Grippeimpfung «Freiheit verhindert kollektiven Schutz»

Grippeimpfung (Foto)
Die saisonale Grippe unterscheidet sich vom grippalen Infekt vor allem durch ihre schnellen Verlauf und hohes Fieber. Bild: dpa

Katharina SchlagerVon news.de-Redakteurin
Der Impfung gegen die saisonale Grippe wird immer wieder im Argwohn begegnet. Dennoch wird jedes Jahr aufs Neue dazu aufgerufen, sich piksen zu lassen. News.de hat bei Professor Peter Wutzler nachgefragt, warum die Impfung trotz aller Kritik sinnvoll ist.

Herr Professor Peter Wutzler, warum ist es so wichtig, sich gegen die saisonale Grippe impfen zu lassen?

Professor Peter Wutzler: Die saisonale Grippe stellt eine große Belastung der Bevölkerung dar. Es gibt jedes Jahr 5000 bis 8000 TodesfĂ€lle. Es gibt Millionen Krankschreibungen und ArbeitsausfĂ€lle. Auch Tausende von Krankenhauseinschreibungen. Alles in allem ist das ein Problem, das gesundheitlich und finanziell fĂŒr die Gesellschaft belastend ist.

Ist die Impfung ĂŒberhaupt sinnvoll? Schließlich besteht die Gefahr, dass sich das Virus innerhalb der Saison verĂ€ndert.

Wutzler: Die Impfung ist die beste prophylaktische Maßnahme, die wir haben. Wenngleich sie nicht optimal ist. Die Impfstoffe, die jedes Jahr von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen werden, enthalten drei Komponenten. Meist sind es zwei Antigene von Typ-A-StĂ€mmen und ein Typ-B-Stamm und das resultiert aus den stĂ€ndigen Überwachungssystemen, die die WHO in allen LĂ€ndern durchfĂŒhrt, um zu sehen, welche Viren zirkulieren und gegen welche Viren muss man die Bevölkerung aktuell schĂŒtzen.

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Das klappt zwar in der Regel bestens, es gibt aber auch Ausreißer. Wir hatten zwei in den letzten zwölf Jahren, wo ein anderes Virus zirkulierte als das, das im Impfstoff eingebaut war. Damit war der Schutz nicht optimal. Aber das können wir nicht verhindern. Wir wissen nicht, wie sich das jeweils entwickelt. Die andere Seite ist, dass wir von einer Impfung sprechen, die nicht 100-prozentig ist. Es ist eine Totimpfung, die nur Antikörper injiziert, die nach einem halben Jahr wieder nachlĂ€sst. Das ist nicht zu vergleichen mit Masern, Mumps oder Röteln, wo die Impfung ein Leben lang Schutz bietet.

Ist dieser Kurzzeitschutz gewollt, weil sich das Virus stÀndig verÀndert?

Wutzler: Das ist richtig. Zum einen Ă€ndern sich die Viren, so dass eine Aktualisierung erforderlich ist, zum anderen haben wir aber auch nicht die Impfstoffe, die wir brĂ€uchten. Wir können nicht Lebendimpfstoffe einsetzen. Aber das wĂ€re auch nur marginal wirksam, weil wir dann immer wieder andere Typen haben. Und gegen die wĂŒrde der Schutz dann nicht mehr wirken.

Muss man sich deshalb auch jedes Jahr aufs Neue impfen lassen?

Wutzler: Ja, das ist die Empfehlung.

Welche Bevölkerungsgruppen sollten sich unbedingt jedes Jahr impfen lassen?

Wutzler: Die wichtigste Gruppe sind Ă€ltere Menschen ĂŒber 60 Jahre. Und vor allem die Bewohner in Senioren- und Pflegeheimen. Wir haben die meisten TodesfĂ€lle auf diesem Bereich zu beklagen. Das sind meist Ă€ltere Leute, die geschwĂ€cht sind und bei denen das Virus gut ĂŒbertragbar ist. Die leben eng zusammen. Dann kommen alle Menschen jeglichen Alters, die Risikofaktoren haben. Das heißt, mit chronischen Erkrankungen des Herzens oder der Lunge oder Stoffwechselerkrankungen. Das können Kinder, Jugendliche oder Erwachsene sein. Diese Gruppe ist erhöht gefĂ€hrdet fĂŒr schwere VerlĂ€ufe einer Grippe. Hinzukommt das medizinische Personal, weil das besonders gefĂ€hrdet ist durch den Patientenkontakt, aber auch selbst ein Risiko fĂŒr seine Patienten darstellen könnte. Weitere Indikationen sind etwa bei Leuten im öffentlichen Verkehr, die viele Kontakte haben.

Heißt das, dass sich auch jemand, der im Supermarkt an der Kasse sitzt, unbedingt impfen lassen sollte?

Wutzler: Diese Gruppe lĂ€sst sich nur schwer definieren. Das ist eine Auslegungssache. Einige kassenĂ€rztliche Vereinigungen bezahlen etwa bei Schulen fĂŒr Lehrer und SchĂŒler. Manche sagen dagegen, dass die Gefahr nicht so groß ist.

Ab welchem Alter kann man geimpft werden?

Wutzler: Ab sechs Monaten ist das möglich. Nach oben ist das dann offen. Die ersten Monate kann man partiell zumindest schĂŒtzen, wenn man die schwangere Mutter im letzten Drittel der Schwangerschaft impft. Das hat den Grund, dass zum einen Schwangere schwerere VerlĂ€ufe durchmachen können und zum anderen wird in der Schwangeren eine Abwehr aufgebaut, die dem Kind als sogenannte LeihimmunitĂ€t mitgegeben wird. Es gibt inzwischen schöne Studien, die zeigen, dass solche Impfungen, die spĂ€teren Influenza-Erkrankungen von Kindern minimiert.

Muss man komplett gesund sein, wenn man sich impfen lÀsst?

Wutzler: Man kann auch mit leichten Infekten zum Arzt gehen. Was man nicht haben sollte, ist Fieber bei 38 Grad. NatĂŒrlich gibt es auch Ausnahmen, wie etwa bei einer Eiweißallergie. Da gibt es dann andere Impfstoffe. Komplett gesund sein muss man nicht. Das ginge auch gar nicht, weil ja gerade die Risikogruppe mit bereits vorhandenen Erkrankungen sich impfen lassen soll.

Lesen Sie auf Seite 2, was Menschen von der Impfung abhÀlt

Was gibt es fĂŒr Risiken, die Menschen von der Impfung abschrecken könnten?

Wutzler: Wir haben eine Untersuchung gemacht – in Deutschland, der Schweiz, in Frankreich – und haben gefragt, warum sich Menschen impfen lassen und warum nicht. Eine große Rolle spielte die Empfehlung des Hausarztes. Der hat eine SchlĂŒsselposition. Auch im negativen Sinn. Wenn der Hausarzt das nicht empfiehlt, dann gehen die auch nicht. Aber gerade die vielen TodesfĂ€lle sind Indiz genug fĂŒr die Notwendigkeit der Impfung.

Warum ist die Todesrate so hoch, wenn der Schutz zur VerfĂŒgung steht?

Wutzler: Es ist sowohl, dass die Impfung nicht genug genutzt wird und das Restrisiko, das bleibt. Meist sterben die Menschen nicht direkt an der Grippe. Obwohl es das auch gibt. Aber die meisten kriegen aufgrund einer VorschĂ€digung der Lunge bakterielle Infektionen und sterben dann an LungenentzĂŒndungen.

Könnte man durch verstÀrkte Kampagnen die Todesrate entscheidend senken?

Wutzler: Klar. Dadurch wĂŒrden weniger Menschen ĂŒberhaupt erst erkranken und wir hĂ€tten weniger komplizierte VerlĂ€ufe. Gerade bei den Älteren gilt es die Akzeptanz zu erhöhen. Die WHO hat das Ziel gesetzt, dass wir bis 2010 eine Impfrate von 75 Prozent in dieser Gruppe erreichen. Wir sind mit unseren 60 Prozent noch weit davon entfernt. Bei chronisch Kranken liegt es bei etwa 20 Prozent und beim medizinischen Personal liegt die Rate bei nur 20 Prozent. Das ist völlig unakzeptabel.

Warum ist die Rate gerade beim medizinischen Personal so niedrig?

Wutzler: Ja, wenn ich das wĂŒsste. Der Mediziner nimmt die Influenza in ihrer Schwere noch nicht wahr. In der Regel wird das mit der Influenza Ă€hnlichen Erkrankungen, wie etwa Schnupfen, in einen Topf geworfen. Daraus wird abgeleitet, dass es nicht so wichtig ist, gegen Influenza zu impfen. Es ist auch manchmal einfach eine Ignoranz, die wir nicht nachvollziehen können. Es ist zwar besser geworden, aber auf keinen Fall zufriedenstellend. Wir mĂŒssen daran arbeiten.

Wann geht die Grippesaison so richtig los?

Wutzler: In Deutschland ging sie bisher nie vor Ende Oktober los. Zum Ende des Jahres gibt es oft schon eine Erhöhung. Dann nimmt das in der Regel durch die Weihnachtsferien ein bisschen ab. Wenn die Kinder dann aber wieder in die Gemeinschaft gehen, dann schnellt das in der Regel hoch. Dann beginnt die richtige Grippesaison. Kinder gelten als das Feuer der Influenza. Die nehmen die Viren in den Schulen und KindergÀrten auf und tragen sie in die Familien hinein. Manchmal gibt es aber auch im Februar oder MÀrz nochmal einen Gipfel. Das ist schwer vorhersehbar.

Nun kommt in diesem Jahr auch die Schweinegrippe dazu. Muss man sich nun zweimal impfen lassen?

Wutzler: Die Impfungen haben nichts miteinander zu tun. Die sollten deshalb auch unabhĂ€ngig voneinander behandelt werden. Bei der Schweinegrippe hat der Bund einige Gruppen festgelegt, die vorrangig geimpft werden sollen. Dazu gehört das medizinische Personal. Dann kommt der öffentliche Dienst, soweit der stĂ€ndigen Kontakt hat mit anderen Menschen. Bei Schwangeren gibt es große Diskussionen. Wir wissen nur, dass die Schwangeren bei der Schweinegrippe viermal gefĂ€hrdeter sind fĂŒr komplizierte VerlĂ€ufe. Auch die Patienten mit Risikofaktoren sollten geimpft werden. Das Besondere bei der Schweinegrippe ist, das diese nicht wie bei normalen Grippen die ganz kleinen Kinder und die Ă€lteren Leute befĂ€llt, sondern die mittleren JahrgĂ€nge betrifft.

Wenn man nicht zu den Risikogruppen gehört, sollte man sich dennoch impfen lassen oder ist das nicht notwendig?

Wutzler: Sie können sich impfen lassen. Aber es ist derzeit noch nicht erforderlich. Bislang ist die Schweinegrippe eine harmlose Grippe. Viel harmloser als die saisonale Grippe. Aber wie sie sich noch entwickelt, das ist eine ganz andere Frage. Bei der saisonalen Grippe ist es auf jeden Fall ein Vorteil, wenn man sich impfen lĂ€sst, auch wenn es dafĂŒr keine Indikation gibt. Das gilt fĂŒr alle Altersgruppen.

Wie teuer ist das, wenn die Krankenkasse das nicht ĂŒbernimmt?

Wutzler: Etwa 15 Euro.

Hilft die Aufmerksamkeit, die die Schweinegrippe bekommt, die Menschen zur Impfung gegen die saisonalen Grippe zu mobilisieren?

Wutzler: Ich hoffe es. Aber ich befĂŒrchte, dass im nĂ€chsten Jahr die Akzeptanz wieder geringer wird. Besonders, wenn die befĂŒrchtete Verschmelzung von Schweinegrippeviren und anderen Grippeviren nicht eintreten sollte und wir zum GlĂŒck von einer Pandemie verschont bleiben. Wir haben das schon mal bei der Vogelgrippe gesehen, wo eine Ă€hnliche Situation war. Anschließend war die Bereitschaft, sich gegen die saisonale Grippe impfen zu lassen, zuerst sehr groß, nur um anschließend markant abzusinken. Obwohl das nichts miteinander zu tun hatte. Es kommt dann zu einer falschen Assoziation der Harmlosigkeit.

Warum verfallen die Menschen nicht bei der saisonalen Grippe in Panik, die viel schwerer verlÀuft als die Schweinegrippe und so viele Todesopfer fordert?

Wutzler: Medizinische AufklĂ€rung ist das eine. Die Medien tragen auch ihren Teil dazu bei. Es wird kaum ĂŒber die saisonale Grippe berichtet. Dabei hatten wir manchmal bis zu 30.000 TodesfĂ€lle. Das sind mehr Opfer als durch VerkehrsunfĂ€lle. Wir haben auch keine Regulative. In den USA ist es etwa so, dass wenn sie an Influenza erkranken und nicht geimpft sind, dann mĂŒssen sie das aus ihrer eigenen Tasche bezahlen. Wir tun uns da sehr schwer, von einem medizinischen Mitarbeiter zu fordern, dass er sich gegen Grippe impfen lĂ€sst. Das ist mit dem Grundgesetz und mit der Freiheit, die wir so hochhalten, nicht vereinbar. Das kann ich persönlich nicht nachvollziehen. Das oberste Anliegen muss doch sein, die Patienten zu schĂŒtzen. Vielleicht kommen bei uns irgendwann noch Regulative. Etwa dass Kinder, die in Einrichtungen wie KindergĂ€rten gehen, bestimmte Impfungen haben mĂŒssen. Da tun wir uns mit unseren etwas ĂŒberzogenen DemokratieverstĂ€ndnis schwer. Wir verhindern damit kollektiven Schutz.

Professor Peter Wutzler ist PrĂ€sident der Deutschen Vereinigung zur BekĂ€mpfung der Viruskrankheiten (DVV) und leitet das Institut fĂŒr Virologie und Antivirale Therapie am UniversitĂ€tsklinikum Jena.

car/news.de

Leserkommentare (6) Jetzt Artikel kommentieren
  • Mara
  • Kommentar 6
  • 04.11.2009 15:21

Absolut lesenswertes zum Thema Schweingrippe und Klimawandel gibtÂŽs hier: http://newstopaktuell.wordpress.com/category/marchen-aus-dem-hause-von-und-zu-schweinegrippe-und-klimawandel/

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  • Ano Nymus
  • Kommentar 5
  • 31.10.2009 14:42

Damit auch eine andere Stimme zu Wort kommt, bitte dieses Video ansehen: http://vituswilmsen.blogspot.com/2009/09/impfungen-sinn-oder-unsinn.html

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  • Kommentar 4
  • 31.10.2009 14:37

Wegen Verstoß gegen die Netiquette gelöscht.

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