So., 12.02.12

Trauer ums Kind Eine Tulpe für jedes Jahr

Von news.de-Redakteurin Katharina Peter

Artikel vom 10.09.2009

Wer sein Kind verliert, verspürt eine weit größere Trauer als bei anderen Todesfällen. «Wenn ein Kind stirbt, ist das für die Eltern immer ein Trauma», sagt Dr. Christa Roth-Sackenheim. Für viele bleibt das Leben anschließend stehen und sie zerbrechen daran.

Es wird als widernatürlich empfunden, da der junge Mensch sein Leben noch gar nicht richtig gelebt hat. In vielen Fällen sitze die Trauer so tief, dass sie bis in die nächste Generation wirkt und nicht abgeschlossen wird, so die Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater (BVDP). Das gilt sowohl für Kinder, die bereits ein paar Jahre mit ihren Eltern verbracht haben, wie auch für solche, die als Totgeburten zur Welt kamen oder nur wenige Tage überlebten.

Allerdings manifestiert sich die Trauer in Fällen eines solch frühen Todes bei Müttern und Vätern häufig unterschiedlich. «Denn die Mutter hat während der Schwangerschaft bereits ein Verhältnis zu dem Baby aufbauen können, während das für den Vater nicht so ist.» Doch gekannt haben das Kind beide nicht. Fehlt die Interaktion, überwiegt der mystische Anteil in der Trauer. Dann spielt die Fantasie eine große Rolle. Man stellt sich vor, wie der Sohn oder die Tochter hätte sein können.

Stirbt das Kind etwa im Alter von acht Jahren, dann vermischt sich das mit den Erinnerungen. Man hatte dann schon ein paar Jahre zusammen. Man erinnert sich dann vielleicht dran, dass das Kind besonders gut Rollschuh fahren konnte, oder denkt, dass es irgendwann die Firma vom Vater hätte übernehmen können.

Stirbt das Kind durch einen Unfall, spielen zudem Schuldgefühle eine große Rolle. «Viele Partnerschaften können dann durch Schuldzuweisung zerbrechen», sagt Roth-Sackenheim. «Da heißt es dann ‹Warum hast du nicht besser aufgepasst.›» Eher selten kommt es vor, dass Paare durch einen solchen Schicksalsschlag enger zusammenwachsen und sich gegenseitig stützen.

Was ist, wenn die Eltern schuld sind?

Eine ihrer Patientinnen habe sich auch 15 Jahre nach dem Tod ihres einen Tag nach der Geburt gestorbenen Kindes noch Vorwürfe gemacht, erzählt Roth-Sackenheim. Sie hatte ein paar Tage zuvor Unterleibsschmerzen. Die Ärzte schickten sie aber nach der Untersuchung wieder nach Hause. «Als das Kind starb, gab sie sich selbst die Schuld und glaubte, sie hätte darauf bestehen müssen, im Krankenhaus zur Beobachtung zu bleiben», erinnert sich Roth-Sackenheim.

Jeder entwickle in solch einer Situation seine ganz eigenen Theorien, wie es zu dem Unglück hat kommen können. Die Psychiaterin forderte die gynäkologischen Unterlagen an. «Das Kind starb an einer unterentwickelten Lunge. Die Schmerzen hatten nichts damit zu tun. Das Kind wäre auch bei einer intensiveren Betreuung gestorben» Die sachliche Klärung der Nichtschuld war in diesem Fall der erste Schritt, die Trauer zu verarbeiten.

Es gibt aber natürlich auch tragische Fälle, in denen durch einen kurzen unaufmerksamen Moment die Eltern tatsächlich schuld sind. «Dann darf man nicht versuchen, das aus dem Weg zu wischen», ist Roth-Sackenheim überzeugt. In die allgemeine Verurteilung einzustimmen, wäre aber genauso falsch. Stattdessen müsse man den Betroffenen klar machen, dass sie nicht unfehlbar sind, dass das ihr Schicksal ist, das sie akzeptieren müssen. «Sie müssen erkennen, dass sie trotzdem weiterleben und auch lachen dürfen.»

Rituale helfen, die Trauer zu kanalisieren

Um mit dem Tod eines Kindes zurechtzukommen, sind Symbole und Gegenstände wichtig. So können Eltern ihre Trauer kanalisieren. Etwa ein Bild, eine Kerze, altes Spielzeug, Kleidung oder aber auch ein Grab oder wie es bei Todgeburten üblich ist, der Abdruck von Hand und Fuß. «Das macht es leichter.» Über die Gegenstände entwickeln besonders Frauen Rituale, um mit dem Verlust zurecht zu kommen. «Eine meiner Patientinnen legt jedes Jahr am Todestag ihres Kindes Tulpen auf das Grab. Für jedes Jahr, das es bereits tot ist, eine», berichtet die Psychiaterin. Das Kind war an einer zuvor nicht erkannten Krankheit gestorben.

Männer würden dagegen häufig nach außen so tun, als hätte es das Kind nie gegeben. «Sie glauben, dass sie weiterhin funktionieren müssen und das tun sie dann auch», sagt Roth-Sackenheim. Aber sie wenden sich oft selbstzerstörerischen Tendenzen zu, wie etwa dem Alkohol. «Und es ist beobachtet worden,dass Männer dann unfallanfälliger sind.»

Während Eltern den Verlust oft nie überwinden, muss der Tod eines Kindes nicht zwangsläufig in seelischen Problemen münden. Erst wenn sich Betroffene für mehr als ein Jahr aus dem Freundeskreis und sozialen Leben zurückziehen, Berufsunfähigkeit im Spiel ist oder sich psychosomatische Symptome oder Depressionen manifestieren, dann ist professionelle Hilfe, etwa durch eine Therapie, gefragt.

Früher mussten die Menschen noch viel häufiger mit dem Verlustschmerz zurechtkommen. Dass ein Kind oder sogar mehrere innerhalb einer Familie starben, gehört fast dazu. «Aber es war deshalb nicht weniger schmerzhaft», ist Roth-Sackenheim überzeugt. «Aber man hat es als gottgegeben hingenommen und ist in die Kirche gegangen.» Da man dagegen heute glaubt, dass so vieles machbar, beeinflussbar und verhinderbar ist, sei so ein Tod sehr schwer zu akzeptieren. Hinzu kommt laut der Psychiaterin: «Kinder haben heute einen anderen Stellenwert und werden oft als narzisstische Aufwertung, als eine Erweiterung des Ichs in die Welt gebracht.»

car/news.de
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Trauer ums Kind: Eine Tulpe für jedes Jahr » Gesundheit » Nachrichten

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