Sa., 26.05.12

Interview mit Patrick Broome 29.07.2009 «Leidenschaft und Kampfgeist»

Patrick Broome (Foto)
Patrick Broome ist der Yogalehrer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Bild: news.de

Von news.de-Redakteurin Mara Schneider

Seit vier Jahren unterrichtet Patrick Broome die Spieler der deutschen Fußballnationalmannschaft in Sachen Yoga. Mit news.de sprach der gebürtige Kulmbacher über sein neues Buch «Yoga für den Mann».

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Warum braucht es ein Yoga-Buch für Männer?

Broome: Die vier Zauberwörter im Yoga sind: Selbst-Verantwortung, Selbst-Bewusstsein, Selbst-Vertrauen und Selbst-Überwindung - vier gerade für uns Männer ganz hervorragende Werkzeuge, unser Leben bewusst zu gestalten und unsere Ziele zu verwirklichen. Für die meisten Männer besteht Erfolg nicht mehr nur aus Karriere, Verdienst, Anerkennung oder Macht. Erfolgreich ist vielmehr auch, wer eine stabile Gesundheit hat, wer zufriedenstellende Beziehungen zu anderen Menschen unterhält, wer Kinder zu glücklichen und selbstbewussten Persönlichkeiten erzieht, wer trotz Verantwortung in Beruf und Familie seine eigene Entwicklung nicht vernachlässigt.

Machen Männer anders Yoga als Frauen?

Broome: Es geht für uns Männer immer mehr darum, selbstbestimmt und gestalterisch tätig zu sein und aktiv Raum für Neues zu schaffen, um das eigene Leben und Erleben wieder selbst zu steuern. Die praktischen Übungen dazu liefert uns der traditionelle Weg des Hatha-Yoga, der von Kriegern entwickelt und über Jahrtausende lang überwiegend von Männern an Männer weitergegeben wurde.

Yoga gilt in der Bevölkerung aber als Frauensport. Welche Vorteile haben Männer, die Yoga machen?

Broome: Ein Leben, wie wir Männer es heutzutage meist führen, verursacht kaum noch körperliche Anstrengung, aber enorme mentale Angespanntheit. Wir müssen den ganzen Tag unsere Gedanken kontrollieren, dürfen uns kaum Gefühlsausbrüche erlauben, müssen gleichwohl wach und konzentriert sein und die für unseren Job notwendigen Routinehandlungen mit traumwandlerischer Sicherheit beherrschen.

Doch manchmal kann die Stressbelastung zu groß werden. Dann nimmt ein Karussell negativer Gedanken in unserem Kopf langsam Fahrt auf. Yoga kann uns helfen, uns von diesen negativen Gedanken zu befreien. Wir Männer werden wacher, konzentrierter und gelassener. Gerade in Stresssituationen und Problemphasen in Beruf, Partnerschaft und Familie bietet Yoga eine Möglichkeit, den an uns gestellten Anforderungen auch weiterhin gewachsen zu sein. Die Yogapraxis wurde nämlich gerade aus dem Umstand geboren, dass wir nicht immer glücklich und zufrieden sind.

Sie sind seit 2005 Yogalehrer der deutschen Nationalmannschaft. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?

Broome: Das war am 31. Mai 2005 im Rahmen der Eröffnung der Allianz-Arena in München. Oliver Bierhoff hat mir damals den Kontakt zu Jürgen Klinsmann vermittelt. Nach einem kurzen gegenseitiges Kennenlernen und einer Yogastunde für das Trainer-Team hat dieser dann sein Einverständnis für die Arbeit mit der Mannschaft gegeben.

Wie haben die Spieler reagiert?

Broome: Alle haben mitgemacht und genau das getan, was ihnen gesagt wurde. Hier und da gab es vielleicht leichte Irritationen, aber alle haben es ausprobiert und ihr Bestes gegeben. Schon in der ersten Übungseinheit haben mich Eifer, Disziplin und Konzentration der Spieler beeindruckt und positiv überrascht.

Ein Fußballer muss sich auf dem Feld enorm konzentrieren. Yoga hingegen wird oft mit Entspannung in Verbindung gebracht. Wie passt das zusammen?

Broome: Es geht im Yoga um Konzentration und nicht um Entspannung. Sicherlich bleibt der entspannende Effekt einer guten Yogastunde den meisten Teilnehmern sehr präsent im Gedächtnis. Doch um dort hinzukommen, wurde vorher meist etwa 70 Minuten lang sehr konzentriert und körperlich hart gearbeitet. Deshalb verstehe ich nicht, warum sich dieses hartnäckige Vorurteil immer noch hält. Alle großen Yogis (Anmerkung der Redaktion: jemand, der Yoga praktikziert), die ich bisher in meinem Leben treffen durfte, haben innerlich und äußerlich vor Energie und Leidenschaft geglüht. Glaubt man den Berichten von Zeitzeugen, so waren Leidenschaft und Kampfgeist sicherlich die herausragenden Persönlichkeitsmerkmale der letzten großen Yogis dieses Jahrhunderts.

Wie kann Yoga einem Fußballer helfen, besser zu werden?

Broome: Um dort hinzukommen, wo diese Ausnahmespieler heute sind, waren Selbstbeobachtung, Disziplin und Fleiß ganz wichtig. Diese Qualitäten sind bei den Spielern meist gut ausgebildet. In meinem Unterricht versuche ich ihnen zusätzlich auch die Qualität der Weichheit, des Empfangens, der Hingabe oder Demut zu vermitteln. Das gelingt mir am Besten über den Atem beziehungsweise über eine atemgesteuerte Bewegung. Damit bekommt der Spieler ein perfektes Ventil in die Hand, die im Körper gestaute Anspannung nach dem Spiel wieder abzulassen.

Worauf kommt es beim Yoga an?

Broome: Im Wesentlichen geht es meines Erachtens im Yoga um das Ausloten der eigenen körperlichen und mentalen Grenzen sowie um die Beziehung zu sich, zu anderen und zur Umwelt, in der wir leben. Es geht darum, die selbst auferlegten mentalen Beschränkungen abzulegen und sich zu öffnen für die eigene Größe, den eigenen Mut, die eigene Wahrheit. Die alten Schriften nennen das Erleuchtung. Ich bin der Meinung, dass Erleuchtung damit zu tun hat, dass man seinen Platz im Leben findet; ein Leben entsprechend seiner Neigungen und Talente führt, unabhängig seine Überzeugungen und Werte entwickelt und mit Vehemenz für seine Ideale und Ziele eintritt; sich mit allem, was man hat, einbringt und zu dem steht, wer man ist.

Wie trägt Yoga dazu bei?

Broome: Die Botschaft von Yoga ist, dass nichts Äußerliches verändert werden muss, damit wir glücklich und zufrieden leben können. Wir selbst, das eigene Denken, die Glaubenssätze, die uns daran hindern, selbstverantwortlich und gestalterisch zu agieren, müssen verändert werden. Letztlich sind es nicht die äußeren Umstände, die innere Zweifel oder eine Depression auslösen, sondern das, was wir der Situation ganz persönlich an negativer Bewertung hinzufügen – und uns damit selbst zum Opfer machen.

Was bedeutet Yoga für Sie persönlich?

Broome: Für mich bedeutet Yoga Freiheit. Und zwar die Freiheit von mentalen Bedrängnissen. Jeder hat doch gelegentlich die Sehnsucht, sich aus dem eigenen mentalen Karussell zu befreien. Die Methoden des Hatha-Yoga sind magische Praktiken, da sie eine Verschiebung der Wahrnehmung bewirken. Jeder, der schon mal Yoga geübt hat, hat das erfahren können.

Nach der Yogastunde fühle ich mich meistens sehr wohl in meinem Körper. Der Stau auf dem Nachhauseweg ist nur noch halb so nervenaufreibend und selbst die beruflichen und privaten Sorgen sind nicht mehr ganz so bedrückend. Meine Wahrnehmung hat sich verändert, nicht die Situation selbst, sondern mein ganz persönlicher Beitrag zu ihrer Bewertung. Und dieses Wunder verblüfft mich jeden Tag aufs Neue.

Was erhoffen Sie sich von Ihrem Buch Yoga für den Mann?

Broome: Ich wünsche mir, dass all die ausgebrannten Jungmanager, von Midlife Crises geplagten Männer und Leistungssportler hier in Deutschland endlich ihren Weg auf die Matte finden und erstaunt feststellen, dass dort echte Kerle ehrlich und hart an ihrem Körper und ihrer Psyche arbeiten.

Patrick Broome ist Yogalehrer und Psychologe. Zu seinen Kunden gehörte in der Vergangenheit unter anderem Sting - und seit 2005 auch die Spieler der deutschen Fußballnationalmannschaft. Der gebürtige Kulmbacher wuchs in Kalifornien auf, studierte später in Deutschland Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie und ist mittlerweile ausgebildeter Yogalehrer. Er wohnt heute in München, wo er eigene Yogaschulen besitzt.

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