Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 17.09.2009, 10.58 Uhr

Jodstreit: Vom Mangel zum Überschuss

Deutschland ist immer noch ein Jodmangelgebiet, sagen die einen. Und es müsse nachgeholfen werden im Kampf gegen Kröpfe und andere Erkrankungen der Schilddrüse. Die anderen beklagen einen Jodüberschuss und sagen, Jodsalz löse Schilddrüsenstörungen aus.

In Supermärkten ist kaum noch Salz zu bekommen, das nicht mit Jod versetzt ist. Experten streiten darüber, ob das Fluch oder Segen ist. Bild: Istockphoto

Diese Nachricht müsste eigentlich Grund zu Freude geben: «Die Jodversorgung in Deutschland hat sich deutlich verbessert», meldet das Robert-Koch-Institut (RKI) und verweist auf eine Studie. Das Institut hat 17.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 17 Jahren auf Vergrößerungen der Schilddrüse untersuchen lassen. Außerdem wurden das Blut und die Jodausscheidung über den Urin getestet.

Ergebnis: Etwa ein Drittel der Schüler hatte eine geringfügig vergrößerte Schilddrüse, und die Jodversorgung lag noch am unteren Ende des empfohlenen Grenzwerts, aber die Zahlen waren deutlich besser als in den Jahren davor. Das RKI wertet dies als Erfolg für den Einsatz von jodiertem Speisesalz in Haushalten, Großküchen, Bäckereien und Fleischereien. Doch genau diese Zugaben fühlen sich die Jodkritiker unkontrollierbar ausgeliefert und dadurch sogar körperlich geschädigt.

Udo Pollmer, Lebensmittelchemiker und Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften (EU.L.E.) in Hochheim, hält die pauschale Jodierung von Lebensmitteln für «eine große Gefahr». Unter anderem sieht er einen Zusammenhang zwischen der Jodierung von Lebensmitteln und der Zunahme von gefährlichen Schilddrüsenüberfunktionen (Basedow-Krankheit). Demnach soll im Mittleren Westen der USA und in den Niederlanden Basedow zugenommen haben, nachdem dort das Speisesalz jodiert worden war. In England und Wales stieg die Basedow-Rate aufgrund der hohen Jodgehalte in Kuhmilch. «Das Spurenelement stammt unter anderem aus jodhaltigen Euter-Desinfektionsmitteln», sagt Pollmer.

Dass die «flächendeckende Zwangsjodierung» zu ihrer Erkrankung geführt haben, glauben auch die rund 300 Mitglieder der Deutschen Selbsthilfegruppe der Jodallergiker, Morbus-Basedow- und Hyperthyreosekranken. Die Gründerin und Sprecherin der Gruppe, Dagmar Braunschweig-Pauli, führt in ihrem Buch Jodkrank - Der Jahrhundert-Irrtum (Dingfelder-Verlag, Andechs) eine Reihe von Belegen dafür auf, dass für empfindliche Menschen die Jodierung der Nahrung nach dem Gießkannenprinzip - unter anderem auch die gängige Praxis einer Jodanreicherung des Tierfutters - eine große Gefahr darstellt.

Braunschweig-Pauli ist selbst betroffen. Seit 14 Jahren leidet sie an Morbus Basedow: «Mein Körper wurde täglich geschädigt durch die Zwangsjodierung», empört sie sich. Typische Symptome seien Herzrasen, Händezittern, Haarausfall, Hautausschläge, Kreislaufzusammenbrüche, Anschellen des Kehlkopfes und Bindehautentzündungen. Braunschweig-Pauli ist überzeugt, «dass viele Menschen ständig einer Überdosierung von Jod ausgesetzt sind». Die Selbsthilfegruppe wende sich aber keinesfalls gegen die freiwillige und individuelle Verwendung von Jodsalz im Haushalt, worüber einzelne Verbraucher und ihre Ärzte befinden könnten.

Ohne Frage ist Jod lebensnotwendig für den menschlichen Organismus. «Es ermöglicht die Bildung von Schilddrüsenhormonen und ist damit wichtig für den gesamten Stoffwechsel», erklärt Professor Roland Gärtner von der Universität München. Die Argumente der Jodkritiker will er nicht gelten lassen: «Ein Zuviel bei normaler jodreicher Ernährung ist nicht möglich. Denn die gesunde Schilddrüse nimmt genau so viel Jod auf, wie sie braucht», sagt Gärtner, der Sprecher des Arbeitskreises Jodmangel ist. Der Rest werde über Niere und Leber ausgeschieden.

In seltenen Fällen sei es zwar vorgekommen, dass nach der Umstellung auf Jodsalz eine Überfunktion der Schilddrüse festgestellt wurde, sagt Gärtner. Aber diese sei nicht durch Jodsalz verursacht worden, sondern habe bereits vorgelegen. Sie sei durch den Verzehr von ein bisschen mehr Jod in Erscheinung getreten, aber dies habe Vorteile. Denn jetzt könne man die Überfunktion gezielt behandeln und schlimmere Gesundheitsprobleme vermeiden.

Warum es so schwer ist, unjodiert zu essen

Ein Zuwenig an Jod ist dem Mediziner zufolge schon eher ein Problem. «Wer zu wenig davon aufnimmt, kann an einer schweren Funktionsstörung der Schilddrüse dauerhaft erkranken», sagt Gärtner. Deren äußeres Zeichen ist der Kropf. Weitere bittere Folge eines Mangels: Nimmt eine Frau während der Schwangerschaft zu wenig Jod auf, kann ihr Kind mit einem geistigen Defekt, dem so genannten Kretinismus zur Welt kommen.

Seit Ende der 1980er Jahre gelten neue Vorgaben zur Jodmangelprophylaxe, was insbesondere dem Engagement des Arbeitskreises Jodmangel, einer Initiative der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie und der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zu verdanken ist. Alle drei halten Deutschland nach wie vor für ein Jodmangelgebiet und weisen darauf hin, dass der Jodbedarf mit der normalen Nahrung kaum gedeckt werden könne.

Gärtner sagt, jeder zweite Deutsche leide an einer Fehlfunktion der Schilddrüse, deren Frühsymptome mangelnde Antriebskraft, Depressionen und andere Befindlichkeitsstörungen sind. Nicht nur in Süddeutschland, nein, auch direkt an der Nordseeküste nehmen die Menschen zu wenig Jod auf.

Dabei ist nicht nur Speisesalz mit einem Jodzusatz versehen. Auch Fertiggerichte sind meist mit Jod gewürzt. Und in Tierprodukten steckt es ebenfalls, denn Vieh wird mit Jodzusätzen gefüttert, weil auch Kuh und Schwein den Stoff für eine gesunde Schilddrüse brauchen. Durch die Nahrungskette landet das Spurenelement auf unserem Teller. Übrigens ist nicht mehr Speisesalz der Hauptlieferant von Jod, sondern Milch.

Der Jodbedarf wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO auf 200 Mikrogramm am Tag definiert. Durch unverarbeitete Lebensmittel nehmen die Deutschen im Durchschnitt aber nur etwa 60 Mikrogramm zu sich. Aus diesem Grund hat sogar die DGE, sonst bei Nahrungsergänzungsmitteln eher zurückhaltend, schon früh die Verwendung von Jodsalz in den Haushalten empfohlen. Doch auch dies reicht nach neuen Verlautbarungen beileibe nicht aus, denn es bringt nur etwa 20 Mikrogramm mehr am Tag.

Die Differenz zum empfohlenen Wert kann laut DGE nur gedeckt werden, wenn auch jeder Bäcker und Metzger, jede Kantine, jeder Anbieter von Fertiggerichten und Konserven Jodsalz für die Zubereitung verwendet. Die Branche zieht - so klagt der Arbeitskreis Jodmangel - zwar schon eher mit als noch vor fünf Jahren, aber nicht in ausreichendem Maße, obwohl die Erlaubnis zur Verwendung von Jodsalz per Gesetz schon seit 20 Jahren besteht.

Jodgeschädigte wie Braunschweig-Pauli und die Mitglieder ihrer Selbsthilfegruppe fühlen sich jetzt schon mittel- und machtlos. «Wer in Deutschland unjodiert, also naturbelassen und ökologisch unbelastet essen will, muss fast auf sämtliche deutschen Fleisch- und Milchprodukte und deren Halb- und Fertigprodukte, auch im Biobereich, und auf viele andere Fertigprodukte, die Jodsalz enthalten, verzichten», sagt Braunschweig-Pauli. Und: «Unjodiert essen kann man in Deutschland nur, wenn man sich informiert, wo überall in den Lebensmitteln auch undeklariert heimlich Jod enthalten ist.»

Und da liegt für die Jodkritiker das Problem. Derzeit gibt es keine exakte Kennzeichnungspflicht für Jodzusätze in Deutschland. Nur bei Speisesalz muss es auf der Packung stehen. Bei Milchtüten sucht man dagegen vergeblich nach dem Hinweis. Braunschweig-Pauli greift auf Produkte aus Ländern wie Spanien, Polen und Italien zurück, wo es mehr unjodierte Lebensmittel gibt. «Seitdem ich auf künstlichen Jodzusatz verzichte, geht es mir wieder besser», sagt sie. «Für mich ist es ein Grundrecht zu wissen, ob Lebensmittel damit zugesetzt sind oder nicht. Jeder Mensch muss wissen, wie viel Jod er mit der täglichen Nahrung aufnimmt.»

FOTOS: Jod Damit die Schilddrüse gesund bleibt

ped/news.de

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