Sa., 26.05.12

Verhaltenstherapie 15.06.2009 Das Schmerzgedächtnis überlisten

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Chronische Schmerzen können einem das Leben zur Hölle machen. Bild: ddp

Etwa zehn Millionen Deutsche leiden unter chronischen Schmerzen. Bei dieser Erkrankung ist die ängstliche Erwartung davor, dass es weh tut, fast schlimmer als der Schmerz selbst.

Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass etwa jeder fünfte Mensch unter leichten bis mittelschweren, chronischen Schmerzen leidet, obwohl die eigentliche Ursache meistens längst verschwunden ist. Eine erschreckende Zahl und für Betroffene ein Martyrium.

Dabei sind Schmerzen eigentlich eine sinnvolle Reaktion des Körpers. Sie zeigen uns, was für unser Wohlbefinden oder die Gesundheit schlecht ist oder sogar gefährlich sein kann. Akute Schmerzen haben wichtige Funktionen. Sie signalisieren Gefahr, zum Beispiel durch eine Verletzung. Und helfen so, den Körper zu schützen.

Doch Schmerzen können sich auch verselbständigen. Darauf weist Professorin Herta Flor vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit der Universität Mannheim hin. «Tut etwas dauerhaft weh, entwickelt sich ein chronischer Schmerz und prägt sich ein», sagt die Medizinerin. Experten sprechen dann von einem Schmerzgedächtnis: Die mit der Weiterleitung von Schmerz befassten Nervenzellen werden überempfindlich. Sie übertragen dann auch schwache Schmerzsignale weiter.

Auch Patienten mit akuten Schmerzen laufen Gefahr, dass ihr Nervensystem Schmerzreize dauerhaft speichert. Um zu verhindern, dass solche Beschwerden nach einer Operation chronisch werden, müssten Patienten das Gefühl bekommen, Schmerzen vorhersehen und kontrollieren zu können, sagt Flor.

Akute Schmerzen werden laut der Expertin vor allem dann chronisch, wenn sie mit negativen Gefühlen verknüpft sind. Betroffene bekommen Ängste und fühlen sich hilflos, weil sie scheinbar die Kontrolle über ihren Körper verloren haben.

Diese psychologischen Prozesse verstärken wie auch Stress oder Depressionen den akuten Schmerz und führen dazu, dass das zentrale Nervensystem den ankommenden Reiz stärker verarbeitet. «Schmerzhemmende Systeme funktionieren dann nicht mehr richtig», erläutert Flor.

Der Schlüssel zum Erfolg gegen die Schmerzkrankheit liegt in der Kombination aus der Gabe von Schmerzmedikamenten und Verhaltenstherapie. Das Schmerzmittel - gegebenenfalls übergangsweise ein starkes - schaltet den Schmerz zuerst einmal aus. Der Patient macht gewissermaßen Schmerzferien.

Zurücklehnen und Nichtstun ist aber nicht angesagt: In dieser Zeit der Schmerzfreiheit muss er aktiv werden, alles tun, was ihm sonst weh tun und merken: Diese Bewegung verursacht ja gar keinen Schmerz. Solche überraschenden Erfahrungen prägen sich ein, werden abgespeichert und überschreiben die negativen Lerninhalte.

Flor wendet die Verhaltenstherapie oft auch vor Operationen an. Dadurch ließen sich nicht nur die Schmerzen, sondern auch die anschließend benötigte Medikamentenmenge verringern. Erwartet der Patient von vornherein einen positiven Krankheitsverlauf, ist das der Wissenschaftlerin zufolge weitaus hilfreicher. Es helfe auch, durch eine Therapie gezielt Reize zu senken oder abzustellen, die als Schmerzverstärker gelten. Der Schmerz werde damit «verlernt».

Eine Längsschnittstudie habe gezeigt, dass 40 Prozent der nach einer Amputation auftretenden Phantomschmerzen aus der Depression und dem Katastrophendenken vor der OP sowie aus den vorher erlebten Schmerzen vorhersagbar waren.

car/nak
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