Sa., 26.05.12

Besuch einer Frühchen-Station 12.10.2009 Eine Handvoll Leben

Frühchen (Foto)
Die Zahl der Frühchen ist durch vermehrte Risikoschwangerschaften angestiegen. Die Überlebenschance hat sich aber gebessert. Bild: dpa

Von Andrea Barthélémy

Eigentlich sollten neun Monate auf das Elternglück vorbereiten. Doch dann erblickt das Kind viel zu früh das Licht der Welt. Auf einer Frühchenstation muss sich das Personal nicht nur um die Kleinen kümmern. Auch die Eltern brauchen viel Unterstützung.

Der kleine Timm liegt im Halbdunkel, abgeschirmt durch ein dunkelrotes Tuch über seinem Inkubator. Timms winziger Brustkorb hebt und senkt sich ruckartig, ab und zu reckt er einen Fuß in die Höhe, der kaum länger ist als der Zeh eines ausgewachsenen Menschen. Timm ist neun Wochen zu früh zur Welt gekommen, wiegt noch keine zwei Kilogramm und muss beatmet werden. Dennoch zählt er damit fast schon zu den «Großen», die auf der Neugeborenen-Intensivstation des Virchow-Klinikums an der Berliner Charité versorgt werden.

In dem Glaskasten, der Timm nun den Mutterleib ersetzt, ist es feucht und warm: 37 Grad Celsius, 85 Prozent Luftfeuchtigkeit. Neben den Behandlungsklappen, durch die er komplett versorgt wird, baumelt ein Frottee-Mond als Spieluhr. Aufgereiht an der Wand dahinter: Beatmungsgerät und Monitore, die Atmung, Herzschlag und Sauerstoffsättigung kontrollieren. Es blinkt und leuchtet permanent, doch völlig lautlos.

«Ich war überhaupt noch nicht richtig auf die Situation vorbereitet», erzählt Sandra B. von der Zeit, als ihre heute dreijährige Tochter zwei Monate zu früh auf die Welt kam. «Wir hatten weder einen Vorbereitungskurs gemacht, noch hatte ich Ahnung von Säuglingspflege.» Obwohl sie wegen einer Schwangerschaftsvergiftung bereits in einem Perinatalzentrum lag, kam die Entscheidung zum Kaiserschnitt von jetzt auf gleich. Im Nachhinein sagt sie: «Wir haben sehr großes Glück gehabt.» Anna Louise musste weder beatmet noch längere Zeit per Sonde ernährt werden, gedieh prächtig und ohne Zwischenfälle. Dennoch: «Es war ein komisches Gefühl, dass ich durch meine Krankheit die Frühgeburt ausgelöst hatte.»

Eltern, deren Kinder noch viel früher und zarter zur Welt kommen, stellen sich die Schuldfrage oft noch viel unerbittlicher. Konfrontiert mit den winzigen Wesen, die so gar nichts von einem properen Neun-Monats-Baby haben, wachsen Berührungsängste sowohl körperlich als auch emotional. «Oft sind es die Männer, die gar nicht ins Krankenhaus wollen und sagen ‹Ich ertrag das nicht›», berichtet Katharina Eglin, selbst Mutter eines Frühchens und engagiert im Verband «Das frühgeborene Kind».

Der tägliche Besuch im Krankenhaus

«Wir haben uns von Tag zu Tag gehangelt. Es war ein ständiges Wechselspiel der Gefühle», erinnert sich Ursula Lock an die dramatische Zeit nach der Geburt ihrer Zwillinge Vincent und Malte. In der 29. Woche kamen die beiden per Kaiserschnitt in einem Perinatalzentrum in Krefeld zur Welt, Vincent wog gerade 1090 Gramm, Malte sogar nur 690 Gramm. «Die ersten Tage waren ganz kritisch. Und auch danach gab es immer wieder unvorhergesehene Krisen», erzählt die Mutter. Heute weiß sie kaum noch, wie sie die Serie aus Infektionen, Blutvergiftung, Leisten- und Hodenbrüchen, Atemproblemen und Netzhautablösungen durchgestanden hat.

Über ein Vierteljahr gingen Ursula Lock und ihr Mann in der Klinik ein und aus. «Jeden Tag war ich ab mittags im Krankenhaus. Ich hatte das Gefühl, wenigstens da sein zu müssen, wenn ich sonst schon nicht viel tun konnte.» Stück für Stück kehrte schließlich das Selbstvertrauen zurück, unterstützt von Ärzten und Schwestern. «Wir sind da richtig reingewachsen und haben unsere Kinder schließlich fast allein versorgt.»

«In der Klinik haben wir die Kinder auf Zeit adoptiert. Und wir gehen mit den Eltern ein Arbeitsbündnis ein», sagt der Kinderarzt Professor Christoph Bührer. Der Leiter der Abteilung Neugeborenen-Medizin am Charité ist davon überzeugt, dass die Eltern eine immens wichtige Rolle für die gute Entwicklung der Kinder spielen und so viel wie möglich eingebunden werden müssen.

Lesen Sie auf Seite 2, wie sich die Überlebenschancen verändert haben

Die Überlebenschancen für Frühchen haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Den großen Durchbruch gab es schon vor 20 Jahren. «Durch den Einsatz von Wehenhemmern können die Schwangeren nun in der Regel rechtzeitig in ein Perinatalzentrum gebracht werden, wo es sowohl Geburtshilfe als auch eine Kinderklinik gibt», sagt Bührer. Der große Vorteil: Die winzigen Patienten brauchen nach ihrer Geburt nicht mehr transportiert zu werden, was häufig zu gefürchteten Hirnblutungen geführt hat. «Seither überleben die Kinder nicht nur, sie überleben auch viel öfter gut. Denn in den ersten fünf bis sieben Tagen sind sie so empfindlich wie ein rohes Ei».

Die Zahl der Frühgeborenen ist in den vergangenen Jahren gestiegen. «Das kommt auch durch die wachsende Zahl an Risiko- und Mehrlingsschwangerschaften», sagt Bührer. Immer mehr Frauen entscheiden sich spät für ein Kind, aber eine Schwangerschaft in höherem Alter birgt auch ein höheres Gesundheitsrisiko. Als Frühchen gelten Kinder, die vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche das Licht der Welt erblicken. Eine normale Schwangerschaft dauert 40 Wochen.

Aufsteigende Infektionen, vorzeitiger Blasensprung oder eine Erkrankung der Mutter, wie etwa Schwangerschaftsvergiftung, sind weitere Gründe, warum Babys viel zu früh zur Welt kommen. Mittlerweile ist ihre Überlebensgrenze bis an eine Schwangerschaftsdauer von 23 Wochen nach vorne gerückt. «Es gibt aber auch Fälle, wo die Eltern das kaum lebensfähige Kind in Ruhe sterben lassen wollen», berichtet der Arzt. Dann werde auf Beatmung verzichtet und das Kind seiner Mutter nach der Entbindung auf den Bauch gelegt. Die schwierige Aufgabe des Arztes ist es, diese Frage im Gespräch zu stellen und die Eltern dann in ihrer Entscheidung zu begleiten.

Etwa ein Drittel der extremen Frühchen zeigen im späteren Leben Entwicklungsstörungen, haben körperliche oder geistige Behinderungen. Doch allen Statistiken zum Trotz, ist die Prognose im einzelnen Fall schwierig und ungewiss. Selbst Babys, die mit einer Schwangerschaftsdauer von 24 Wochen geboren werden, können eine erstaunliche Entwicklung hinlegen. Umgekehrt ist auch eine Geburt nach 28 Wochen keine Garantie für spätere Gesundheit.

Betreuungskonzept für Eltern

Wie dringend Kinder und Eltern in dieser Situation Unterstützung brauchen, davon wissen die ein Lied zu singen, die jeden Tag erleben, wie viel Druck und Sorge auf den Eltern und der vielleicht bereits bestehenden Familie lasten.

«Am Bett der Kinder reißen sich alle unheimlich zusammen. Da wollen sie funktionieren und uneingeschränkt für ihr Kind da sein», sagt Silke Germer. Sie ist eine von drei hauptamtlichen Beraterinnen, die am Berliner Virchow-Klinikum der Charité die Eltern von Kindern mit weniger als 1500 Gramm Geburtsgewicht oder anderen gesundheitlichen Problemen psychologisch und sozial unterstützen. Die Kinderkrankenschwester bittet zum Gespräch in einen kleinen, gemütlichen Beratungsraum. «Hier ist der Raum, wo sich Mütter und Väter endlich einmal fallen lassen können und wo Tränen fließen.»

«Am wichtigsten ist, dass die Eltern das Kind in ihre Familie aufnehmen ­ und zwar egal, wie es weitergeht», sagt die Beraterin. Die Elternberatung funktioniert nach einem strukturierten Betreuungskonzept für Eltern in einer außergewöhnlichen Krisensituation. Dabei versuchen die Beraterinnen, die gesamte Familie vom Aufnahmetag an im Blick haben, um den sicheren Übergang in die häusliche Umgebung zu gewährleisten.

Einmal im Jahr gibt es an der Klinik nicht nur ein Kinderfest für alle herangewachsenen Frühchen, sondern auch eine Gedenkfeier für all die Babys, die im vergangenen Jahr gestorben sind. «Die Eltern sind dankbar dafür, denn oft sind wir ja die einzigen, die das Kind außer ihnen überhaupt kannten.»

kat/car/news.de/dpa
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