Von news.de-Redakteurin Katharina Peter
«Lassen Sie Fruchtsäfte und Marmeladen für ein paar Wochen weg», sagte mir mein Arzt als er die Diagnose Fruktosemalabsorption, oder auch Fruchtzuckerunverträglichkeit, stellte. Doch die Liste der Tabu-Lebensmittel wurde schnell sehr viel länger.
Die alte Ernährungsweisheit vom täglichen Apfel, der die Gesundheit stärkt, trifft nicht auf jeden zu. Jeder Dritte sollte sich von der klassischen Gesundheitsvorstellung der vitaminbombigen Säfte und Obstsalate verabschieden. Denn wo bei dem einen Orangensaft den Vitamin-C-Haushalt auffüllt, können sich Menschen, die keinen Fruchtzucker vertragen, auf einen Tag voller Krämpfe, Blähungen und Durchfall einstellen.
Grund: Das Transportsystem für Fruchtzucker im Dünndarm, das sogenannte GLUT-5, ist gestört, überfordert oder kaum vorhanden. Der Zucker wird nicht aufgenommen und wandert in den Dickdarm. Dort wird er von Bakterien verstoffwechselt. Unerwünschte Nebenprodukte sind das Resultat und führen zu Beschwerden.
Der Leidensweg eines Fruktosemalabsorbers ist oft ein langer. So auch der meine. Ich saß bereits als Kleinkind heulend auf der Toilette, weil die Bauchschmerzen nicht nachlassen wollten. Auch das liebevolle Zureden meiner Eltern half nicht. Niemand kam auf die Idee, dass hinter den heftigen Krämpfen eine Krankheit steckt. Bauchschmerzen gehörten zum Kindsein dazu.
Auf die Beschwerden angesprochen, antwortete mir später eine Ärztin: «Reizdarm. Psychosomatisch. Damit müssen Sie leben.» Ich glaubte ihr. Dass ein Reizdarmsyndrom erst vermutet wird, wenn Lebensmittelintoleranzen ausgeschlossen wurden, wusste ich nicht.
«Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Kaltschnäuzigkeit Patienten von ihren Ärzten abgefertigt werden, wenn sie von Beschwerden erzählen», sagt Dr. Maximilian Ledochowski, Ernährungsmediziner und Spezialist für Lebensmittelunverträglichkeiten. «Einige behaupten einfach, Fruchtzuckerunverträglichkeit gibt es nicht und der Patient bilde sich das ein.»
Die wenigsten Fruktosemalabsorber werden diagnostiziert. Zu willkürlich scheinen die Beschwerden aufzutreten. Denn Fruchtzucker steckt in vielen Lebensmitteln und ist nur schwer zu vermeiden. Zudem sind die Symptome und Toleranzgrenzen unterschiedlich.
Mit 30 Jahren schickte mich ein aufmerksam zuhörenden Hausarzt zum Gastroenterologen. Es folgten zahlreiche Tests und Untersuchungen. Darm- und Magenspiegelung, um organische Ursachen auszuschließen, Bluttest für Glutenunverträglichkeit und jeweils drei Stunden andauernden Wasserstoffatemtests.
Liegt eine Unverträglichkeit gegenüber Laktose, Fruktose oder etwa Sorbit vor, führt ein einfacher Atemtest bereits zur Diagnose. Denn: Ein Abfallprodukt bei der fehlgeleiteten Verstoffwechselung ist Wasserstoff, der über die Lunge abgegeben und nachgemessen werden kann. Der Laktose-Test war negativ. Doch bei Fruktose schlug das Gerät an.
Erste Versuche, mich über Internet und Fachbücher zu informieren und eine Ernährungsstrategie zu entwickeln, endeten in verzweifelten Supermarktbesuchen, stundenlangem Lesen von Zutatenetiketten und drei kurz aufeinander folgenden Komplettumstrukturierungen meiner Küche und des Vorratsschrankes. Denn an Fruchtsaft und Marmelade allein lag es nicht.
Ein Ernährungstagebuch, Nährstofftabellen und eine Küchenwaage gehörten schnell zu den täglichen Utensilien. Jede Mahlzeit wurde in Einzelteilen abgewogen, per Tabelle der Fruchtzuckergehalt ausgerechnet und notiert. Trotz strenger fruktosearmen Diät blieben die Beschwerden nicht aus.
Durch Ausprobieren flog immer mehr vom Speiseplan runter. Neben Fruktose waren schnell Sorbit, Maltit und andere Zuckeralkohole sowie Inulin, die sich gerne in «zuckerfreien» Produkten verstecken, Invertzucker, Haushaltszucker sowie industriell hergestellter Glukosesirup, der sich oft in Wurstaufschnitt befindet, gestrichen. Ebenso Honig.
Als verträgliche Obstsorten blieben Nektarine, Mandarine, Banane, Avocado, Zuckermelone, Limetten und Rhabarber. Beim Gemüse gehören Blatt- und Feldsalat, Schwarzwurzel, Spinat und Erbsen zu den gefahrlosen Speisen genauso wie Pilze, Nüsse, Kartoffeln, Reis, Nudeln, Fleisch, Fisch, Milchprodukte ohne Zusätze und Eier. Fast Food und Fertigprodukte sind dagegen tabu. Bei Brot sind Sorten ohne Zuckerzusatz genießbar.
Alkohol und Süßigkeiten habe ich schweren Herzens verbannt. Reis- und Dinkelsirup, bestehend aus gut verträglicher Maltose, ersetzen beim Frühstück Honig, Schokoaufstrich und Marmelade. Die Getränkeauswahl beschränkt sich auf Wasser, Milch, Kaffee und Kräutertees. Kleine Ausrutscher aber passieren.
Doch nicht jeder Fruktosemalabsorber muss sich derart einschränken, was allgemeingültige Tipps, Diäten und Richtlinien so schwierig macht. Die Toleranzgrenzen sind individuell. Nicht jeder muss auf Haushaltszucker, der zu gleichen Teilen aus Fruktose und Glukose besteht, verzichten. Denn Glukose erleichtert die Aufnahme von Fruktose.
Die meiste Hilfe bietet übrigens nicht die Fachliteratur, die oft mehr Fragen aufwirft als beantwortet, sondern das Forum www.libase.de. Dort haben sich Betroffene von unterschiedlichsten Unverträglichkeit und Allergien zusammengefunden. Sie schreiben über ihre Erfahrungen, helfen bei Fragen und sammeln Rezepte.
Etwas Gutes hat diese Erkrankung, die weder heilbar noch mit Medikamenten behandelbar ist: Mein Gewicht habe ich seitdem besser im Griff, die Beschwerden sind seit der strengen Diät fast völlig weg und angeblich haben Menschen, die keine Fruktose vertragen, meist besonders gesunde Zähne. Kein Wunder beim Zuckerverzicht.
ham
ich finde das die lebensmittelbranche endlich reagieren muss und eine genaue kennzeichnung für den fructosegehalt angeben muss den viele menschen reagieren empfindlich auf fruchtzucker so wie ich ich glaube mann könnte auch sehr viele produkte ohne zucker herstellen bzw.ein drittel würde schon genügen liebe grüße evelyne
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