Von Ira Kugel
Sie lag monatelang im Wachkoma und bekam dennoch ein gesundes Kind: Die Uniklinik Erlangen hat den Fall einer 42-jährigen Frau beschrieben, deren Hirn von der 13. Schwangerschaftswoche an irreparabel geschädigt war.
5.38 Uhr an einem Morgen im Frühjahr 2008: Ein kleiner Junge kommt per Kaiserschnitt auf die Welt. Wie die meisten Neugeborenen schreit er laut, die Hebamme legt der Mutter den 2390 Gramm schweren Jungen auf die Brust. Dass die Frau dabei keine Regung zeigt, überrascht die Ärzte nicht. Die 41-Jährige befindet sich im Wachkoma, die Welt um sie herum nimmt sie nicht wahr. Nach einem Herzinfarkt im Dezember 2007 sind 70 Prozent ihres Gehirns geschädigt - nur das Stammhirn, das unter anderem für die Atmung zuständig ist, funktioniert noch.
Über 22 Wochen hinweg hatten sich Ärzte und ein Pflegeteam der Uniklinik Erlangen Tag und Nacht um die alleinerziehende Mutter zweier Kinder und ihr Ungeborenes gekümmert. Dass der heute eineinhalbjährige Junge völlig gesund ist, sei keine Selbstverständlichkeit, betont der Direktor der Frauenklinik, Professor Matthias Beckmann. «Es ist nicht nur Medizin, sondern auch Glück.»
Unterstützt worden sei das Pflegeteam von den beiden älteren Kindern. Sie hätten sich während der Schwangerschaft rührend um ihre Mutter gekümmert, erzählt Beckmann. Um das Krankenzimmer zu verschönern, hängten sie selbstgemalte Bilder an die Wände und stellten ein Radio auf - auch wenn ihre Mutter davon wohl nichts mitbekam. Sie musste über eine Sonde ernährt werden, alle drei Stunden lagerte das Pflegeteam die 100 Kilo schwere Frau um. «Wir haben auch viel mit ihr gesprochen», sagt Pflegerin Andrea Maywald.
Heute befindet sich die inzwischen 42-jährige Frau in einer speziellen Pflegeeinrichtung. «Aber es geht ihr nicht gut», sagt Beckmann. Die Hirnschädigung sei irreparabel. Der Arzt berichtete, weltweit seien rund 25 Fälle von Schwangeren im Wachkoma oder mit Hirntod bekannt. Dort hätten die Schwangerschaften aber oftmals mit Schädigungen des Kindes geendet, betonte der Mediziner. Der Erlanger Fall sei auch deshalb außergewöhnlich, weil es viele Risikofaktoren wie Übergewicht und Diabetes gegeben habe.
Der Junge war ein Wunschkind
Der Junge sei ein Wunschkind gewesen, sagte Beckmann. Nachdem die Schwangere, die in Bayern auf dem Land lebte, in das Krankenhaus eingeliefert worden war, habe die Klinik Kontakt zum Umfeld der 41-Jährigen aufgenommen. Indem die Klinik die Schwangerschaft aufrechterhalten habe, habe sie dem Wunsch der Mutter entsprochen, glaubt Beckmann.
Einen experimentellen Charakter habe das nicht gehabt, sagte der Leiter der Professor für Ethik in der Medizin, Andreas Frewer. Im Vordergrund habe das Wohl von Mutter und Kind gestanden. Juristisch gesehen hätte die Klinik auch die Möglichkeit gehabt, auf eine sogenannte «Maximaltherapie» zu verzichten, sagte Beckmann. «Wir denken, die Mutter wäre zuerst gestorben und dann das Kind.»
Ein Ethik-Komitee mit Experten aus Gynäkologie, Kardiologie, Medizinethik und Klinikseelsorge betreute die Schwangerschaft. Der Vater des Jungen habe die ganze Zeit über keine Entscheidungsmacht gehabt, weil er und die 41-Jährige nicht verheiratet seien, erklärte Beckmann.
Es sei zu begrüßen, dass eine Diskussion über die Frage ausgelöst worden sei, was medizinisch machbar und ethisch richtig ist, hatte der Professor für Ethik in der Medizin, Andreas Frewer, vor einigen Tagen in einer Erklärung betont. Nachdem die Uniklinik vergangene Woche erstmals über die Wachkoma-Geburt berichtet hatte, war zudem eine Debatte über die Frage der Einzigartigkeit des Falls entbrannt. Das Klinikum Nürnberg hatte erklärt, es habe dort in diesem Sommer ebenfalls eine Geburt einer Wachkoma-Patientin gegeben. Weltweit gibt es rund 25 veröffentlichte Fälle von Schwangeren im Wachkoma oder mit Hirntod, die oftmals mit Frühgeburten oder ernsten Schädigungen des Kindes endeten.
Das Jugendamt hat nach der Geburt des Erlanger Jungen die Obhut für den Kleinen übernommen. Der Vater könne sich aus beruflichen und finanziellen Gründen nicht um seinen Sohn kümmern, er sei viel im Ausland unterwegs. Auch die beiden Halbgeschwister des Jungen werden vom Amt betreut.
car/news.de/dpa