Mo., 13.02.12

Nahrungsergänzungsmittel Das wankende Image der Vitamine

Von Susanne Donner

Artikel vom 29.09.2009

Wer seinen Vitaminhaushalt gut versorgt, der ist auch fit und gesund. So der weitverbreitete Glauben. Wer jedoch seinen Körper mit Tabletten besonders viel Gutes tun will, kann schnell das Gegenteil erreichen und etwa das Risiko für Diabetes erhöhen.

Die Begriffe «Radikale», «Zellgifte», «oxidativer Stress» meinen alle dasselbe und in jedem Fall nichts Gutes. Radikale sind hochreaktive Stoffe im Körper, die die Haut angreifen, ebenso die Zellen und das Erbgut. Sie machen alt und krank. Bei Krebs, Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes und Alzheimer spielen sie übel mit.

So ist es auch kein Wunder, dass Hersteller von Kosmetika und Vitaminpillen damit werben, dass sogenannte Antioxidantien in ihren Produkten die gefährlichen Stoffe aus dem Körper ziehen oder von ihm fern halten. Doch das Bild von den guten Vitaminen und den schlechten Radikalen wankt.

«Vitaminpräparate steigern das Diabetes-Risiko», lässt die Universität Jena als Ergebnis einer Studie verlauten. Ein Team um den Ernährungswissenschaftler Michael Ristow ließ 39 junge Männer täglich trainieren, weil sich Bewegung günstig auf den Zuckerstoffwechsel auswirkt und vor Diabetes schützt. Die Hälfte der Teilnehmer schluckte zusätzlich Vitamin E und C. Doppelt gut, sollte man meinen. Doch die Forscher stellten fest, dass die Pillen die positive Wirkung des Sports vollends zunichte machen.

«Wir müssen sogar davon ausgehen, dass Antioxidantien das Diabetes-Risiko eventuell erhöhen», schließt Ristow. Und damit noch nicht genug. Erst zwei Jahre zuvor ließ sein Team verlautbaren, dass Vitamine und andere Antioxidantien womöglich die Lebenserwartung vermindern

Widersprüchliche Studien zu Vitaminen und Mineralstoffen

Andernorts ist man zaghafter in der Formulierung, aber ähnlich in der Tendenz. Ende 2008 brach das amerikanische National Cancer Institute eine Studie mit 35.000 Teilnehmern überraschend ab. Sie hatten wahlweise Vitamin E oder den antioxidativen Mineralstoff Selen gegen Prostatakrebs genommen. Doch in der Vitamin-E-Gruppe fand man den gefürchteten Tumor sogar häufiger. Die Patienten, die Selen einnahmen, wurden dagegen häufiger zuckerkrank.

Es ist nicht das erste Mal, dass auch in Pillen eingenommenes Selen negativ auffällt. So kann zu viel des Minerals das Risiko für Diabetes um 57 Prozent emporschnellen lassen, wie Forscher 2007 beobachteten. In einer anderen Erhebung wurden fast dreimal mehr Menschen zuckerkrank. Allerdings bietet die Fachliteratur, wie bei allen Vitamin- und Mineralstoffen, auch Widersprüchliches. Eine Studie fand keinen Einfluss von Selen auf die Gesundheit, eine andere einen positiven Effekt.

So viel ist zumindest gewiss: «Bis jetzt hat man keinen Beweis, dass isolierte Vitaminpräparate eine eindeutig positive Wirkung haben», sagt Andrea Hartwig vom Institut für Lebensmitteltechnologie und Lebensmittelchemie an der Technischen Universität Berlin. «Die zusätzlichen Vitamine bringen nicht das, was viele erwarten», pflichtet Matthias Blüher von der Medizinischen Klinik und Poliklinik III der Universität Leipzig bei, der an Ristows Studie beteiligt war.

Die richtige Dosis Radikale hält das Immunsystem am Laufen

In dem Maße, wie sich das Bild der Antioxidantien eintrübt, wird deutlich, dass man die Radikale zu Unrecht pauschal verunglimpft hat. So wurde in der Jenaer Studie bei den Sportlern ein doppelt so hoher Wert an hochreaktiven Stoffen gemessen, wenn sie keine Pillen schluckten. Denn: Die Bewegung kurbelt den Stoffwechsel der Zellen an. Sie produzieren dadurch mehr Zellgifte. Doch dieser kurzzeitige Schub an Radikalen wirkt sich günstig auf den Stoffwechsel aus und beugt einer Zuckerkrankheit vor.

Ristow vermutet, dass er einer Impfung gleichkommt, die die körpereigene Abwehr gegen Radikale mobilisiert. Die vorübergehende Schwemme an Radikalen würde - dieser dieser Logik folgend - helfen, oxidativen Dauerstress zu vermeiden.

Die Theorie ist umstritten. Doch angesichts der Befunde streifen die Radikale ihren üblen Leumund allmählich ab. «Eine gewisse Menge ist gut, um die normalen Signalwege und zellulären Vorgänge im Körper aufrechtzuerhalten», bekräftigt Hartwig: «Aber zu viel muss man meiden.»

Wenn es Radikale nicht gäbe, könnten grundlegende Prozesse wie die Immunabwehr nicht richtig ablaufen, teilt auch Gholam Ali Khoschsorur von der Medizinischen Universität Graz mit. «Zwischen oxidativem Stress und Antioxidantien herrscht ein Gleichgewicht im Körper. Deshalb ist oxidativer Stress zu einem gewissen Grad positiv.»

Weitgehend einig sind sich die Forscher in den Konsequenzen aus ihren bisherigen Erkenntnissen. «Mit Vitaminpräparaten läuft man Gefahr, in eine Überversorgung zu rutschen, die bedenklich ist», warnt Hartwig. Allenfalls für einzelne Patientengruppen sehen Blüher und Khoschsorur die Pillen als hilfreich an, etwa bei einer Magen-Darm-Erkrankung oder nach einer Operation. Ansonsten raten sie zu einer ausgewogenen Ernährung ohne Tabletten. Hartwig: «Das Gleichgewicht aller Vitamine tariert sich so am besten aus.»

kat/car/news.de/ddp
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Leserkommentare (3)
  • Kommentar: 3
  • 29.09.2009 21:55
von
Gerd Blohm

Dieses Bestreben der Auftragsforschung ist nicht neu wie das Bemühen pharmazeutische Produkte hochzujubeln. Erst werden die Nahrungsmittel von natürlichen Eigenschaften "befreit", sodass vielfache Unterversorgung, Fehlversorgung, Krankheit und Tod die Folge sind, dann wird der mögliche Ausgleich für mehr Gesundheit schlecht geredet. Codex Alimentarius läßt grüßen. Wohl dem, der einen Garten hat und ihn für gesundes Obst und Gemüse so nutzt, dass seine natürliche gesunde Jahresversorgung gesichert ist. Da gibt es massenhaft Reserven, wenn alle schönen Rasengäften für die eigenversorgung genutzt würden.

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  • Kommentar: 2
  • 29.09.2009 20:42
von
Gunter Engelmeyer
Antwort auf Kommentar 1

Der Kommentar 1 trifft den Kern der Sache. Die zusätzliche Einnahme von Nahrungsergänzungen (Vitamine, Mineralien, Spurenelemte und ach div. Aminosäuren)ist unerläßlich. Es ist innzwischen hinreichend bekannt, dass sämtliche Nahrungsmittel, insbesondere Obst und Gemüse, längst nicht mehr über die Nährstoffe wie vor Jahrzehnten verfügen. Die Nahrungsergänzungen, gehässig als Tabletten abgetan, dienen lediglich der Ergänung, wie es der Name schon sagt. Der tägliche Apfel ist zwar o.k., reicht aber heutzutage nicht mehr.

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  • Kommentar: 1
  • 29.09.2009 14:50
von
Claus Goeddaeus

Feines Ergebnis einer gut bezajlten Studie. Die Pharmaindustrie läßt grüßen. Ihr war es sowieso schon ein Dorn im Auge, dass sich die Menschen durch zusätzliche Vitaminaufnahme möglicherweise gesund erhalten könnten. Damit wäre es nichts mehr mit dem großen Abkassieren und man müsste wieder eine neue Schweinegrippe oder ähnliches erfinden um weiter gut zu verdienen. "Laßt Euch nicht verarschen ...", so heist es in der Werbung und dem bleibt wohl nichts hinzu zu fügen

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