09.09.2009, 08.08 Uhr

Schizophrenie: «Ich hatte echt merkwürdige Gedanken»

Die ersten Anzeichen sind subtil. Hört jemand seltsame Stimmen oder sieht schattenhafte Gestalten, von denen er weiß, dass sie nicht real sind, dann könnte es eine Vorstufe von Schizophrenie sein. Eine Psychose ist dann noch abwendbar.

Verfolgungswahn kann ein Hinweis auf  eine Vorstufe der Schizophrenie sein - wenn dem Betroffenen klar ist, dass niemand da ist. Bild: istockphoto

Auf der Schule war sie noch gesellig und fröhlich. Aber an der Universität änderte sich plötzlich alles. Die junge Frau wurde schwermütig, zog sich immer stärker zurück und kam manchmal tagelang nicht mehr aus dem Bett. Dann kam es noch schlimmer. «Ich hatte echt merkwürdige Gedanken», erzählt die 21-Jährige, die ihren Namen nicht nennen will. Wenn sie über den Campus der Universität von Southern Maine in Portland ging, «fühlte ich manchmal, als ob Menschen direkt hinter mir seien, die mich anspringen könnten».

Zwar wusste sie, dass niemand hinter ihr ging, aber sie konnte das Gefühl einfach nicht abschütteln. Beim Autofahren sah sie zuweilen schattenhafte Gestalten auf dem Bürgersteig. Und in den Vorlesungen hörte sie diese Frauenstimme im Ohr oder bestimmte Geräusche wie das Klacken beim Öffnen einer Coladose.

In ihrer Verzweiflung wandte sich die Studentin schließlich an den Gesundheitsdienst der Universität. Hinter den Symptomen vermutete die Krankenschwester den Beginn einer ausbrechenden Schizophrenie.

Dieses Prodrom oder Vorläuferstadium tritt meist bei Jugendlichen oder jungen Erwachsenen auf und kann nach Monaten oder auch nach Jahren wieder spurlos verschwinden. Aber bei manchen mündet es in eine Psychose, jenen zunehmenden Realitätsverlust, der auch bestimmte Formen der Depression begleitet.

Während des Prodroms können Menschen seltsame Dinge sehen und hören oder einfach nur skurrile Gedanken haben. Aber in dieser Phase wissen sie noch, dass ihre Wahrnehmung entweder auf Einbildung beruht oder einen rationalen Grund hat. Bei der Psychose dagegen klammern sich die Betroffenen an fantastische Erklärungen, wie Thomas McGlashan von der Universität Yale erläutert. Wenn jemand etwa einen Lichtstrahl im Schlafzimmer als dringende Botschaft eines Verstorbenen interpretiert, «dann ist er auf die psychotische Seite gewechselt», sagt der Psychiater.

Soziale Isolation vermeiden

Die ersten Anzeichen eines Prodroms sind subtil. «Manche Jugendliche sagen, das Licht leuchte irgendwie anders oder die Fenster seien zu hell», berichtet Ann Lovegren Conley, die bei der Studentin in Portland das Prodrom bemerkte. Solche kleinen Details können anzeigen, «dass hier keine Depression oder situationsbedingter Stress vorliegt», sagt sie. «Da ist dann noch etwas anderes.»

Experten kennen das Vorläuferstadium schon seit Jahrzehnten, aber wirksame Therapien werden noch immer erforscht. Drei von vier Patienten nehmen Antipsychotika ein. Diese Mittel dämpfen die Symptome. Aber ob sie eine Psychose verhindern können, ist völlig offen. Zudem verursachen sie Nebenwirkungen wie etwa eine deutliche Gewichtszunahme, was Patienten abschreckt.

Bei einem Therapieansatz, der bei Patienten im Alter von 12 bis 25 Jahren weniger auf medikamentöse Therapien als vielmehr auf psychosoziale Ansätze setzt, sollen Betroffene lernen, ihre Symptome zu verstehen. Zudem sollen sie mit ihren Freunden und Verwandten erörtern, wie sie mit den täglichen Herausforderungen umgehen sollen. Ziel ist es, das Abgleiten in die soziale Isolation zu verhindern.

Experten halten es für besonders wichtig, dass die Betroffenen ihre Ausbildung abschließen, eine Arbeit finden und weiterhin ihre Kontakte in Familie und Freundeskreis pflegen. «Wenn sie sich erst einmal abriegeln, nach der Schule heimkommen und die ganze Zeit im Schlafzimmer verbringen, wird das Fortschreiten in eine Psychose beschleunigt», sagt McGlashan. «Wenn man das soziale Leben abdämpft, kann das Gehirn leichter halluzinieren und merkwürdige Ideen entwickeln.»

kat/sgo/news.de/ap

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