Von Manuela Ellmers
Der Schlachtruf schallt laut über das Spielfeld der Uni Oldenburg. «Wir sind die Keiler, keiner ist geiler», brüllt die Mannschaft des Jugger-Vereins «Oldenburger Keiler». Jugger ist ein Trendsport, der bei den Jugendlichen Aggressionen abbauen soll.
Trainer der Mannschaft und Vorstandsvorsitzender des Vereins ist der 26-jährige Jann Heye Ksellmann. 20 Jahre nach dem Kinofilm Jugger - Kampf der Besten boomt die auf dem Film basierende, gleichnamige Schlachten-Sportart, erzählt Ksellmann. In Deutschland ist er allerdings noch kaum bekannt. Ein Spiel dauert zweimal 100 Steine - ein Stein entspricht 1,5 Sekunden. Als Spielgerät dient ein aus Schaumstoff geformter Hundeschädel, der Jugg.
«Drei, zwei, eins - Jugger», ruft Ksellmann und das Spiel beginnt. Zwei Fünferteams laufen, von dumpfen Trommelschlägen begleitet, mit sogenannten Pompfen aufeinander zu. Pompfen, das sind bis zu zwei Meter lange Polsterwaffen, die wie überdimensionierte Wattestäbchen aussehen. Wer den Jugg zuerst ins gegnerische Mal platziert, erzielt einen Punkt. Das sieht von außen brachial aus, ist es nach Worten von Ksellmann aber nicht. Im Gegenteil: Die Sicherheit der Spieler sei wichtig, Team- und Fairplay werde groß geschrieben.
Der große Vorteil der neuen Sportart: Die Spieler können ganz gefahrlos ihre Aggressionen abbauen. Juggern wird somit zur Stresstherapie mit butterweichen Waffen. Dass sie dabei ordentlich ins Schwitzen kommen, ständig in Bewegung sind und durch ständigen vollen Körpereinsatz ihre Ausdauer trainieren und sich somit fitter halten als beim Joggen, ist nur ein weiterer positver Gesundheitseffekt. Gleichzeitig fördern die Geräten, die nicht zum unkontrollierten Zuschlagen und Schmerzenzufügen, sondern zum strategischen Kampf eingesetzt werden, Motorik und Koordination, sowie Konzentration und Geschicklichkeit.
«Unser Jugger ist erstaunlich harmlos, obwohl es dicht am Film ist», sagt auch Ruben Wickenhäuser vom Verein Jugger Berlin mit Blick auf den doch «sehr brutalen» australischen Streifen aus den 80er-Jahren. Darin kämpfen moderne Gladiatoren in der postapokalyptischen Zeit des 23. Jahrhunderts um ihren Lebensunterhalt, indem sie von Dorf zu Dorf ziehen und juggern. Das von Regisseur und Drehbuchautor David Webb Peoples eigens für den Streifen erfundene Spiel lieferte die Vorlage für den Trendsport.
Zwischen Fußball und Fechten
Und der hat laut Wickenhäuser in den vergangenen Jahren in Deutschland zunehmend an Popularität gewonnen. 2003 wurde die Jugger-Liga gegründet, in der aktuell etwa 60 Mannschaften spielen. 2008 gab es in Berlin die erste Jugger German Open, bei der neben dem deutschen Team Jugger aus Australien und Irland antraten. «Es ist ein ziemlich einzigartiges Spiel», erklärt der 35-Jährige, der 2006 das Buch Juggern statt Prügeln veröffentlichte. «Es ist einerseits eine Mannschaftssportart wie Fußball, hat andererseits aber auch eine individuelle Komponente wie Fechten», erklärt Wickenhäuser.
Im Sommer dieses Jahres wurde Jugger nach Angaben von Keiler-Trainer Ksellmann durch die Aufnahme des Oldenburger Vereins in den niedersächsischen Landessportbund (LSB) zum ersten Mal in Deutschland offiziell als Sportart anerkannt. «Das war uns wichtig», sagt der 26-jährige Diplom-Kaufmann. Die Aufnahme wurde jedoch erst dadurch möglich, dass die Oldenburger Keiler auf die Hundeschädel-Attrappe als Spielgerät verzichteten. «Sie passte nicht zu den ethischen Grundsätzen des LSB», begründet Ksellmann die Entscheidung. Als Jugg dient jetzt eine längliche Schaumstoff-Gurke.
Die Spieler kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten und Altersklassen. In Oldenburg sind mit rund 60 Prozent überwiegend Studenten in den Mannschaften vertreten. Neue Mitstreiter werden in der Regel durch Mundpropaganda gewonnen. «Bei der Gründung unseres Vereins im Jahr 2006 hatten wir acht Mitglieder, heute sind es 64, darunter 20 Prozent Frauen», sagt der 26-Jährige. Er kümmert sich auch um die Nachwuchsarbeit.
«Jugger ist für den Schulsport durchaus interessant, weil es eine Gruppensportart ist», erklärt Frank Harms. Der Sportlehrer hat das Spiel im vergangenen Jahr an den Berufsbildenden Schulen in Varel mit Schülern der zwölften Klasse ausprobiert. «Die waren alle hellauf begeistert», sagt der 44-jährige Pädagoge. Die Schüler hätten schnell gemerkt, dass einer allein das Spiel nicht gewinnen kann, dass jeder auf den anderen angewiesen ist, erzählt Harms. Gegen Jugger spreche allerdings der martialische Hintergrund, der so nicht auf die Schule übertragen werden könne.
kat/kab/news.de/ddp