Mit «Merhaba, nasilsiniz?» empfängt Ufuk Gündug seine Patienten jeden Donnerstag. Das bedeutet «Guten Tag, wie geht es ihnen?». In einer türkischen Sprechstunde berät der Oberarzt im Gelsenkirchener St. Josef-Hospital in seiner Muttersprache.
«Wenn ein Arzt keine Antworten auf seine Fragen bekommt, weil der Patient nicht versteht, dann fehlt einfach die Basis für eine gute Behandlung», erklärt der 34-jährige Gündug. Seine Kollegen melden Patienten, die nicht ausreichend Deutsch sprechen, zur türkischen Sprechstunde an, um bei der Diagnose und Therapie von einem Muttersprachler unterstützt zu werden. Eine Patientin kommt mit ihrem Mann und der Krankenakte unter dem Arm zu Ufuk Gündug. Zum ersten Mal beschreibt sie dem Arzt ihre Beschwerden in türkischer Sprache.
Seit 30 Jahren hat die Frau Magen-Darm-Probleme, aber Ärzte hätten sie nie verstanden. «Das hat sie zumindest so empfunden», sagt Gündug, der schon nach wenigen Minuten eine Milchzucker-Intoleranz vermutet. «Diese Unverträglichkeit gibt es in der Türkei deutlich häufiger, das wird schnell vergessen», meint der Facharzt für Innere Medizin, Diabetes und Infektionen. Für den behandelnden Arzt der Patientin schreibt Gündug eine Notiz mit seiner Diagnose und meint: «Vielleicht geht es ihr mit einer banalen Diät schon gut.»
Durch die türkische Sprechstunde sind Patienten schon unangenehme Untersuchungen erspart geblieben. Denn in ihrer Muttersprache können Menschen vor allem Schmerzen genauer beschreiben. So kann auch das Krankenhaus unnötige Kosten vermeiden. Zudem geht Ufuk Gündug auf kulturelle Aspekte ein. Bei Diäten berücksichtigt er die türkischen Essgewohnheiten. Besonders wichtig für die Patienten ist, dass sie auch Familienangehörige zu den Gesprächen mitbringen können. Der nächste Patient bittet um ein gemeinsames Gespräch mit seiner Tochter, und für die dritte Patientin ist sogar der Bruder aus der Türkei angereist.
Besonders Krebspatienten wünschen sich eine Beratung in ihrer Muttersprache. «Viele stehen vor einer Therapie. Ich erkläre, was sie genau erwartet und versuche auch die Psyche zu stärken», sagt Gündug. Dass Menschen auch nach vielen Jahren in Deutschland die Sprache nicht richtig beherrschen, hält er für ein Manko: «Aber für mich als Arzt ist dieses Problem sekundär.»
Im St.-Josef-Hospital werden viele Patienten mit Migrationshintergrund behandelt: «Etwa ein Drittel sind türkischstämmige Menschen», schätzt der ärztliche Direktor Peter Auer, der die türkische Sprechstunde mit Ufuk Gündug entwickelt hat. Seit knapp einem Jahr gibt es diesen Service für die Patienten des Krankenhauses.
Als der Arzt vor zehn Jahren ins St.-Josef-Hospital kam, wurde er immer wieder auf Türkisch um Hilfe gebeten. «Mit Fragen bin ich überall bombardiert worden - auf Station, im Aufzug, in der Cafeteria.» Um mit Patienten und Ärzten nicht nur zwischen Tür und Angel zu sprechen, steht Gündug nun zwei Stunden in der Woche für türkische Patienten zur Verfügung. «Schließlich ist das Gespräch mit den Patienten das Wichtigste», sagt Gündug. Er ist in Gelsenkirchen geboren, aber mit der Sprache seiner türkischen Eltern aufgewachsen.
kat/car