Sa., 26.05.12

Botulinumtoxin 18.07.2009 Die Flatrate gegen Schweiß und Falten

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Botox boomt als Antifaltenmittel. Eigentlich ist es ein Nervengift. Bild: dpa

Von Walter Willems

Lange Zeit war das von Bakterien gebildete Gift Botulinumtoxin als Ursache von Lebensmittelvergiftungen gefürchtet. Inzwischen erzielt die Substanz Rekordumsätze als Medikament - zur Therapie verschiedener Erkrankungen und auch als Faltenglätter.

Aber Ärzte sollten mit dem potenten Stoff umgehen können. Darauf sollten Patienten nicht blind vertrauen. Die von dem Bakterium Clostridium botulinum gebildete Substanz zählt zu den stärksten Giften überhaupt: Zwei Kilogramm würden ausreichen, um die gesamte Menschheit zu vernichten. Ende der 1970er Jahre zeigte der kalifornische Augenarzt Alan Scott, dass der Stoff, in winzigen Mengen injiziert, verkrampfte Muskeln lösen kann. So kurierte der Mediziner zunächst das Schielen von Patienten und angespornt durch den Erfolg alsbald auch Lidkrämpfe.

Botulinumtoxin hemmt die Impulsübertragung von der Nerven- auf die Muskelzelle. Damit hilft es zwar zuverlässig gegen Muskelkontraktionen, aber es heilt nicht. Lässt die Wirkung nach einigen Monaten nach, muss das Mittel erneut gespritzt werden.

Seit 1980 haben sich die medizinischen Anwendungen stetig ausgeweitet, und der Trend hält an. Zugelassen ist es gegen bestimmte neurologisch bedingte Bewegungsstörungen, Spastiken etwa nach einem Schlaganfall, Schiefhals und seit kurzem gegen übermäßiges Schwitzen. Aber Ärzte nutzen die Substanz auch erfolgreich gegen weitere Probleme wie etwa Schreibkrampf, überaktive Blase oder erhöhte Speichelbildung.

Nicht bei jeder Indikation ist die Wirkung erwiesen. «Nach derzeitiger Datenlage ist der Nutzen von Botulinumtoxin bei episodischer Migräne und chronischem Spannungskopfschmerz nicht ausreichend gesichert», sagt der Augsburger Neurologe Markus Naumann. «Gegen diese Arten von Kopfschmerz hilft es wahrscheinlich nicht besser als ein Placebo.»

Aber seinen Ruhm verdankt das Gift, von dem in Deutschland vier Präparate auf dem Markt sind, vor allem dem Ruf als Faltenkiller. Für eine Jahresgebühr von etlichen Hundert Euro versprechen Schönheitszentren eine «Flatrate gegen Falten», und auf sogenannten Botox-Parties verdienen sich Ärzte ein ordentliches Zubrot, indem sie Krähenfüße, Sorgenfalten und andere Unebenheiten der Gäste per Spritze glätten.

«Vor allem wegen der kosmetischen Behandlung ist Botulinumtoxin eines der umsatzstärksten Medikamente weltweit», sagt Reinhard Dengler von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). «Und der Gebrauch nimmt weiter zu.» Eine medizinische Behandlung kostet zwischen 200 und 1000 Euro.

Wie viel Geld die Hersteller verdienen, ist nicht bekannt. «Es gibt keine systematischen Zahlen und auch keine Schätzungen», sagt Ulrich Hagemann vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfARM). Gerade bei Schönheitsbehandlungen sei der Markt völlig untransparent. «Das gilt auch für die Versorgung», so Hagemann. «Wir haben Zweifel daran, dass auf Botox-Partys die Qualität der Behandlung gewährleistet ist.»

Zwar zählt das Gift wegen des enormen Gefahrenpotenzials zu den am besten untersuchten Stoffen. Aber die Handhabung erfordert besondere Voraussetzungen. «Der Arzt muss die Anatomie der Nerven und Muskelfasern kennen, abhängig vom Injektionsort die richtige Dosis wählen und eine gute Injektionstechnik beherrschen», sagt Hagemann. «Das können im Grunde genommen nur Spezialisten.»

Nicht alle Patienten geraten an solche Spezialisten, denn grundsätzlich darf jeder Arzt Botulinumtoxin spritzen. Und Faltenbehandlungen sind besonders sensibel, denn im Gesicht drängt sich auf engstem Raum eine Unzahl kleiner Muskeln. Färbt das Gift - wegen zu hoher Dosis oder falscher Injektionstechnik - auf benachbarte Muskelgruppen ab, drohen Atem- oder Schluckbeschwerden ebenso wie Augenprobleme oder erschlaffende Gesichtszüge. Meist bleibt den Betroffenen nicht anderes übrig, als geduldig abzuwarten, bis die Wirkung wieder nachlässt.

«Nebenwirkungen sind nicht selten und beruhen meist auf einer zu starken Hauptwirkung», sagt Dengler. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte registrierte bis vorigen Herbst 210 Verdachtsberichte über zum Teil schwere Nebenwirkungen. Angesichts der enormen Zahl der Anwendungen scheint das nicht viel zu sein, aber Hagemann geht von einer wesentlich höheren Dunkelziffer aus.

Todesfälle wurden in Deutschland allerdings bislang nicht bekannt. Anders in den USA: Dort registrierte die Zulassungsbehörde FDA mehrere ungeklärte Todesfälle spastisch gelähmter Kinder. Nun müssen die Hersteller in den USA Warnhinweise auf die Packungen drucken.

Naumann rät Patienten, sich nur an ausgewiesenen Zentren behandeln zu lassen, deren Mitarbeiter sich mit der Verwendung des Giftes auskennen. «In der Hand des erfahrenen Mediziners ist Botulinumtoxin eine extrem sichere Substanz», betont der Neurologe. «Aber Hände weg von Ärzten, die nicht damit vertraut sind.»

car/mat
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