Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Einen Mückenstich, der tagelang juckt, kennt jeder. So ärgerlich das ist, so groß ist auch die Gewissheit, dass das Jucken irgendwann vorüber geht. Anders sieht es bei chronischem Juckreiz aus - der kann Betroffene förmlich in den Wahnsinn treiben.
In einer aktuellen, in Deutschland erstmalig durchgeführten Befragung von mehr als 11.000 Patienten haben 17 Prozent angegeben, unter störendem Juckreiz zu leiden. «Davon hat aber nur die Hälfte der Patienten einen Arzt aufgesucht», erläutert Dr. Sonja Ständer, Oberärztin an der Hautklinik des Universitätsklinikums Münster (UKM). Dort ist jetzt das deutschlandweit erste «Interdisziplinäre Kompetenzzentrum Pruritus» gegründet worden. Pruritus ist der Fachbegriff für Juckreiz, der mindestens sechs Wochen anhält.
Ständers Einschätzung zufolge hat sich chronischer Juckreiz zu einer Volkskrankheit entwickelt. Neben dem Drang, sich ständig kratzen zu müssen, leiden Betroffene noch unter einem anderen Problem: «Ärzte nehmen Prurituspatienten häufig nicht ernst genug», sagt Ständer. Nicht aus mangelnder Ausbildung oder Desinteresse, sondern weil bislang kaum ein Arzt etwas mit den Symptomen geschweige denn mit den Ursachen des Symptoms anfangen konnte. Bis vor wenigen Jahren gab es keine eigenen Therapieansätze oder Versorgungseinheiten für das Krankheitsbild «Chronischer Pruritus».
Das will Ständer gemeinsam mit UKM-Kollegen aus anderen Fachbereichen ändern. Denn Ständer und die Kollegen etwa aus der Psychosomatik und Psychotherapie, der Neurologie, Anästhesiologie, Radiologie und der inneren Medizin wissen mittlerweile: Chronischer Pruritus ist ein Symptom verschiedener Ursachen. Angefangen von Hautkrankheiten wie Neurodermitis, inneren Erkrankungen wie eine Niereninsuffizienz, neurologischen oder psychischen Erkrankungen bis hin zu Lymphdrüsenkrebs (Lymphomen) oder – allerdings nur in seltenen Fällen – einem Kopftumor.
Außerdem kann Juckreiz aufgrund einer vorübergehenden Stressphase, durch trockene Haut oder in der Schwangerschaft ausgelöst werden. Dabei können auch mehrere Ursachen in Auslösung und Verlauf des chronischen Juckreizes zusammenspielen.
«Wir stehen erst am Anfang der Forschung», betont Ständer. Eines allerdings weiß die Hautärztin: Innere Erkrankungen beginnen häufig mit charakteristischen Juckreizsymptomen. Wenn Patienten dann Art des Juckreizes, Häufigkeit und Dauer beschreiben, bringen sie die Dermatologen häufig auf die richtige Spur. «Aber um dann die eigentliche Ursache, zum Beispiel eine Nieren- oder Nervenerkrankung oder eine Depression zu behandeln, ist eine Zusammenarbeit verschiedener Spezialisten notwendig», erklärt Ständer.
Die Experten des Kompetenzzentrums wissen, dass erkrankte oder eingeklemmte Nerven der Haut oder des zentralen Nervensystems mit Juckreiz antworten können – diese Veränderungen lassen sich in der Radiologie mit der Magnetresonanztomographie oder durch eine Gewebeentnahme beziehungsweise Hautbiopsie diagnostizieren. Die Hirnareale, die den Juckreiz auslösen, sind größtenteils die gleichen, die für den Schmerz verantwortlich sind. Dennoch funktionieren sie anders.
Das ist der Grund, weshalb beispielsweise Spezialisten für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin sowie Neurologie dem Kompetenzzentrum angehören. Das gemeinsame Ziel: Die Mitglieder des Kompetenzzentrums wollen ganz neue Krankheitsbilder und Ursachen für Juckreiz aufdecken. Ständer: «Wir wissen heute: Juckreiz ist ein Alarmsymptom. Und wir müssen alles daran setzen, die verschiedensten Ursachen herauszufinden.»
Auch für den Alltag halten die UKM-Experten Tipps zur Juckreizlinderung bereit. «Betroffene werden häufig stigmatisiert», erklärt Ständer. Blutig gekratzte Haut am ganzen Körper wirkt auf viele Menschen abstoßend. Die Folge: Die Betroffenen ziehen sich aus ihrem sozialen Umfeld zurück. Der Einsamkeit kann die Depression folgen, die wiederum Juckreiz verstärken kann – ein Teufelskreis.
Hier, aber auch in der Ursachensuche setzt die psychosomatische Diagnostik und Therapie an. «Alleinige psychische Ursachen des Juckreizes sehen wir seltener als psychosomatische Faktoren, die zusammen mit organischen Ursachen Auslösung und Verlauf des Juckreizes beeinflussen. Sehr viele Juckreizpatienten geben außerdem einen ausgeprägten körperlichen und seelischen Leidensdruck aufgrund des Symptoms an, der bei vielen Patienten auch schon Krankheitswert erreicht», erklärt Schneider.
Das Kompetenzzentrum behandelt seine Patienten nicht nur mit Standardtherapien, sondern entwickelt auch neue Therapiekonzepte. «So können wir bei mittlerweile 70 Prozent unserer Patienten die Beschwerden deutlich lindern», sagt Ständer. Außerdem gibt es inzwischen verbindliche Standards und Klassifikationen zur Diagnostik und Therapie bei chronischem Juckreiz.
«Chronischer Juckreiz wird dennoch insbesondere in der Wahrnehmung der Menschen unterschätzt und verharmlost, obwohl wir davon ausgehen, dass es eine noch unerkannte Volkskrankheit ist. Unser Ziel ist es, alles daran zu setzen, hier auf den gleichen Wissensstand zu kommen wie bei anderen Volkskrankheiten, etwa Bluthochdruck», sagt Ständer.
Zur Frage, warum Betroffene es eigentlich als befreiend empfinden, juckende Stellen mit den Fingernägeln zu traktieren, antwortet die Medizinerin: «Der leichte Schmerzreiz, der durch das Kratzen ausgelöst wird, überdeckt den Juckreiz.» Denn die Schmerzimpulse werden etwas schneller zum Rückenmark geleitet und blockieren das Juck-Empfinden. Man kann meist gar nicht anders, als zu kratzen.
Weitere Informationen für Juckreizpatienten unter www.juckreiz-informationen.de
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