Von Nina C. Zimmermann - 27.08.2009, 15.33 Uhr

Kleine Schlaganfälle: Steter Tropfen höhlt den Stein

Ein kleiner Schlaganfall an sich wirft Betroffene nicht aus der Bahn. Die nur kurz auftauchenden Anzeichen sollten dennoch sehr ernst genommen werden, weil sie den Weg zu einem schwerwiegenden Anfall ebnen. Und der kann fatal sein.

Auch bei nur kurz auftretenden Anzeichen für einen Schlaganfall sollte jeder den Notruf 112 wählen. Bild: dpa

Am Telefon klingt die Patientin benommen. Sie hat eine belegte Stimme und Schwierigkeiten, ganze Sätze zu bilden. Außerdem kann sie sich nicht so genau erinnern, was sie kurz vorher gemacht hat. Nach einer Odyssee von ihrem Hausarzt über einen Neurologen zu einer Spezialpraxis für bildgebende Verfahren steht nach einer Woche fest: Ursache für die Störungen bei der 87-Jährigen war ein leichter Schlaganfall.

Die Frau hat sich mittlerweile zwar gut erholt. Doch das ist nur in wenigen Fällen so, wenn die Diagnose erst so spät erfolgt. «Je früher ein Patient ins Krankenhaus kommt, umso größer ist die Chance, dass sich die Ausfälle zurückbilden und dass es im weiteren Verlauf zu keinem neuen Schlaganfall kommt», sagt Professor Otto Busse von der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) in Berlin. «Man sollte es immer ernst nehmen, wenn man eine Kommunikationsstörung hat oder einen Arm nicht mehr spürt und das Ganze länger als fünf Minuten andauert», ergänzt der Neurologe Christian Nolte vom Kompetenznetz Schlaganfall an der Universitätsklinik Benjamin Franklin in Berlin.

Der Hausarzt sei auf solche Notfälle allerdings nicht spezialisiert - es liege am System, wenn sich die Behandlung eines potenziellen Schlaganfallpatienten dann verzögert, räumt Nolte ein. Er rät daher, sofort den Rettungsdienst unter der 112 zu rufen, wenn plötzlich Symptome wie Sprachstörungen, Lähmungen, Taubheitsgefühle in Armen oder Beinen, eine Sehschwäche oder sogenannte Doppelbilder auftreten.

Ein Schlaganfall kann in jedem Alter auftreten. Besonders gefährdet sind aber ältere Menschen. Als einen der beiden Hauptgründe nennt Nolte die im Alter zunehmende ArterioskleroseUmgangssprachlich auch Arterienverkalkung genannt, versteht man unter Arteriosklerose eine Erkrankung der Schlagadern, die zu Ablagerungen von Blutfetten, Bindegewebe und auch Kalk in den Gefäßwänden führt. Diese Ablagerungen können im schlimmsten Fall sich zu Pfropfen entwickeln, die die Blutbahnen verstopfen. . Dabei «verkalken» die Gefäße. Dann können sich Gerinnsel bilden, die sich im schlimmsten Fall im Hirn festsetzen. Der zweite Grund seien die im Alter häufigeren Herzerkrankungen, die zum Teil durch Arteriosklerose bedingt sind und auch zu verstärkter Bildung von Blutpfropfen führen können.

Bei einem Schlaganfall ist entweder eines der Blutgefäße im Gehirn verstopft. Dann sprechen Fachleute von einem «unblutigen Schlaganfall» in Form einer HirnembolieUnter einer Embolie wird in der Medizin ein teilweiser oder vollständiger Verschluss eines Blutgefäßes verstanden. Dazu gehören körpereigene und fremde Substanzen wie Fetttropfen, Blutgerinnsel und Luftblasen. oder einer Gehirnthrombose. Bei einem «blutigen Schlaganfall» dagegen zerreißt ein Blutgefäß. In beiden Fällen sind die Zufuhr oder der Abfluss des Blutes unterbrochen. Die betroffene Region bekommt keinen Sauerstoff und keine Nährstoffe mehr, und Gehirnzellen fangen an abzusterben.

Die akuten Folgen eines Schlaganfalles seien vergleichbar mit einem «Terroranschlag» auf das Versorgungszentrum einer Großstadt: Auf längere Sicht seien ein schwerwiegender Verlust geistiger und körperlicher Funktionen oder sogar der Tod möglich. Am besten sei die rasche Einlieferung in eine der rund 190 sogenannten Stroke Units, rät Busse. Das sind auf Schlaganfälle spezialisierte Klinik-Abteilungen. .

Außer der neurologischen Untersuchung sind bildgebende Verfahren wie ComputertomographieEine Computertomographie, auch kurz CT genannt, ist die Auswertung einer Vielzahl aus verschiedenen Richtungen aufgenommenen Röntgenaufnahmen. Damit wird ein dreidimentionales Bild erzeugt. oder Magnetresonanztomographie Das bildgebende Verfahren, auch MRT genannt, wird vor allem in der medizinischen Diagnostik zur Darstellung von Strukturen und Funktion der Gewebe und Organe im Körper eingesetzt. entscheidend für die Diagnose. Etwa 40 Prozent der Schlaganfall-Patienten mit bleibenden neurologischen Schäden haben laut Busse vorher einen kleinen Schlaganfall, eine sogenannte transitorisch ischämische Attacke (TIA), erlitten.

Diese macht sich mit denselben Symptomen bemerkbar wie ein großer Schlaganfall, nur dass die Beschwerden nur wenige Minuten bis maximal eine Stunde anhalten und dann wieder verschwinden. In den ersten Tagen danach ist das Risiko für einen großen Schlaganfall besonders hoch. Es lasse sich aber deutlich senken, wenn die TIA innerhalb von 24 Stunden richtig behandelt wird, sagt Busse.

Eine einzelne TIA verursacht zwar keine Spätfolgen. «Aber wenn Sie vier, fünf oder 20 TIAs haben, gilt: ‹Steter Tropfen höhlt den Stein›», sagt Nolte. Das Gehirn schaffe es irgendwann nicht mehr, die vielen kleinen Schläge wegzustecken. Das sei beim Hirngewebe wie bei einer Blume, die nicht mehr gegossen wird: Erst welke sie, dann vertrockne sie.

kat/juz/news.de/dpa

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