Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Ein Unfall auf der Autobahn, der Verletzte verliert viel Blut. Der Notarzt ist schnell zur Stelle und bringt das Unfallopfer ins Krankenhaus. Die OP ist vorbereitet. Doch die Ärzte zucken mit den Achseln: «Die benötigte Blutgruppe ist gerade nicht vorrätig.»
Was wie ein Albtraum klingt, könnte schon bald Realität werden. Erst kürzlich haben Experten davor gewarnt, dass es in Deutschland um das Jahr 2015 zu Engpässen bei der Versorgung kommen könnte. Auf dem Deutschen Internistenkongress in Wiesbaden erklärte Lothar Engelmann, Leiter der Intensivmedizin an der Universitätsklinik Leipzig, dass die Bereitschaft zur Spende, vor allem in der jüngeren Generation, sinkt und dem ein wachsender Bedarf an Blutkonserven gegenübersteht.
In Leipzig werden jährlich 50.000 Blutkonserven benötigt. Ohne sie läuft in der modernen Medizin fast nichts mehr. Erhebliche Mengen werden für Organ- und Stammzelltransplantationen verwendet, ebenso für Leukämie- und andere Krebstherapien. Auch die Notfallmedizin hat erhebliche Fortschritte gemacht und braucht immer mehr Blutkonserven.
Noch sieht die Situation gut aus. Das sagt zumindest Professor Gert Matthes, Leiter des Instituts für Transfusionsmedizin der Uniklinik Leipzig und als solcher verantwortlich dafür, dass an der Universitätsklinik der sächsischen Stadt und in weiteren Krankenhäusern der Region immer ausreichend Blutkonserven zur Verfügung stehen. «Es entstehen zwar immer mal wieder Engpässe, aber wir mussten seit 2002 keine Operation mehr aufgrund fehlender Blutkonserven verschieben», sagt Matthes.
Droht das Blut knapp zu werden, veranstaltet das Institut für Transfusionsmedizin einen Tag der offenen Tür und lädt Spender und solche, die es werden wollen, zu einem Blick hinter die Kulissen ein. Dabei können die Besucher sehen, was mit ihrem Blut nach der Spende passiert, - und von ihrem Lebenssaft spenden.
23.000 Blutspender halten dem Team von Professor Matthes jährlich die Treue. Das Durchschnittsalter beträgt 23 Jahre. Von so jungen Spendern kann mancher Blutspendedienst, vor allem in ländlichen Gebieten, nur träumen. Das DRK, das 80 Prozent der Blutspenden einsammelt, hat in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Bremen bereits die Altersgrenze von 68 Jahren für regelmäßige Spender und 58 Jahren für Erstspender aufgehoben.
«Ab sofort zählt nur noch das biologische Alter», sagt DRK-Sprecher Thomas Bischoff und weist auf das Dilemma hin, dass bisher viele Stammspender altersbedingt ausscheiden mussten, aber nicht genügend junge Leute nachkommen. «Oft entscheiden sich Frauen oder Männer erst im Rentenalter, wenn sie mehr Zeit haben, Blut zu spenden», sagt Bischoff. Das DRK beruft sich auf US-Studien, wonach Blutspenden von bis zu 78 Jahre alten Testpersonen gut verwendet werden können.
Dr. Matthes praktiziert das schon länger: «Wir haben zum Beispiel einen 72 Jahre alten Stammspender – wieso sollte der nicht weiterhin Blut spenden dürfen, solange er fit und gesund ist?» Er sieht das Problem durch die Aufhebung der Altersgrenze aber nicht gelöst: «Viele ältere Menschen schlucken regelmäßig Tabletten und scheiden damit als Blutspender aus.»
Die Leipziger müssen aber auch viele jüngere Menschen – zeitweilig oder ganz - von der Spende ausschließen. Wer sich zum Beispiel gerade ein Piercing oder eine Tätowierung zugelegt hat, muss vier Monate pausieren. Junge Mütter dürfen erst wieder sechs Monate nach der Entbindung Blut spenden. Zeitweise zurückgestellt wird auch, wer eine Auslandsreise in ein Malariagebiet oder kürzlich operiert wurde. Krebserkrankungen oder Infektionskrankheiten wie Hepatitis oder Aids führen dagegen zum dauerhaften Ausschluss vom Blutspenden.
«Die Ausschlusskriterien werden immer schärfer», sagt Matthes. In Leipzig müssten bis zu acht Prozent der Spender aufgrund der strikten Gesundheitsvorschriften abgewiesen werden. Für alle anderen gelte die Maxime: «Blutspenden ist wie Joggen fürs Knochenmark.» Im Knochenmark werden nämlich die roten und weißen Blutkörperchen produziert.
Wer Blut spende, rette nicht nur Leben, sondern habe auch selbst viele Vorteile, erklärt der Mediziner. Immerhin würde jede Blutspende auf Auffälligkeiten hin getestet, die auf Infektionskrankheiten, Geschlechtskrankheiten oder auf eine HIV-Infizierung hinweisen können.
Für das Blutspenden spricht auch rationaler Egoismus: Jeder Spender bekommt einen Ausweis, in dem seine Blutgruppe vermerkt ist. Der kann das eigene Leben retten, wenn im Notfall nicht genügend Zeit bleibt, um die Blutgruppe zu bestimmen.
Infos: Blutbank Leipzig www.blutbank-leipzig.de, DRK-Blutspendedienst www.drk-blutspende.de, Staatliche und kommunale Bluttransfusionsdienste www.stkb.de, Verband unabhäniger Blutspendedienste www.vubd.org, Deutsche Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämotologie www.dgti.de.
Der Weltblutspendertag wird am 14. Juni gefeiert, da an diesem Tag im Jahr 1868 der Mediziner Karl Landsteiner geboren wurde. Er entdeckte 1901 die Blutgruppen. Damit wurde die bereits vorher durchgeführte Bluttransfusion revolutioniert. Ohne die Kenntnis der Blutgruppen konnten damals einige Patienten durch eine Transfusion gerettet werden, andere starben daran. Mit Hilfe der Blutgruppen konnte der Erfolg bei der Behandlung wesentlich gesteigert werden.