Sa., 26.05.12

Folteropfer im Heilgarten 19.10.2009 Wurzeln schlagen in der Fremde

Gartenarbeit (Foto)
Die Arbeit im Garten gibt Kraft, die Folgen von Krieg und Folter besser zu verarbeiten. Bild: pixelio

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen

Die Arbeit in der Natur kann helfen, körperliche und seelische Leiden zu heilen. Zahlreiche Kliniken und Seniorenheime in Deutschland setzen bereits auf die heilsame Wirkung von Therapiegärten. News.de besuchte einen Heilgarten für Folteropfer.

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Er hatte einen großen Garten. Früher, in der Heimat. Jeden Tag hat er dort ein paar Stunden verbracht. Samen eingestreut, Büsche geschnitten, Unkraut gejätet, Beete umgegraben und Obst und Gemüse geerntet. Doch dann kam der Krieg, und Goran Krasnic (Name von der Redaktion geändert) ist mit seiner Familie geflohen und hat seinen Garten, sein Haus, seine Bäckerei, sein ganzes Land zurückgelassen.

Jetzt sitzt er auf einer Parkbank unter hohen Bäumen und blättert in einem bunten Magazin in serbokroatischer Sprache. «Sehen Sie!», winkt der ältere Herr in blauem Hemd und grauer Flanellhose einen Besucher heran. «Kiwi, Bananen, Erdbeeren – Vitamine!» Als gelernter Bäcker liest er gerne Rezepte und versucht, sie – so weit sein Deutsch reicht – zu übersetzen. Dabei vergisst er nie, das Wörtchen «gesund» zu erwähnen. Er gibt ein friedliches Bild ab – der grauhaarige Mann im Garten.

Doch das, was er erlebt hat, war alles andere als friedlich. 1993 wurde Goran Krasnics Leben über Nacht zerstört. Serbische Milizen rückten in sein Dorf ein, machten alles, was ihm gehörte, dem Erdboden gleich. «Alles kaputt», sagt Goran Krasnic, «nichts ist mehr da.» Er musste gehen. Sofort. Und kam mit seiner Familie nach Berlin.

Zwölf Jahre hat er sich nicht auf die Straße getraut

Es hatte lange gedauert, bis Goran Krasnic über sein früheres Leben reden konnte. Zwölf Jahre lang traute er sich auch in Deutschland kaum auf die Straße. «Ich bin nicht einkaufen gegangen und auch nicht spazieren», erzählt der Kroate. Lange ging das so. Bis ihm endlich jemand riet, professionelle Hilfe zu suchen.

Die Hilfe hat Goran Krasnic im Behandlungszentrum für Folteropfer (bzfo) im Berliner Stadtteil Moabit gefunden. Dort sitzt er im interkulturellen Heilgarten und erzählt stolz, dass er einer der ersten war, die sich hier ein eigenes Beet anlegten – mit Pflanzen, die er von zu Hause kannte und die ihm das Gefühl gaben, auch in Deutschland einen Acker bestellen und Wurzeln ausbilden zu können.

500 Flüchtlinge werden jährlich im bzfo behandelt: Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer aus dem Kosovo, Irak, Iran, Afghanistan, Aserbaidschan, Togo und Tschetschenien. Aus insgesamt mehr als 80 Ländern. Das Behandlungszentrum, 1992 von Ärzten mit Unterstützung des Deutschen Roten Kreuzes gegründet, ist ihr Treffpunkt, wird so zu einem Spiegel der Weltpolitik.

Lesen Sie auf Seite 2, was die Menschen verbindet

So verschieden ihre Herkunft auch ist, sie alle eint, dass sie Furchtbares erlebt haben: Sie sind Opfer von Folter und Terror geworden, wurden geschlagen, gequält und vergewaltigt und sind «im höchsten Maße traumatisiert», wie Dr. Ferdinand Haenel, Leiter der Tagesklinik des bzfo, sagt. «Kriegserlebnisse und Folter führen oft dazu, dass Menschen ihre Würde und persönliche Orientierung im Leben verlieren», ergänzt Haenel.

Dazu kommen seelische Krankheiten wie posttraumatische Belastungsstörungen und eine Wut, die sich nach innen richtet. «Viele sind zerbrochen, wollen ihr Leben beenden», erzählt der Psychiater und Psychotherapeut. «Bei Einzelnen bricht die erlebte Gewalt nach außen; sie sind in Gefahr, kriminell oder gewalttätig zu werden.» Die medizinische und therapeutische Arbeit des bzfo will dem entgegenwirken.

Der Heilungsprozess wird unterstützt durch Kunst-, Gestaltungs-, Musik- und Physiotherapie sowie durch den interkulturellen Heilgarten. Die Idee stammt aus Göttingen, wo der erste «Internationale Garten» in Deutschland angelegt wurde und in dem Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammen kamen, um gemeinsamen Pflanzen aus ihrer Heimat anzubauen, zu züchten und zu ernten.

Die meisten Flüchtlinge vermissen ihren Garten

Das Konzept hat auch die Berliner überzeugt. «Wenn Sie Migranten fragen, was sie am meisten vermissen, dann lautet die Antwort oft: meinen Garten!», erzählt Elisabeth Hauschildt, die den interkulturellen Garten im bzfo leitet. Kartoffeln, Auberginen, Tomaten, Erbsen, Gurken, Kürbisse und Zucchini wachsen hier. In einem kleinen Geräteschuppen stehen Harken, Hacken und Schaufeln, die alle benutzen dürfen.

Den Unerreichbaren schüttet Hauschildt erst einmal einen Haufen Erde hin. Und redet nicht viel. Denn was zu tun ist, versteht sich von selbst. Pflanzen gehören in die Erde. Was grün ist, muss nach oben, Wurzeln müssen nach unten. «Das ist das Schöne an der Gartenarbeit», sagt die Biologin. «Man muss nicht groß erklären.» Und man kann sofort sehen, wie sie wirkt – wenn Patienten, die erst stumm und in sich versunken vor sich hingearbeitet haben, plötzlich anfangen zu reden.

«Hier können unsere Patienten ihre innere Ruhe wieder finden», sagt Hauschildt. Im Garten erleben sie Momente seelischer Entspanntheit, können durchatmen und Freiraum genießen. «Der Jahreszyklus der Pflanzen bietet Verlässlichkeit und Stabilität, der Anbau von eigenem Gemüse löst die Flüchtlinge aus der Rolle passiver Hilfeempfänger», sagt Hauschildt. «Der Garten wartet auf sie, hier werden sie gebraucht.»

Bei Goran Krasnic ist das Konzept sichtlich aufgegangen. Nach mehreren Monaten Therapie blühte er im Garten regelrecht auf. Und eines Tages stellte er sich zum ersten Mal wieder in die Küche und begann, wieder Brötchen zu backen.

mac/reu/news.de
Leserkommentare (4) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • ehrlich währt am längsten
  • Kommentar 4
  • 19.10.2009 14:55
 Antwort auf Kommentar 3

Korektur: Es muß natürlich heißen: Besser noch SELBST MUSIZIEREN!!! Systemfehler.

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  • ehrlich währt am längsten
  • Kommentar 3
  • 19.10.2009 14:52
 

Gut! Man sollte auch die Musiktherapie mit einbeziehen. Besser nicht selbst musizieren! Beschäftigen Sie sich mit der Hirnforschung boder laden Sie auch mal einen Hirnforscher ein! Es kommt auf die Schwingung an!!! Oder, der Ton macht die Musik!!! Oder, Musik wird oft als störend empfunden, da sie mit Geräusch verbunden!!! Das gilt aber nur für die Oldys die uns ständig mit der "Hammermusik" z.B. auf Bayern 1 schmackhaft gemacht werden soll. Credo: Musik kann heilen aber auch das Gegenteil bewirken! Ähnliches wäre über die Architektur zu sagen... Oft fehlt die Achtung vor der alten Substanz...

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  • Elstrud Consoir
  • Kommentar 2
  • 19.10.2009 14:33
 

Finde ich eine tolle Sache. Müßte mehr publik gemacht werden.

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  • qwert
  • Kommentar 1
  • 19.10.2009 13:07
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