Von Andrea Barthélémy
Tränende Augen und zugeschwollene Nasen, juckende Ausschläge und heftige Atemnot - jeder fünfte Erwachsene und sogar jedes vierte Kind in Deutschland ist mittlerweile von einer Allergie betroffen. Jetzt gibt es neue Therapieansätze.
«Unser großes Ziel ist die Umkehr dieses epidemiologischen Trends», sagt Professor Ulrich Wahn, Allergologe am Berliner Universitätsklinikum Charité. Wahn und seine Kollegen setzen im Kampf gegen die Volkskrankheit Allergie auf immer feinere Waffen.
So gibt es bei den bisher oft kritisch beurteilten Immuntherapien, bei denen Allergene nicht gespritzt, sondern als Tropfen oder Tabletten unter die Zunge gelegt werden, erfreuliche Nachrichten: «Es gibt drei Produkte einer neuen Medikamentengeneration, deren Wirkungen sehr gut dokumentiert sind. Mit den neuen Lösungen und Lutschtabletten erreichen wir eine Beschwerdeminderung von 40 Prozent», berichtet Wahn.
Auch Professor Albrecht Bufe, Kinderarzt und Allergologe aus Bochum, setzt Hoffnungen auf diese Methode: «Bei Graspollen-Allergikern konnte sogar noch ein Jahr später eine nachhaltige Wirkung nachgewiesen werden.»
Viele Kinderärzte befürworten die Immuntherapie mit Allergen-Tabletten, weil sie einfacher zu verabreichen sind. Andererseits fehle die Kontrolle, ob die Tabletten auch regelmäßig eingenommen werden. «Hier gibt es noch heftige Debatten», berichtet Bufe. Dringend raten Experten jedoch bereits heute allen Insektenstich- Allergikern zu einer Hyposensibilisierung. Dabei wird das Bienen- oder Wespengift über Monate und Jahre hinweg in geringen Dosen verabreicht, so dass der Körper nicht mehr im Übermaß darauf reagiert. «Die Erfolgsquote bei diesen Hyposensibilisierungen liegt bei 99 Prozent», sagt Wahn.
Wichtige Weiterentwicklungen erwarten die Experten durch gentechnisch hergestellte Allergene. «Die Behandlung von Allergikern wird dadurch auf jeden Fall sicherer, vielleicht auch effizienter werden», sagt Wahn. Der Vorteil dieser unterschiedlichen Allergen-Extrakte: Sie sind hochstandardisierbar und extrem rein. Kombiniere man diese dann mit neuartigen, die Immunantwort verstärkenden Substanzen, könnten in Zukunft individuell passgenaue «Designer-Vakzine» produziert werden, sagt Bufe voraus. «Der Gewinn davon soll sein, dass vier bis sechs Spritzen für eine Immuntherapie ausreichen.» Noch echte Zukunftsmusik und erst in einer Pilotstudie erprobt ist der Ansatz, Allergene gleich in die Lymphknoten zu spritzen, wo die eigentliche Immunantwort stattfindet.
Ein weiterer therapeutischer Hebel setzt bei den Anti-Antikörpern (Anti-IGE) an, die den bei Allergien überreagierenden Antikörper Immunglobulin E in Schach halten. «Das ist ein echtes Hightech- Produkt, das sehr teuer ist und gerade erst für schweres allergisches Asthma auch bei Kindern zugelassen wurde», sagt Wahn.
Seine Charité-Kollegin Professorin Susanne Lau verfolgt einen kostengünstigeren Präventionsansatz: Seit 2002 bereits läuft an der Uniklinik eine Studie an Neugeborenen, bei denen mindestens ein Elternteil ein atopisches Ekzem hat. Insgesamt 632 Kindern wurde in den ersten sechs Lebensmonaten eine Tropfenkur mit abgetöteten Darmbakterien verabreicht, um ihr Immunsystem zu trainieren. Es gebe erste Hinweise, dass deutlich weniger Kinder Ekzeme entwickeln, wenn sie das Mittel bekamen, sagte Lau. Eine simple Schluckimpfung zum Schutz vor Neurodermitis könnte die Folge sein.
car/news.de/dpa