Von Basil Wegener
Neue Zähne aus Polen oder Ungarn kosten oft nur halb so viel wie vom deutschen Zahnarzt. Wegen der hohen Zuzahlungen ist der blühende Zahnarzttourismus in Grenznähe für viele Geringverdiener oft die einzige Chance auf neuen Biss.
Bei der AOK Brandenburg gab es ein Phänomen. Versicherte reichten Heil- und Kostenpläne für Zahnersatz ein, die Kasse bewilligte die Zuschüsse - doch fast jeder Vierte verzichtete auf die Behandlung.
«Für Geringverdiener ohne Zuzahlungsbefreiung ist Zahnersatz oft unerschwinglich», sagt Sprecher Jörg Trinogga. Hunderte, manchmal tausende Euro muss man selbst zahlen. Als Reaktion schloss die Kasse mit der polnischen Tochter eines Münchner Anbieters einen Vertrag über Behandlungen in Praxen jenseits der Grenze, aber nach deutschem Standard. Rund fünf Prozent des Umsatzes in dem Bereich entfallen inzwischen auf polnische Ärzte.
Auch in Ungarn boomt der Zahnarzttourismus. So reiht sich im Grenzort Sopron Praxis an Praxis. Bei aufwändigeren Behandlungen gibt es Komplettangebote - mehrere Übernachtungen, Wellnessangebote und Ausflüge inklusive. Verbraucherschützer berichten von zufriedenen Patienten, aber auch Behandlungen wie am Fließband kommen vor.
Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung Rheinland-Pfalz inspizierte in den Jahren 2006 und 2007 das Gebiss vieler Patienten nach Auslandsbehandlungen. Bei rund einem Drittel stießen die Prüfer auf abstehende Kronenränder, zu wenig Biss oder andere Mängel. 55 Prozent entsprachen allen Richtlinien und waren einwandfrei. Bei Eigenanteilen von im Schnitt 179 Euro sparten die Versicherten durchschnittlich mehr als 800 Euro.
Meist müssen die Versicherten beim Gang zum Zahnarzt in Polen oder Ungarn allerdings in Vorkasse treten. Wer sich im Ausland von einem Zahnarzt behandeln lassen will, sollte sich zunächst von einem Zahnarzt in Deutschland einen Heil- und Kostenplan aufstellen lassen. Nur wenn die Krankenkasse diesen genehmigt, könnten Patienten mit einer teilweisen oder vollen Übernahme der Kosten aus dem Ausland rechnen, erklärt Kai Kirchner von der unabhängigen Patientenberatung in Erfurt.
Lassen sich Patienten von einem Zahnarzt innerhalb der Europäischen Union behandeln, müssten die gesetzlichen Kassen die Kosten für alle ambulanten Behandlungen tragen, die sie auch in Deutschland bezahlt hätten, sagt Kirchner. In Ländern außerhalb der EU dagegen seien Kassen dazu nicht verpflichtet. In der Regel müsse der Patient die Behandlung dort vollständig selbst bezahlen.
Kirchner empfiehlt, sich einen ausländischen Zahnarzt zu suchen, der mit einem deutschen Zahnarzt zusammenarbeitet. Sind Nachbesserungen notwendig, könne sich der Patient dann an diesen wenden. Damit in diesem Fall keine zusätzlichen Kosten entstehen, sollte sich der Patient von dem ausländischen Arzt vor der Behandlung eine schriftliche Garantie geben lassen. Ansonsten richte sich die Dauer der Garantie nach dem jeweiligen Landesrecht. In Deutschland beträgt die Garantie für Zahnersatz zwei Jahre.
Außerdem sollten Patienten einen Legierungspass verlangen, rät Heinrich Heckl, Chefredakteur des Verbraucherschutzportals die-endverbraucher.de. Ein Legierungspass dokumentiere, welche Materialien beim Zahnersatz verwendet wurden. Er könne als Beweis in einem Rechtsstreit dienen, wenn der Patient zum Beispiel zu Hause feststellt, dass ihm eine Krone aus billiger Presskeramik statt aus Zirkonium eingesetzt wurde.
Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) sieht den Dentaltourismus gelassen: «Nach wie vor fahren nur wenige Versicherte für eine Zahnersatzversorgung ins Ausland.» Gemessen an der gesamten Bevölkerung taten es laut einer neuen Umfrage aber immerhin schon 1,2 Prozent.
Die zu 53 Prozent aus China, zu 14 Prozent aus der Türkei und zu 8 Prozent aus den Philippinen stammenden künstlichen Zähne oder Zahnteile dagegen werden immer öfter in den Mund eingesetzt. «Das ist ein wachsender Markt», sagt KZBV-Chef Jürgen Fedderwitz. Mittlerweile kommt schon jeder zehnte Zahnersatz von fern - Tendenz steigend, wie eine Umfrage unter den Zahnärzten zeigt. Fedderwitz wirbt für Zurückhaltung. «Spezielle klinische Untersuchungen über die Qualität des gelieferten Zahnersatzes gibt es noch nicht», sagt er.
Oft werden die Mediziner auch von Patienten gedrängt, nicht nur das im Vergleich teurere Material aus ihrem gewohnten Labor um die Ecke anzubieten. Manche Patienten stellen ihre Heil- und Kostenpläne sogar ins Internet auf der Suche nach günstigeren Angeboten. Fedderwitz mahnt, auf persönlichen Augenschein im Zahnarztstuhl nicht zu verzichten: «Es ist ziemlich verantwortungslos, einen Patienten im Internet zu ersteigern.»
car/nak
Sehr informativ, der Text. Was man vielleicht noch ergänzen kann: Seit 2010 gibt es ein Qualitäts-Prüfsiegel für Medizin im Ausland (u.a. speziell für Zähne), das Praxen und Kliniken nach Prüfung verliehen bekommen können. Es heißt Temos. Hier mal ein Interview zu Temos: http://www.rheinruhrmed.de/interviews/temos_zertifikat_ausland.html
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