Wachkoma: Nach drei Jahren zurück im Leben

«Mit einem Dachschaden hat man Antennen, die andere nicht haben.» Wenn der 46-jährige Alexander Kuhn so über sich selbst spricht, meint er es wörtlich. Der Heilbronner ist ehemaliger Wachkomapatient und trägt eine Kunststoffplatte im Hinterkopf.

Alexander Kuhn hat drei Jahre lang im Wachkoma gelegen. Bild: dpa

Alexander Kuhn erinnert sich noch genau an den nur 20-minütigen neurologischen Eingriff, als ihm die Platte in der Größe eines Computerchips eingesetzt wurde. Die Platte ersetzt das vorübergehende Ventil in Kuhns Kopf, das auch Schand genannt wird. Das ist ein Schlauch, durch den das Hirnwasser künstlich ablaufen kann.

Als Kuhn nach drei Jahren aus dem Wachkoma aufwachte, drohte sein Gehirn wie ein Kochtopf überzulaufen. Ständig hatte er solche Kopfschmerzen, dass er tagelang lautstark schrie - bis man den «Deckel» abnahm. Kuhn ist ein Fall, wie es ihn im Besigheimer Stift bei Stuttgart häufiger gibt. Die Einrichtung ist spezialisiert auf Wachkomapatienten. Derzeit liegen 26 Patienten im Alter von 23 bis 65 Jahren auf der Station.

Nach einem Autounfall, einer Hirnblutung oder einem Schlaganfall sind sie in die Bewusstlosigkeit gefallen. Im Unterschied zu Komapatienten öffnen Menschen mit dem sogenannten apallischen Syndrom, wie das Wachkoma auch genannt wird, gelegentlich die Augen. Dennoch sehen ihre Pupillen ihr Gegenüber nicht an. Vielmehr bewegen sie sich so ziellos hin und her wie bei Menschen, die aus einem fahrenden Zug die Landschaft zu fixieren versuchen.

In seinem früheren Leben war Kuhn ein «richtiger Lebemann», wie er selbst sagt. Am Abend des 29. Oktober 2003 feierte der damals 40-Jährige den Geburtstag eines Verwandten. Einer der Gäste hatte zufällig ein Blutdruckmessgerät dabei, das bei Kuhn einen «wahnsinnig hohen Blutdruck» von 220 anzeigte. Als er am nächsten Morgen wie jeden Tag zur Arbeit gehen wollte, platzte ihm ein Blutgefäß im Gehirn und er fiel noch in seiner Heilbronner Wohnung um.

«Ich hatte von allem zu viel», erzählt Kuhn heute ruhig und gefasst. Dass seine damalige Lebensgefährtin die Beziehung inzwischen beendet hat, stört ihn nicht. Was der ehemalige Unternehmensberater dagegen bedauert, ist, keine geregelte Arbeit zu haben: «Ich liebe nicht gerade den Müßiggang.» Ein Hoffnungsschimmer für ihn ist deshalb die Aussicht, ab August in einer Steuerberatung arbeiten zu können.

Hoffnung gab es damals wenig, als Kuhn nach einer neunstündigen Operation drei Jahre lang im Wachkoma lag. Nach drei Monaten Rehabilitation im Schwarzwald wurde Kuhn mit dem Krankenwagen und fünf Schläuchen am Körper nach Besigheim gebracht. «Die Menschen, die zu uns kommen, sind eigentlich tot», sagt Heimleiter Peter Störl über die seit 2001 bestehende Wachkoma-Einrichtung seines Hauses.

Kuhn hat inzwischen die letzte von sieben Verlaufsphasen des Wachkomas erreicht: Die sogenannte Phase G steht für «Gehen in ein selbstständiges Leben», erklärt Störl. «Ich habe überlebt und über-lebt», sagt er im Hinblick auf sein ausschweifendes Leben vor dem Wachkoma. Dass die drei Jahre danach völlig an ihm vorbeigegangen sind, hat er inzwischen begriffen. «Damals konnte ich es nicht glauben, als ich nach meinem Aufwachen im Fernsehen erfahren habe, dass Michael Schumacher 2004 zum siebten Mal Weltmeister geworden ist.»

Gründe, mit seinem Schicksal zu hadern, hatte Kuhn dennoch genug: Sein Vater starb kurz nach Kuhns Aufwachen an Blasenkrebs. Dann diagnostizierten die Ärzte bei seiner Mutter auch noch Brustkrebs. Dagegen wirken seine Zukunftswünsche geradezu bescheiden: «Ich möchte ein- oder zweimal in die Stadt und eine Tasse Kaffee trinken.» Das dreijährige Wachkoma hat jedenfalls seine «Antennen» geschärft, sagt er. Seitdem sendeten sie Signale wie Offenheit, Warmherzigkeit und Geistesreichtum aus.

kat/car

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