Sa., 26.05.12

Nach Katastrophen 04.06.2009 «Trauer erscheint als hoher Berg»

Flugzeugabsturz (Foto)
Wer Angehörige bei einem Flugzeugabsturz verliert, hat einen langen Weg der Trauer vor sich. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Mara Schneider

Nach dem Absturz einer Birgen-Air-Maschine 1996 in Puerto Plata hat Jürgen Schramm Hinterbliebene betreut. Auch seine Tochter Stefanie ist heute Trauma-Psychologin und erklärt, wie man Trauernden nach einer solchen Katastrophe beistehen kann.

Textbasar beta Nach Katastrophen «Trauer erscheint als hoher Berg» Ich will diesen Text kostenlos für meine Webseite

Der Verlust eines geliebten Menschen ist eine der schwersten Krisen, die man in seinem Leben zu bewältigen hat. Dabei spielt es kaum eine Rolle, wie der- oder diejenige stirbt – ob nach einer langen Krankheit oder plötzlich, wie nach dem Absturz der Air-France-Maschine vor wenigen Tagen. «Wenn jemand nach langer Krankheit stirbt, kann man sich zwar auf den Tod vorbereiten, aber man erlebt auch das Leid gemeinsam mit dem Sterbenden», sagt Diplompsychologin Stefanie Schramm. «Das macht den Verlust nicht leichter.»

Wie die Hinterbliebenen mit ihrer Trauer fertig werden, wird jedoch stark von den Umständen des Todes beeinflusst. «Es ist wesentlich schwerer, Abschied zu nehmen, wenn es keine Leiche gibt und die Angehörigen nicht beerdigt werden können», erklärt Schramm. Die eigentliche Trauerbewältigung setzt deshalb gerade nach solchen Katastrophen viel später ein – und dauert oft auch über einen längeren Zeitraum an, «weil der Tod nicht begriffen werden kann», sagt Schramm, die unter anderem Krisenintervention für Fluggesellschaften betreibt.

Damit ist die Psychologin in die Fußstapfen ihres Vaters getreten. Auch Jürgen Schramm ist Traumapsychologe. Nach dem Absturz einer Birgen Air 1996 vor der Küste der Dominikanischen Republik, bei dem alle 189 Insassen ums Leben kamen, kümmerte er sich um die Hinterbliebenen der überwiegend deutschen Opfer.

Seine Erfahrungen im Umgang mit den Trauernden hielt Schramm zehn Jahre später in einem Kapitel des Buches Hinterbliebenen-Nachsorge: Absturz der Birgenair-Maschine in der Dominikanischen Republik 1996 fest. «Trauer erscheint als unendlich hoher Berg, den man nicht überwinden kann», schrieb er. Betroffene sprachen damals von Zukunftsängsten, Hilflosigkeit und einem wirren Gefühlschaos. «Ob Wut, schreien oder hysterischer Anfall, bei so einem ungewöhnlichen Ereignis ist jede Reaktion angemessen», sagt Stefanie Schramm. Das müsse auch den Trauernden vermittelt werden.

Der Verlust sei in solchen Fällen schwer bis gar nicht zu begreifen. «Viele haben sicher erfahren, dass die Maschine vermisst wird, als sie schon am Flughafen standen», sagt Stefanie Schramm im Hinblick auf den jüngsten Absturz einer Air-France-Maschine über dem Atlantik. In so einem Moment mische sich der Schock vor allem mit Unglauben. «Man versucht, das Unglück zu leugnen, redet sich ein, dass man die falsche Flugnummer hat.»

Lesen Sie auf Seite 2, wie Sie Hinterbliebene beim Trauern begleiten können

Das Schlimmste sei die Ungewissheit. «Weil es keine Informationen gibt, malt man sich Horrorszenarien aus, was alles passiert sein könnte», sagt die Psychologin. Doch selbst nach der Gewissheit, dass die Maschine abgestürzt ist und es keine Überlebenden gab, bleibt bei vielen Hinterbliebenen der Zweifel. Für die eigentliche Trauer ist in diesem Moment kein Platz.

Gerade, weil es keinen Leichnam gibt, kein direkter Abschied möglich ist, bleibt häufig ein letztes Quentchen Hoffnung erhalten. «Der Tod kann nicht in seiner Endgültigkeit akzeptiert werden, es entstehen Phasen um ein mögliches Überleben», schrieb Jürgen Schramm nach dem Absturz der Birgen Air. Damals hätten sich viele Hinterbliebene in Phantasien gerettet, ihre Liebsten hätten sich aus dem Wrack befreien und auf eine nahe gelegene Insel retten können.

Akzeptanz und Abschiednehmen sind jedoch entscheidende Schritte im Trauerprozess. Um dies zu erleichtern, gibt es für Betroffene verschiedene Möglichkeiten. Dabei müsse jeder für sich selbst herausfinden, wie er persönlich Abschied nehmen kann. «Ein symbolisches Grab ist eine Möglichkeit», sagt Stefanie Schramm, denn Menschen brauchen von Natur aus einen Ort zum trauern.

Nach dem Absturz der Birgen Air wurden beispielsweise auf Initiative der Hinterbliebenen die Namen aller Opfer auf drei Gedenksteine gemeißelt, die nahe dem Absturzort in Puerto Plata sowie an den beiden Abflughäfen in Frankfurt und Berlin aufgestellt wurden. Hilfreich sei auch, vor allem an Jahrestagen die Absturzstelle aufzusuchen.

Zur Trauerarbeit gehört aber auch das soziale Umfeld der Hinterbliebenen. «Man sollte für die Betroffenen da sein, sie stützen und ihre Trauer aushalten», rät Schramm. Das Schlimmste sei, wenn beispielsweise Nachbarn die Straßenseite wechseln, weil sie nicht wissen, wie sie mit den Trauernden umgehen sollen. «Die Hinterbliebenen erwarten doch keine Lösung. Die Toten kommen nicht zurück. Die Angehörigen sind genauso sprachlos, und wenn man selbst nicht weiß´, was man ihnen sagen soll, dann sollte man genau das vermitteln», sagt die Psychologin.

Wichtig sei auch, die Aufmerksamkeit, die Trauernde kurz nach der Katastrophe erfahren, nicht plötzlich wieder zu entziehen. «Man muss über einen längeren Zeitraum für sie da sein. Auch wenn der Alltag langsam wieder einkehrt.» Denn häufig wird der Verlust erst dann wirklich spürbar, wenn sich das Leben wieder normalisiert. Wenn einem beispielsweise bewusst wird, dass man Sonntagmorgen allein am Frühstückstisch sitzt.

kat
Kommentar schreiben Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig
Kommentar  
Ihr Name
Ihre Emailadresse
Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld darunter.
'6Ld52csSAAAAAKTxfdwmi0Ay4Tjghi64k3PAcWrj'

Nach Katastrophen: «Trauer erscheint als hoher Berg» » Gesundheit » Nachrichten

URL : http://www.news.de/gesundheit/837894221/trauer-erscheint-als-unendlich-hoher-berg/1/

Schlagworte:

Aber , Abschied , Absturz , Absturzort , Absturzstelle , Achim Schneider , Air , AIR-Betriebe , Air-France-Maschine , Akzeptanz , Alltag , Anfall , Angemessen , Atlantik , Atlantik-Brücke , Aufmerksamkeit , Begleiten , Begriffen , Beispielsweise , Berg , Berg Fidel , Berg Herbert , Berg Schauinsland , Berg Talfahrt , Berg Verlagsbuchhändler , Berlin Betroffene , Berlin Frankfurt , Berlin Genau , Berlin Genauso , Berlin Gerade , Berlin Häufig , Berlin Informationen , Berlin Platz , Berlin Umgehen , Betreut , Betroffene , Betroffenen , Bewusst , Bleibt , Buches , Dauert , Deutschen , Diplompsychologin , Dominikanischen , Eigentliche , Entscheidende , Entstehen , Ereignis , Erfahren , Erfahrungen , Erklärt , Erscheint , Erwarten , Falsche , Fertig , Fest , Fluggesellschaften , Flughafen , Flugnummer , FR , France-Info , Frankfurt , Frühstückstisch , Garçons , Geh , Geliebten , Gemeinsam , Genau , Genauso , Gerade , Gerettet , Gesichter , Gewissheit , Grab , Hanna Tochter , Hielt , Hilflosigkeit , Hilfreich , Hinblick , Hinterbliebene , Hinterbliebenen , Hoffnung , Hoher , Informationen , Initiative , Insassen , Insel , Jahre , Joao Plata , Jüngsten , Jürgen Bartsch , Jürgen Bretzinger , Jürgen Duah , Jürgen Fitschen , Jürgen Gerdes , Jürgen Heraeus , Jürgen Holzenleuchter , Jürgen Kluge , Jürgen Kyas , Jürgen Langer , Jürgen Marschall , Jürgen Ritter , Jürgen Stark , Jürgen Tap , Jürgen Walter , Jürgen Wolf , Kamen , Kapitel , Kat , Katastrophe , Katastrophen , Katja Schneider , Konstantin Schneider , Krankheit , Krisen , Krisenintervention , Langen , Langer , Leben , Leiche , Leichnam , Leichter , Leid , Leugnen , Liebsten , Mads Langer , Manfred Schneider , Marcus Berg , Maschine , Menschen , Mögliches , Moment , Müsse , Nachbarn , Namen , Natur , News , Niels Schneider , Opfer , Ort , Passiert , Pers , Persönlich , Phantasien , Phasen , Plata , Platz , Psychologin , Puerto , Reaktion , Redet , Republik , Retten , Richter Zweifel , Rolle , Roman Schneider , Schlimmste , Schneider , Schock , Schramm , Schreien , Schritte , Schwer , Schwerer , Sitzt , Sonntagmorgen , Soziale , Spielt , Sprachen , Spürbar , Stark , Stefanie Hertel , Stefanie Horn , Stefanie Kremser , Stefanie Saumweber , Stefanie Schneider , Stefanie Schramm , Stefanie Vögele , Stefanie Weichelt , Sterbenden , Stirbt , Stützen , Sung , Tagen , Tochter , Tod , Todes , Toten , Trauer , Trauerarbeit , Trauerbewältigung , Trauernden , Trauma , Überwinden , Umfeld , Umgang , Umgehen , Unendlich , Ungewissheit , Vaters , Verlust , Vermisst , Vermitteln , Verschiedene , Versucht , Walter Jürgen , Wechseln , Wesentlich , Williams Tod , Wirren , Wissen , Wrack , Wut , Zeitraum , Zweifel ,
Wir empfehlen
Anzeige
Facebook
Twitterbox
Follow Us!
Anzeige