Von Carina Frey - 21.08.2009, 16.46 Uhr

Schönheitsideal: Vom Streben nach Perfektion

Es hört sich gut an: «Ich mache mich für mich schön!» Dummerweise stimmt das häufig nicht. Denn tatsächlich hecheln die meisten Frauen und auch immer mehr Männer einem klar definierten Schönheitsideal hinterher. Denn es verspricht Liebe, Glück und Erfolg.

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Paradox ist an der Sache nur, dass Normalsterbliche die Superschönen eigentlich gar nicht mögen. Schön sein zu wollen, ist ein Urbedürfnis des Menschen, das sich evolutionsbiologisch erklären lässt, sagt der Fachbuchautor Professor Winfried Menninghaus von der Freien Universität Berlin. Das Problem: Heute laufen die meisten einem Schönheitsideal hinterher, dem sie niemals entsprechen können. Jeder sieht in den Medien Modelkörper - der eigene Körper erscheine dagegen als Mängelwesen, das dringend bearbeitet werden muss.

Beim Sich-schön-machen gehe es gar nicht mehr um Schönheit, meint die Soziologin Waltraud Posch aus Graz, die an mehreren Universitäten lehrt. Eigentlich möchten sich die Menschen eine Identität erschaffen und in der Gesellschaft positionieren. Wer sich Falten wegspritzen lässt, wolle damit auch zeigen, dass er im Kopf nicht von gestern ist. «Körperliche Attraktivität gilt heute als eine Grundvoraussetzung eines am gesellschaftlichen Aufstieg orientierten Lebens», erklärt Posch. Wer jung und schlank ist, gilt als flexibel, wer natürlich aussieht, als glaubwürdig.

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Zusätzlich wird Posch zufolge in der modernen Gesellschaft davon ausgegangen, dass jeder für das, was er tut, selbst verantwortlich ist. Da es zahlreiche Wege gibt, den Körper zu formen - Fitness-Studios, Kosmetik, Schönheitsoperationen -, habe es jeder selbst in der Hand, sich zu optimieren. Zumal Werbungen wie etwa von L`Oreal mit dem Leitspruch «Weil ich es mir wert bin» suggerieren, dass derjenige der sein Äußeres nicht perfekt im Griff hat, sich selbst als wertlos betrachten könnte.

Doch was gilt als schön? «Es gibt nicht viele verschiedene Schönheitsideale, sondern im Großen und Ganzen eines», sagt Posch. Und das laute: schlank, jugendlich, fit und authentisch. «Das Schönheitsideal ist gegenwärtig sehr starr», stimmt Professor Nina Degele zu. «Ein Bundeskanzler wie Helmut Kohl wäre heute kaum mehr vermittelbar», führt die Soziologin von der Universität Freiburg aus.

So wird aus der freien Entscheidung, sich schön zu machen, ein Zwang. Trotzdem erklären Frauen in Umfragen immer wieder, dass sie sich für sich zurechtmachen, weil sie sich dann wohler fühlen, schildert Degele. Doch woher rührt diese Unehrlichkeit? «Das Eingeständnis, sich für andere schön zu machen, käme für viele einer Bankrotterklärung gleich», erklärt Degele. Posch glaubt sogar, dass viele das gesellschaftliche Schönheitsbild so verinnerlicht haben, dass sie selbst glauben, ihm aus freien Stücken zu folgen.

Aber stimmt der Zusammenhang zwischen Schönheit, Erfolg und Glück überhaupt? Degele verweist auf Studien, nach denen schöne Menschen mehr Erfolg in der Liebe und im Beruf haben. Dagegen ist Mennighaus deutlich skeptischer - zumindest was die Frage des Glücks angeht. Untersuchungen hätten gezeigt, dass besonders gut aussehenden Menschen eher negative Charaktereigenschaften zugeschrieben werden. Und etwas schöner als der Durchschnitt zu sein, mache zwar glücklicher, «viel schöner zu sein aber offensichtlich nicht».

Lesetipps:
Nina Degele, Sich schön machen - Zur Soziologie von Geschlecht und Schönheitshandeln, Vs Verlag, 39,90 Euro.
Winfried Menninghaus,
Das Versprechen der Schönheit, Suhrkamp, 13 Euro.

kat/news.de/dpa

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