Patienten benoten Ärzte
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Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Erst Lehrer, bald auch Mediziner: Nach dem Spickmich-Urteil will die AOK auf jeden Fall an ihrem Arzt-Navigator festhalten. Nach den Plänen der Krankenkassen sollen Patienten ihre Ärzte noch in diesem Jahr im Internet beurteilen können.
Bei spickmich.de können Schüler ihre Lehrer benoten – seit Dienstag mit dem Segen des Bundesgerichtshofs (BHG). Der Bundesverband der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) plant ebenfalls ein Bewertungsportal, auf dem die 25 Millionen den rund 185.000 niedergelassenen Medizinern und Zahnärzten in Deutschland Noten geben können: für ihre Leistung, ihren Service und das Management ihrer Praxis.
Kaum war der Vorschlag kundgetan, protestierten die Mediziner lautstark. Ärztebeurteilungen durch Patienten seien unseriös, die Versicherten seien nicht in der Lage, das Tun und Lassen der Weißkittel richtig zu beurteilen, wetterten die Mediziner gegen ein «populistisches Bewertungssystem ohne Aussagekraft». «Auch wir wollen die hohe Qualität der ärztlichen Leistung transparent und sichtbar machen. Aber subjektive Bewertungsmethoden halten wir dabei nicht für den richtigen Weg», sagte etwa Andreas Köhler, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).
Jürgen Graalmann, stellvertretender Vorsitzender der AOK-Bundesvereinigung, kann die Kritik nicht verstehen. «Wir halten an dem Vorhaben fest», sagte Graalmann, der die Lawine vor gut zwei Wochen los getreten hat, in der ZDF-Sendung Maybrit Illner am vergangenen Donnerstag.
Die AOK fühlt sich nun durch das spickmich.de-Urteil des BGH gestärkt. Udo Barske, Sprecher des AOK-Bundesverbandes, teilte gestern mit, die Gesundheitskasse werde die Entscheidung des BGH «selbstverständlich noch genau analysieren» und die Erkenntnisse daraus in die Gestaltung des Arzt-Navigators einfließen lassen.
Barske wies zugleich auf einen Unterschied zu spickmich.de hin: Der Arzt-Navigator solle Versicherten helfen, den für sie richtigen Arzt zu finden, und habe damit eine ganz andere Ausrichtung. «Mit dem Portal spickmich.de ist das nicht zu vergleichen», sagte Barkse. So unterscheide sich das Arzt-Patienten-Verhältnis sowohl von der beruflichen Sphäre des Arztes als auch von den Bewertungsinhalten her von dem Fall eines Lehrer-Schüler-Verhältnisses. «Diesen Unterschieden wird die AOK bei der konkreten Ausgestaltung des Portals nach Maßgabe der Erwägungen des BGH Rechnung tragen.»
An der Gestaltung des Arzt-Navigators ist Uwe Schwenk von der Bertelsmann Stiftung beteiligt. Schwenk ist überzeugt, dass Patienten ein solches Portal wollen. «17.000 Menschen suchen jeden Tag einen neuen Arzt – weil sie umgezogen sind, mit dem alten Arzt nicht zufrieden waren oder weil sie einen Facharzt brauchen, den sie bisher noch nie aufgesucht haben», sagte er zu faz.net.
Schwenks Idee: Jeder Versicherte soll einen Arzt nur einmal bewerten können. 50 Bewertungen im Internet seien mindestens so aussagekräftig wie drei zufällige Gespräche mit Bekannten. Dabei werde vor allem eines abgefragt: Wie benimmt sich der Arzt seinen Patienten gegenüber?
Die Antwort auf diese Frage versuchen auch andere Arzt-Bewertungsportale im Internet zu befriedigen. Der Trend hat in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts begonnen. Die Anbieter solcher Bewertungsportale, die oft mit Arztsuchdiensten kombiniert werden, sind bisher in der Regel private Unternehmen. Zu den bekannteren gehören Topmedic, Helpster, Arzt-Auskunft, Doc Insider, Imedo, Jameda und NetDoktor.
Für Patienten ist die Arztbewertung denkbar einfach per Mausklick möglich. Bisher kranken die Portale allerdings daran, dass für viele Ärzte nur wenige Bewertungen vorliegen, so dass die Missbrauchsgefahr relativ hoch ist. So könnten zum Beispiel Ärzte versuchen, Konkurrenten schlecht zu bewerten - was nur schwer auszuschließen ist. Die Anbieter versuchen sich gegen Schmähkritik mit speziellen Filtern zu schützen. Bisher ist es noch nicht Standard, dass Praxen automatisch über Bewertungen informiert werden.
Obwohl der Großteil der Bewertungen positiv ist, kritisieren Ärztevertreter dennoch Bewertungssysteme dieser Art – etwa weil zu viele emotionale Faktoren und zu wenig harte Fakten abgefragt werden. Die KBV hält mit einer eigenen Checkliste im Internet dagegen, in der sie Patienten Hinweise an die Hand gibt, woran eine gute Arztpraxis zu erkennen ist. Etwa daran, dass der Patient mit seinem gesundheitlichen Problem ernst genommen wird. Dass er verständliche Informationen und Beratung erhält. Oder daran, dass er in die Entscheidungen des Arztes einbezogen wird.
Graalmann versichert, dass der Arzt-Navigator der AOK manipulationsfrei funktionieren werde. Wie das funktionieren soll, ließ er bislang offen.
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