Sa., 26.05.12

Flugzeugabsturz 03.06.2009 An einem leeren Sarg kann man nicht trauern

Von Daniel Rademacher

Ob die Leichen der Passagiere aus der verunglückten Air-France-Maschine jemals geborgen werden, ist ungewiss. Für die Hinterbliebenen eine belastende Situation, weil sie nie richtig Abschied nehmen können, erklärt Trauma-Experte Werner W. Wilk.

Was in den Hinterbliebenen der Opfer des Absturzes vorgeht, ist für Außenstehende wohl nur zu erahnen. Drohen ihnen schwerwiegende traumatische Folgen?

Werner W. Wilk: Zunächst muss erst einmal der Begriff Trauma eindeutig geklärt werden. Davon spricht man, wenn eine konkrete Todesangst oder Existenzbedrohung durchlebt oder aus nächster Nähe beobachtet wurde. Das ist bei den Angehörigen hier so nicht der Fall. Es liegt eher eine besondere Abschieds- und Trauersituation vor.

Worin besteht diese Ausnahmesituation?

Wilk: Ein herkömmlicher Abschied ist für sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht möglich. Denn die Leichen werden voraussichtlich nie geborgen. Bei Trauer und Abschied leben wir in der Erwartung, dass der Tote auch wirklich gegenwärtig ist und in einem Sarg liegt.

Ist das so entscheidend?

Wilk: Ja, die Gewissheit, dass sich der Tote tatsächlich in dem Sarg befindet, ist sehr wichtig für das Abschiednehmen. Es passt kaum in unsere Vorstellungswelt, nur an einem leeren Sarg zu trauern. Für die Verarbeitung und den Abschied macht das einen großen Unterschied.

Wie wichtig ist es aus therapeutischer Sicht, auch einen konkreten Ort zum Trauern zu haben, zum Beispiel ein Grab?

Wilk: Das ist natürlich eine kulturspezifische Frage, sie hängt auch von der eigenen Sozialisation ab, auch von der religiösen Prägung. Meiner Ansicht nach befinden wir uns aber in einem gesellschaftlichen Umbruch. Neue Formen der Bestattung werden immer häufiger gewählt - etwa die Seebestattung oder die Naturbestattung in einem Friedwald. Es gibt damit keine Gewähr mehr, dass eines Toten über mehrere Generationen an einem bestimmten Ort gedacht wird. Traditionell sind wir aber sehr stark von Symbolik geprägt. Der Friedhof ist nach wie vor ein Ort der Wiedererinnerung.

Welche Ratschläge gibt es für Betroffene?

Wilk: Grundsätzlich ist Abschied immer ein relativ langer Prozess. Daher kommt für manche auch so etwas wie ein Trauerjahr in Frage. Helfen kann auch eine seelsorgerische Begleitung. Manche Fluggesellschaften bieten mitunter ja auch an, an die vermeintliche Unglücksstelle zu fahren, um wenigstens dort Abschied zu nehmen. Bei manchen Menschen kann sich - wie Therapeuten sagen - eine pathologische, also krankhafte Trauer entwickeln, die zu psychischen Erkrankungen mit unterschiedlichsten Symptomen führen kann. Spätestens dann ist eine psychologische Begleitung auf jeden Fall geboten.

mas/kat
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