Von Walter Willems
Wer sich krank fühlt, hofft, vom Arzt kompetent über verschiedene Therapien beraten zu werden. Viele Mediziner haben jedoch die wirtschaftliche Abhandlung der Gespräche mit ihren Patienten im Auge und hören einfach nicht richtig zu.
Die 52 Ärzte waren vorgewarnt. Sie wussten, dass in den kommenden Monaten junge Frauen bei ihnen über Kopfschmerzen klagen, das Gespräch aber insgeheim aufzeichnen würden. Anschließend würden sie die Mitschnitte an Mitarbeiter der Uniklinik Düsseldorf weiterreichen.
Deren Auswertung belegt: Um die Beratung in deutschen Arztpraxen ist es schlecht bestellt. Schon als sie ihre Beschwerden vortrugen, wurden die vermeintlichen Patientinnen oft unterbrochen. «Die meisten Ärzte intervenierten sofort und begannen dann ihr dominantes Frage-Antwort-Schema», erzählt der an der Studie beteiligte Germanist Tim Peters. «Selbst bei der Beschreibung der Symptome sprachen die Ärzte die meiste Zeit.»
Meldeten die Frauen Bedenken an, erhoben die Mediziner die Stimme oder gebrauchten Fachbegriffe, um die Patientinnen schnell ruhigzustellen. Ein Arzt brauchte für Gespräch, Untersuchung und Diagnose durchschnittlich nicht mehr als 150 Sekunden.
Die Düsseldorfer Studie belegt ein Dilemma, das Experten seit Jahren beklagen. Zwischen Arzt und Patient herrscht meist eine hierarchische Beziehung. Darunter leidet die Qualität der Versorgung. «Viele Ärzte lassen Patienten gar keine Wahl», sagt David Klemperer von der Hochschule Regensburg. «Dabei wollen die meisten Patienten mitentscheiden. Darauf sind viele Ärzte nicht ausreichend vorbereitet.» Der Mediziner plädiert für eine Kommunikation, die den Bedürfnissen der Patienten gerecht wird.
Die Sorge vieler Kollegen, mit aufmerksamem Zuhören und sorgfältigem Informieren kostbare Zeit zu vertrödeln, hält er für unbegründet. «Ein professionell geführtes Gespräch dauert nicht zwangsläufig länger», sagt Klemperer. «Gelingt die Erstkommunikation, sind die Folgegespräche eher kürzer.» Studien würden dies bestätigen.
Endlose Litaneien gehören ins Land der Mythen
Auch Wolfgang Blank von der Technischen Universität München, der im Bayrischen Wald eine Hausarztpraxis betreibt, bricht eine Lanze für bessere Gespräche: «Ich lasse die Patienten ausreden.» Befürchtungen, damit endlose Litaneien zu erdulden, verweist er ins Reich der Mythen. «Wenn man nicht unterbricht, spricht der Patient 30 Sekunden und ist dann still», habe er die Erfahrung gemacht. «Wenn ich gezielt nachfrage, dauert es nochmals 60 bis 90 Sekunden.»
Klemperer und der Medizinpsychologe Martin Härter vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf fordern seit langem, Patienten grundsätzlich an Entscheidungen zu beteiligen. Der Arzt soll Informationen liefern, die zum Abwägen wichtig sind. Dies bedeutet, er muss mehr erklären und auch fragen, welche Aspekte für einen Patienten wichtig sind. «Vielen Ärzten fällt es schwer, sich von der bisherigen stark hierarchischen Beziehung zu lösen», sagt Härter.
Dass hinter der dominanten Haltung mancher Ärzte nicht unbedingt Machtgelüste oder finanzielle Eigeninteressen stehen, veranschaulicht Blank am Beispiel eines Mannes, der an Lungenkrebs litt. Dem riet der Arzt, sich in einer entfernten Uniklinik operieren zu lassen, deren Mitarbeiter viel Erfahrung mit solchen Eingriffen haben. Der Patient zog das heimische Krankenhaus vor. Begründung: Dort könne ihn seine Frau täglich besuchen. «Wenn man weiß, dass der Patient aus medizinischer Sicht nur die zweitbeste Wahl trifft, fällt es schwer, das zu akzeptieren», sagt Blank.
kat/ham/news.de/ap