Speiübel auf großer Fahrt
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Von news.de-Redakteurin Katharina Peter
Artikel vom 09.10.2009
Das Schiff schaukelt, der Reisebus ruckelt – und das Mittagessen kommt wieder hoch. Etwa zwei Drittel aller Erwachsenen wird bei dem Geschlinger einer Reise übel. Bei einem Viertel der Bevölkerung steigert sich das sogar bis zur Bewegungskrankheit.
Das von Medizinern als Kinetose (griechisch «Kineo», ich bewege) bezeichnete Phänomen äußert sich vor allem in Reise- und Seekrankheit. Sie kann sich je nach Intensivität und Zeitdauer der Bewegung in verschiedenen Symptomen manifestieren. Typisch sind Übelkeit und Erbrechen, aber auch Schwindel, beklemmenden Gefühlen, Müdigkeit, Ohrensausen, Kopfschmerzen und Blässe. Sogar bis zu einer Depressionen kann sich der Zustand steigern. Gemein: Erbrechen bringt keine Besserung mit sich.
Da der Körper aber sehr anpassungsfähig ist und es sich bei der Bewegungskrankheit um keine dauerhafte Erkrankung handelt, muss selbst jemand mit empfindlichem Magen eine mehrwöchige Kreuzfahrt nicht über der Reling hängend durchleben. Die Symptome lassen spätestens nach zwei bis drei Tagen nach.
Gefeiht ist niemand. So wird auch gestandenen Seemännern an den ersten Tagen auf Deck schon mal speiübel. Bleiben sie über längere Zeit auf See, kann ihnen beim ersten Landgang ebenfalls schwummerig werden. Auch Piloten, besonders in militärischer Ausbildung, kommt das Essen schon mal bei der Arbeit wieder hoch. Man spricht dann von der Variante Luftkrankheit. Auch Brechreiz durch virtuelle Bewegung – etwa im Kino oder bei einem 3-D-Computerspiel – zählt zu dem Krankheitsbild.
Diskrepanz zwischen Auge und Innenohr
Eine Ursache, die hinter den Symptomen vermutet wird, ist die Diskrepanz zwischen den Sinneswahrnehmungen. Während das Innenohr, das für das Gleichgewicht verantwortlich ist, Bewegung registriert, sieht das Auge etwa den unbeweglichen Innenraum des Autos. Das Gehirn reagiert mit dem gleichen Brechreflex, der auch zum Schutz vor Vergiftungen ausgelöst wird. Im Kino oder bei Computerspielen ist es umgekehrt. Während das Auge wahre Achterbahnfahrten erlebt, meldet das Innenohr Stillstand.
Deshalb wird etwa bei Autofahrten geraten, den Blick nicht auf etwas Starres zu fokussieren, etwa beim Lesen auf ein Buch oder ein Computerspiel. Stattdessen hilft es den Horizont im Blick zu behalten. Ablenkung, wie etwa ein Gespräch mit dem Mitreisenden oder Musik können helfen, um das Gehirn auszutricksen. Wer übrigens im Auto hinterm Steuer sitzt hat selten Probleme mit der Reisekrankheit. Konzentrieren sich die Augen doch auf die Bewegung auf der Straße und die vorbeifliegende Landschaft anstatt auf den Innenraum. Die Diskrepanz zwischen den Informationen ist dann nicht so groß.
Die Übelkeit ist leichter im Liegen zu ertragen. Akkupressur-Armbänder werden gerne von Seeleuten benutzt. Strategisch kann man durch die Platzwahl ebenfalls dem Brechreiz zuvorkommen. Im Auto ist der Beifahrersitz gegenüber der Rückbank vorteilhaft, im Flugzeug lässt es sich über den Tragflächen leichter aushalten und im Bus wird einem in der letzten Reihe schneller schlecht als unmittelbar hinter der Vorderachse. Auf einem Schiff greifen in der Mitte Reisende seltener zu Kotztüten.
Vorbeugen ist besser als Brechen
Vor Beginn einer Reise gibt es bereits einige Vorkehrungen, die getroffen werden könne, um die Brechgefahr abzuschwächen. Alkohol sollte für 24 Stunden vor Reiseantritt vermieden werden. Wer ausgeschlafen und stressfrei startet, dem schlägt auch ein bisschen Schaukelei nicht so schnell auf den Magen. Dieser sollte zudem nicht mit fettem Essen überladen sein. Eine kleine kohlenhydrathaltige Mahlzeit ist aber zu empfehlen. Wer im Auto unterwegs ist, sollte ab und zu kleine Pausen einlegen und frische Luft schnappen.
Das Innenohr als Gleichgewichtsorgan lässt sich trainieren. So gilt ganz allgemein: Wer sich körperlich fit hält, hat auch einen stabileren Gleichgewichtssinn als jemand, der sich wenig bewegt.
Die Rolle des Histamins
Der österreichische Allergologe Professor Reinhart Jarisch hat festgestellt, dass die Histamin-Konzentration im Hirn bei Reisekranken erhöht ist. «Histamin ist der wichtigste Mediator für die Seekrankheit», so der Mediziner. «Das war in der Tiermedizin bekannt. In der Humanmedizin konnte man das bisher noch nicht nachweisen. Da waren wir die Ersten.»
Histamin ist ein Botenstoff, der für den Kreislauf und die Regelung der Magensäure verantwortlich und bei Allergien beteiligt ist. Histamin scheint auch der Grund zu sein, warum Tiere, wie etwa Löwen oder Schweine nicht seekrank werden. Diese haben eine wesentlich höhere Histamintoleranz als Menschen. Müssen sie auch. Denn wenn etwa Fleisch verdirbt, bilden Bakterien Histamin. Je verdorbener das Fleisch, desto höher der Histaminanteil, desto höher das Vergiftungsrisiko. Einem Löwen macht Gammelfleisch jedoch nichts aus.
Jarisch ist überzeugt, dass die Wahrnehmung über das Auge für die Bewegungskrankheit nur eine sekundäre Rolle spielt. Denn: Auch Blinde können seekrank werden.
Der Allergologe rät deshalb Menschen, die zu Reisekrankheit neigen, zum einen Abstand zu histaminreichen Nahrungsmitteln wie Tomaten, Spinat, Thunfisch, Salami oder Rotwein für den Zeitraum der Reise zu halten. Zudem konnte Jarisch mit der deutschen Marine im praktischen Versuch nachweisen, dass Vitamin C gegen Übelkeit hilft. «Wir konnten zeigen, dass man die Seekrankheit mit Vitamin C Tabletten erfolgreich behandeln kann», sagt Jarisch.
Mittel gegen den Brechreiz
Am besten sei es Vitamin C über Lutschtabletten aufzunehmen, rät Jarisch. Denn die Wirkstoffe werden über die Schleimhäute in der Mundhöhle schneller aufgenommen, als bei einer aufgelösten Brausetablette, die erst den Weg über den Magen in die Blutbahn finden muss.
Aber auch Antihistaminika, die ohne Rezept in Apotheken erhältlich sind und in vielen Reisetabletten stecken, helfen gegen die Schwindelanfälle. Allerdings haben viele den Nachteil, dass sie schnell müde machen und zu Konzentrationsschwäche, Mundtrockenheit und Sehstörungen führen können. Es gibt sie in verschiedenen Dosierungen, sodass ausgetestet werden muss, welches Mittel tatsächlich die Reise angenehm gestaltet.
Seeleute greifen seit Jahrhunderten außerdem zu Ingwer. Ob nun Reisekaubonbons, Wurzel pur oder in Form von Pulver, die Pflanze bietet für alle die nicht gleich mit Medikamenten sich ihrer Reisekrankheit entgegenstellen wollen, eine positive Alternative.
sgo/news.de
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