Seit Jahren begleitet Kornelia Reinke-Westerholz Trauernde. Sie hört zu, redet mit den Betroffenen und ist eine Stütze in einer schwierigen Zeit. Auch zahlreiche Kinder hat sie betreut und festgestellt: Sie trauern völlig anders.
«Kinder malen Bilder, basteln Dinge, suchen Ruhe oder schreien und weinen, nur um kurz danach wieder aus vollem Herzen zu lachen», sagt Reinke-Westerholz. Gleichzeitig hat sie die Erfahrung gemacht, dass es kaum Anlaufstellen für Heranwachsende gibt, die einen Angehörigen oder nahestehenden Menschen verloren haben. «Das wollte ich ändern.» Deshalb hat die dreifache Mutter in diesem Jahr mit dem eigens dafür gegründeten Verein «Löwenzahn» das erste Zentrum für trauernde Kinder und Jugendliche in der Region Hannover eröffnet.
Die «Löwenzahn»-Zimmer sind hell und von Licht durchflutet. Kinder finden dort einen Raum zum Entspannen, einen zum Kochen, einen zum kreativen Werkeln, einen um ihre Aggressionen loszuwerden, einen zum Malen und den Gruppenraum. In der einen Ecke liegen bunte Handpuppen, in der anderen steht ein Kickertisch. Um einen flauschigen Teppich herum sind knallgelbe Klappstühle aufgestellt. «Wir werden hier viel gemeinsam reden, lachen und weinen», sagt die Erzieherin. Sie und neun weitere ehrenamtliche Mitarbeiter bieten dabei ausschließlich Begleitung und keine Therapie. Dafür empfehlen sie Experten.
Im Mittelpunkt der Betreuung steht für Reinke-Westerholz das ganzheitliche Konzept: «Unsere Zielgruppe sind die Kinder und Jugendlichen, aber auch deren Eltern können bei uns Ruhe, Rat, Gesprächspartner und Sicherheit finden.» Schon nach den Sommerferien sollen die ersten Trauergruppen mit ihren 14-tägigen Treffen starten. Bis dahin werden die «Löwenzahn»-Mitarbeiter intensiv geschult.
«Es ist immer gut, wenn Trauernde an die Hand genommen werden», sagt Pfarrer Hanjo von Wietersheim von der Deutschen Notfallseelsorge der evangelischen und katholischen Kirchen. Dabei sei wichtig, dass die gesamte Familie betreut werde und in Zeiten der Trauer Verständnis füreinander zeige. Ein weiteres Zentrum für trauernde Kinder existiert seit 1999 in Bremen. Mit einem Mini-Angebot hatte dessen Geschichte begonnen, mittlerweile betreuen 120 Freiwillige in Bremen und Oldenburg etwa 150 trauernde Kinder. «Viele Eltern sind froh, dass es solche Anlaufstellen für sie und ihre Kinder gibt», sagt die Leiterin des Bremer Zentrums, Beate Alefeld-Gerges.
«Mit den Angeboten begegnen wir der Sprachlosigkeit der Erwachsenen», sagt «Löwenzahn»-Leiterin Reinke-Westerholz. Wenn ein geliebter Menschen gestorben ist, wird der Tod oft zum Tabuthema. Die Eltern wollen ihre Kinder davor beschützen. Genau das sei aber falsch: «Kinder brauchen die Wahrheit», sagt die 52-Jährige. Oft werde zudem das natürliche Trauerverhalten der Heranwachsenden unterschätzt. «Spielen, Erinnern, Reden, wütend sein, Toben oder malen - trauernde Kinder wissen meist genau, was sie gerade brauchen - manchmal muss man sie nur ein bisschen anstupsen.»
kat/car