Mo., 13.02.12

Schmerztherapie Seelenhilfe gegen Körperpein

Artikel vom 20.09.2009

Schmerzen lassen sich nicht immer mit einer Pille lindern. Oft lohnt es sich, nicht nur nach den körperlichen Ursachen zu suchen. Auch die Seele hat großen Einfluss auf die Beschwerden. Deswegen ist eine Verhaltenstherapie oft sinnvoll im Kampf gegen den Schmerz.

Neun von zehn Patienten mit unspezifischen Rückenschmerzen denken, Bewegung und Belastung sei schlecht für sie, wie Professor Michael Pfingsten von der Universität Göttingen sagt. Das führt zu einem Teufelskreis: Unter anderem durch diese falsche innere Einstellung werden aus einfachen Rückenschmerzen chronische Beschwerden, die Betroffenen bewegen sich noch weniger und haben noch mehr Schmerzen.

Wie jemand einen Schmerz erlebt, werde von seinem Verhalten beeinflusst: «Mit welcher Aufmerksamkeit reagiert jemand auf Krankheitssignale? Wie geht er damit um: Horcht er sehr in sich hinein? Nimmt er alles wahr? Überinterpretiert er eventuell manche Signale?», erläutert Pfingsten. Eine Verhaltenstherapie ist daher oft sinnvoller Bestandteil einer Schmerztherapie.

«Es gibt keinen Schmerz ohne seelische Beteiligung», betont auch Gerhard Müller-Schwefe von der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie. Schmerz entstehe immer auch durch eine emotionale Bewertung. Viele Ärzte hielten Schmerzen daher für einen Ausdruck einer Depression, kritisiert der Mediziner aus Göppingen. «Für chronisch Schmerzkranke ist es aber genau andersherum: Erst ist der Schmerz da und dann das Psychosyndrom.» Die Betroffenen werden wegen der Schmerzen traurig, ziehen sich zurück, vereinsamen.

Bevor ein Schmerzpatient aber auch verhaltenstherapeutisch behandelt wird, gilt laut Pfingsten: «Man muss sorgfältig herausfinden, ob es überhaupt psychische Faktoren gibt. Es besteht sonst die Gefahr, den Patienten vorschnell zu psychologisieren.» Sind die Schmerzen tatsächlich psychosomatisch, müsse daran aber ebenfalls gearbeitet werden, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologische Schmerztherapie und -Forschung.

Dazu erläutert Müller-Schwefe verschiedene Methoden: Mit einem Achtsamkeitstraining lässt sich das Bewusstsein für den eigenen Körper steuern. Bei Rückenschmerzpatienten spielt zum Beispiel unbewusst die Situation in der Partnerschaft oder am Arbeitsplatz eine wichtige Rolle für das Schmerzempfinden. Die Betroffenen müssen überlegen, was eine bestimmte Konfliktsituation mit ihnen macht und wie sich dieser Moment anfühlt. Sie lernen dann etwa, mit Konfliktsituationen anders umzugehen.

Auch Autosuggestionsverfahren können helfen. Bei der sogenannten Fakir-Technik lernen Patienten, den Schmerz auszublenden - so wie der Fakir auf dem Nagelbett die Metallspitzen nicht mehr spürt. Oder jemand mit Schmerzen im linken Handgelenk entspannt sich tief und geht in Gedanken in seinem Körper spazieren. «Dabei sucht er sich eine Stelle, die sich besonders wohlig und gesund anfühlt», erläutert Müller-Schwefe. Dieses Gefühl weite er auf den ganzen Körper aus und bekomme eine andere Wahrnehmung. Mit etwas Übung lasse sich diese in den Wachzustand übertragen.

Gute Erfahrungen machen Psychologen seit einiger Zeit auch mit dem sogenannten Placebo-Effekt. Dabei gehe es nicht darum, die bisher verordneten Schmerzmittel durch Scheinarzneien zu ersetzen, erläutert Regine Klinger von der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz der Universität Hamburg. Vielmehr solle die Wirkung der Medikamente durch eine positive Erwartungshaltung des Patienten verstärkt werden.

Das funktioniert so: Der Patient sucht sich eine persönliche Situation, die er als angenehm erlebt - zum Beispiel das abendliche Entspannungstraining - und nimmt zu diesem Zeitpunkt seine Tabletten ein. Irgendwann hat er dann gelernt, dass die Schmerzlinderung durch die Medikamente an einen angenehmen Rahmen geknüpft ist. «Ein angenehmer Duft, ein entspannendes Bad, das ist egal. Hauptsache es besteht eine angenehme Koppelung», sagt Klinger.

Nach einiger Zeit reiche es manchmal schon, nur eine angenehme Atmosphäre heraufzubeschwören, um die Schmerzen zu lindern. «Eventuell kann man mit seinem Arzt dann auch über eine Dosierungsherabsetzung sprechen», rät sie. Selbstwirksamkeit ist hier das Schlüsselwort: Sobald jemand weiß, dass er selbst etwas gegen seine Schmerzen tun kann, setzt er einen Prozess in Gang, der sich positiv auf sein Befinden auswirkt.

kat/car/news.de/dpa
Zum Thema Thema verfolgen » Newsletter abonnieren Artikel kommentierenArtikel kommentieren
Maushand.jpeg (Foto)
Maushand, Tennisarm, Golfellenbogen Zum Schmerz geklickt und geschlagen

Zwar ist das Prinzip ähnlich, die Ursachen sind aber bei Maushand, Tennisarm und Golfellenbogen völlig mehr ...

Joggen_2_dpa.jpeg (Foto)
Joggen und Seitenstechen Schmerzhaft ausgebremst

Voller Motivation geht es los zur lange geplanten Joggingrunde. Doch dann macht sich ein fieses mehr ...

Rückenschmerzen sind ein weitverbreitetes Phänomen. Häufig stecken die Bandscheiben dahinter. (Foto)
Bandscheibenvorfall Wenn der Stoßdämpfer verrutscht

Die meisten Rückenschmerzen sind bedingt durch die Bandscheibe. Bei einem Vorfall raten die Ärzte meist mehr ...

 (Foto)
Verhaltenstherapie Das Schmerzgedächtnis überlisten

Etwa zehn Millionen Deutsche leiden unter chronischen Schmerzen. Bei dieser Erkrankung ist die ängstliche Erwartung davor, mehr ...

Durch einseitige Muskelbelastung leiden Profimusiker oft unter starken Schmerzen. (Foto)
Medizin für Musiker Mit dem Cello im Wartezimmer

Wenn ein Musiker samt Cello im Wartezimmer sitzt, ist das für Ärztin Anke Steinmetz ein mehr ...

 (Foto)
Schmerzen im Gelenk Wenn das Knie knackt

Kreuzband- und Meniskusriss, kaputte Knorpel und Arthrose: Die Namen der Knieverletzungen sprechen eine deutliche Sprache. Das mehr ...

 (Foto)
Mediziner klagen Schmerzpatienten sind ungeliebte Versicherte

Ärzte haben den Gesundheitsfonds als ein Hindernis bei der Therapie chronisch Kranker bezeichnet. Schmerzpatienten seien mehr ...

Ärzte (Foto)
Tumortherapie Man muss den Schmerz nicht ertragen

Tumorschmerzen sind schier unerträglich. Doch nur die wenigsten Patienten bekommen Hilfe oder nehmen sie in mehr ...

Schmerztherapie: Seelenhilfe gegen Körperpein » Gesundheit » Nachrichten

URL : http://www.news.de/gesundheit/855024140/seelenhilfe-gegen-koerperpein/1/
Schlagworte:
Aber, Aktuelles, Andersherum, Angenehm, Arbeitsplatz, Arzt, Ärzte, Atmosphäre, Aufmerksamkeit, Ausdruck, Bad, Befinden, Behandelt, Beispiel, Bekomme, Belastung, Beschwerden, Bestandteil, Bestimmte, Beteiligung, Betont, Betroffenen, Bewegen, Bewegung, Bewertung, Bewusstsein, Chronisch, Chronische, Daniel Reiche, Denken, Depression, Deutschen, Duft, Egal, Einfluss, Einstellung, Emotionale, Entspannt, Entspannungstraining, Erfahrungen, Erwartungshaltung, Eventuell, Fábio Guimarães, Faktoren, Falsche, Fey Vielmehr, Führt, Funktioniert, Gang, Gedanken, Gefahr, Gefühl, Gehe, Gelernt, Genau, Gerhard Altenbourg, Gerhard Harhausen, Gerhard Hoehme, Gerhard Kraiker, Gerhard Müller-Schwefe, Gerhard Richter, Gerhard Roth, Gerhard Weber, Gesellschaft, Gesund, Gesundheit, Göppingen, Göttingen, Großen, Hamburg, Hamburg-Mannheimer, Handgelenk, Hauptsache, Helfen, Innere, Irgendwann, Kampf, Kat, Klinger, Koppelung, Körper, Kritisiert, Lasse Sobiech, Lässt, Lernen, Linken, Linken-Fraktionsvorsitzenden, Linken-Vorsitzende, Lohnt, Lund Universität, Medikamente, Mediziner, Methoden, Moment, Müller-Schwefe, Partnerschaft, Patient, Patienten, Patrick Rahmen, Persönliche, Pfingsten, Pille, Placebo-Effekt, Positiv, Positive, Präsident, Professor, Prozess, Psychische, Psychologen, Psychologie, Psychologische, Psychologisieren, Rahmen, Regine Bulling, Reiche, Richter Beschwerden, Rolle, Rückenschmerzen, Schlecht, Schmerz, Schmerzempfinden, Schmerzen, Schmerzlinderung, Schmerzmittel, Schmerztherapie, Seele, Seelische, Signale, Sinnvoll, Sinnvoller, Situation, Spazieren, Spielt, Sprechen, Stelle, Steuern, Sucht, Tabletten, Teufelskreis, Tief, Traurig, Überhaupt, Überlegen, Übertragen, Übung, Uni Göttingen, Universität, Unterstützung, Ursachen, Verhalten, Verhaltenstherapie, Verschiedene, Verstärkt, Vielmehr, Wahr, Wahrnehmung, Weite, Wichtige, Wirkung, Zeit, Zeitpunkt,
Leserkommentare (1)
  • Kommentar: 1
  • 02.12.2009 00:51
von
Franz Josef Neffe

Autosuggestion sollte einfach das gute Selbstgespräch sein, das wir immer unterlassen haben. Man kann zwar wie COUÉ den Schmerz damit wegwegwegschicken, aber im Grund möchten doch unsere feinen Seelen- und Geistestalente auch einmal entdeckt, anerkannt und angeredet werden. In der Ich-kann-Schule werden angeblich nicht verhandene Talente sehr schnell sehr lebendig, wenn ich mich mit Achtung und Güte für sie interessiere. Drum mache ich Autosuggestion nicht als Technik oder Trick, ich spreche ehrlich mit den Talenten, von denen ich was will. Guten Erfolg wünsche ich allen. Franz Josef Neffe

jetzt antwortenKommentar melden
Kommentar schreiben Netiquettelink | AGB
Ihr Name
Ihre Emailadresse
noch 600 Zeichen übrig
Ihr Kommentar
Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld darunter.
'6Ld52csSAAAAAKTxfdwmi0Ay4Tjghi64k3PAcWrj'
Zum Thema
Anzeige
Meistgelesene Artikel
Fotostrecken Videos
zurück
vor
Anzeige
drucken
Bookmarken
Bookmarken
RSS-Newsfeed
Newsletter abonnieren
Newsletter abonnieren