Sa., 26.05.12

Diagnose Krebs 18.09.2009 «In meiner Brust wohnt ein Alien»

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen (Foto)
Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Mit der Mammographie lassen sich Veränderungen in der Brust gut erkennen. Bild: news.de

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen

Brustkrebs - die Diagnose ist für jede Frau ein Schock. Auch für Kora Decker, die vor drei Jahren erkrankte und den Kampf gegen die Krankheit aufnahm. Ihre Botschaft: Es gibt nicht nur Tiefen in dem Leben mit Krebs.

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Es ist der heiße Sommer 2006, Deutschland feiert sein Sommer-Fußballmärchen, doch für Kora Decker beginnt ein Kampf auf Leben und Tod. Gerade hat sie erfahren, dass sie Brustkrebs hat. «Als mir der Radiologe mit ernster Miene das Ergebnis der Biopsie an meiner rechten Brust mitteilt, bekomme ich nur die Worte ‹bösartig›, ‹Tumor› und ‹Operation› mit», erinnert sich die Münchner Grafikerin.

Nichts von den vermeintlich wichtigen Dingen hat noch Bedeutung. Kora Decker fühlt sich fremd in ihrem eigenen Körper. In dem Körper, mit dem sie es 44 Jahre gut ausgehalten hat. «In meiner Brust wohnt ein Alien», sagt sie und kann es doch nicht verstehen. Sie war doch regelmäßig bei der Vorsorge; der Tod zweier Freundinnen, die ebenfalls Brustkrebs hatten, hat sie nachhaltig aufgerüttelt. Und gelegentlich tastet sie ihre Brust selbst ab. Wie an jenem Abend im Juni 2006. Wie ein elektrischer Schlag durchzuckt es sie, als sie – im Bett liegend - in der rechten Brust eine harte Bohne fühlt. Klein zwar, aber deutlich vom anderen Gewebe zu unterscheiden.

Gleich am nächsten Tag hat sie einen Termin beim Frauenarzt, der ihren Verdacht nicht bestätigt. Heute weiß Kora Decker: «Es gibt Tumoren, die sich im Stehen verstecken.» Sie stand bei der Untersuchung. Aber sie will auf Nummer sicher gehen und lässt sich eine Überweisung zur Mammographie geben.

Es geht nur noch um das nackte Überleben

Ein paar Tage später die Gewissheit: Ein Tumor befindet sich in ihrer Brust. Er ist bösartig, muss so schnell wie möglich entfernt werden. Plötzlich gibt es für Kora Decker keinen Alltag mehr, keine Arbeit, keine Pläne – nur die Aussicht auf monatelange Therapien und die Angst vor dem Tod. Worte wie «Überlebensrate» hämmern sich in ihr Hirn. «Alles tritt zurück, alles, was bis gestern noch wichtig war, verblasst auf einmal», erzählt sie. Es ging nur noch um eins: um das nackte Überleben.

Sie beginnt Tagebuch zu schreiben, um ihre Gedanken zu ordnen. «Ich muss das alles auch für andere aufschreiben», erklärt sie. «Kann sich ja keiner vorstellen, Habe ich vorher auch nicht gekonnt.» Daraus wird ein Blog im Internet, später ein Buch, in dem sie sehr offen und auch humorvoll auf ihre Erfahrungen mit dem Krebs zurückblickt.

«Ich linse verstohlen auf meine Schultern, da liegen schon wieder Häuflein von Haaren», schreibt sie mit Galgenhumor, als die Chemotherapie ihre Haare angreift. Dabei ist ihr eigentlich zum Weinen. «Haare sind ein Symbol für Gesundheit, Schönheit, Jugend – und das soll jetzt den Bach runtergehen?», fragt sich die Patientin. «Obwohl ich wusste, dass es passieren würde, hatte ich heimlich gehofft, als medizinische Sensation davonzukommen.» Aber aus «Kora, die Frau mit den stärksten Haarwurzeln der Welt» wird nichts.

Anderen Betroffenen rät sie, aktiv zu sein, weiterzuleben, anstatt weiter krank zu sein. Und: die Sachen in die Hand zu nehmen. Dazu zählt vor allem, sich genau zu überlegen, wo der Brustkrebs behandelt werden soll. «Die Entscheidung, welche Klinik und welcher Operateur ist zu wichtig, um sie übers Knie zu brechen», sagt sie.

Kora Decker lässt sich den Knoten von einem Berliner Spezialisten entfernen und folgt nach der OP bei einem Münchner Onkologen strikt dem Therapieplan: Chemotherapie, Bestrahlung, Antikörper- und Antihormon-Therapie. Zur seelischen Unterstützung sucht sie eine Psychoonkologin auf. «Ich bin zwar stark und zuversichtlich», erklärt Kora Decker. «Aber manchmal sitze ich nur da, und die Tränen rollen einfach so.» Da ist es gut, mit einer Therapeutin zu reden, die Ahnung von Krebs und all seinen Begleiterscheinungen hat.

Die Krebserkrankung bewirkt auch Positives

Heute, drei Jahre nach der Diagnose, ist die Therapie noch nicht zu Ende. Kora Decker muss täglich eine Hormontablette einnehmen. Fünf Jahre lang. «Die Tabletten sollen verhindern, dass das Sexualhormon Östrogen ein nochmaliges Tumorwachstum anfeuert», erklärt sie. Aber sie sorgen auch für reichlich Nebenwirkungen: «Muskel- und Gelenkschmerzen, Depressionen, Gewichtszunahme, Juckreiz, Kopfweh, Übelkeit», zählt die 47-Jährige auf.

Sie arbeitet wieder in ihrem alten Job, aber nicht mehr Vollzeit. In der gewonnenen Freizeit macht sie Sport, trifft sich mit Freunden, liest Bücher und Zeitungen, besucht Ausstellungen. «Ich liebe meinen Job, noch immer», sagt Kora Decker. «Nur meine Einstellung hat sich geändert, meine Arbeit ist nicht mehr meine Daseinsberechtigung.»

Die Krebserkrankung hat auch andere positive Dinge bewirkt. Kora Decker hat gelernt, nichts mehr auf die lange Bank zu schieben, sich Wünsche zu erfüllen. Sofort, denn «jetzt ist heute». Sie sieht ihr Leben nun als so etwas wie ein Gefäß an. «Es kann morgen zu Ende sein, also fülle ich es mit schönen Dingen», meint sie. Mit einem Gleitschirmflug oder mit dem Abend als DJane, als sie in einem Münchner Club Platten auflegt. Etwas, wovon sie vor der Krankheit nur geträumt hatte. Und mit einer Reise nach Australien.

«Vor fast zwei Jahren hat mir ein Arzt gesagt, dass ich Brustkrebs habe», resümiert sie. «Die Welt stand plötzlich, wie nach einer Notbremsung, still für mich. Und jetzt bin ich einmal um sie herumgeflogen. Sie dreht sich wieder.»

Lesetipp: Kora Decker: «Jetzt ist heute. Mein Leben nach der Diagnose», dtv-Verlag, 2009, 12,90 Euro.

nak/news.de
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