinderung ermöglicht werden. Schließlich bedeutet Stottern für die Betroffenen «mehr als nur eine verknotete Zunge».


Die Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe ist im Internet unter www.bvss.de und telefonisch unter der Rufnummer (0221) 1391106 zu erreichen.

car/news.de/dpa
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