Von Clarice Wolter
Kinder sind nie zu jung, um aufgeklärt zu werden. Die Frage, wo denn die Babys herkommen, dürfen Eltern auch ruhig ihrem Vierjährigen beantworten. Es kommt aber immer auf die Art und Weise an.
Laura legt sich auf ein großes Plakat und lässt Freundin Anna ihren Körperumriss nachmalen. Kerstin Mechthold von Pro Familia fordert die Gymnasiastinnen auf, auf dem Blatt einzuzeichnen, was sich in der Pubertät verändert. Laura malt Haare unter die Achseln, Pickel ins Gesicht und rote Tupfer zwischen die Beine. Im Raum nebenan zeichnet Mechtholds Kollege mit den Jungs der fünften Klasse einer Frankfurter Schule. Paul schmückt die Hände seiner Papiersilhouette mit zwei knallroten Präservativen, alle lachen.
Ohne ihre Lehrer können die Kinder dem Pro-Familia-Team Löcher in den Bauch fragen, erklärt die Soziologin Mechthold. Die Schulklassen kämen meist in die Pro-Familia-Räume, so sei der Abstand zur Klassenatmosphäre größer und die Scham kleiner.
Fragen zur Sexualität seien nicht nur einigen Kindern, sondern vor allem vielen Eltern, Lehrern und Erziehern peinlich, stellt Mechthold täglich fest. Viele Mütter und Väter seien unsicher, wann und wie sie ihre Kinder aufklären sollten. Eine Pauschalempfehlung gebe es zwar nicht, «aber jedes Kind, das alt genug ist, bestimmte Fragen zu stellen, ist auch reif genug für eine entsprechende Antwort».
Allerdings seien altersgerechte Erklärungen wichtig. «Würde man Vierjährigen erklären, dass der Penis des Mannes, der in Kinderaugen sehr groß ist, in die Scheide der Frau eingeführt wird, wären sie mit dieser Antwort vermutlich überfordert und bekämen Angst», so Mechthold. Kinder könnten besser damit umgehen, wenn man auf der Emotionsebene bleibe, von schönen Gefühlen spreche.
Selbst für Kinder zwischen drei und sechs Jahren sei Sexualität schon ein wichtiges Thema, erklärt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Sie setzt sich dafür ein, dass auch Tagesstätten kindgerechte Sexualkunde in ihre Arbeit aufnehmen. «Kinder müssen die Welt über sinnliche Erfahrungen - durch Berühren, Ausprobieren und Mitmachen - entdecken und begreifen», sagt BZgA-Direktorin Elisabeth Pott.
Es sei falsch, wenn Erwachsene kindlicher Körperentdeckung ihre Vorstellungen von Sexualität aufdrückten. Kinder, die sexuelle Handlungen nachahmten, müssten keinen pornografischen Film gesehen oder einer gewalttätigen Szene beigewohnt haben. «Man muss nicht sofort das Schlimmste befürchten, Kinder spielen auch Autofahren und Kochen nach», sagt Ursula Schmauch, Professorin für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Frankfurt am Main .
Sexualaufklärung sei aber eine allgemeine Erziehungsaufgabe, die gemeinsam mit dem Elternhaus wahrgenommen werden müsse, erklärt Pott. Der BZgA zufolge übernehmen vor allem Mütter dabei eine Schlüsselrolle. Für Mädchen sei ihre Mutter die wichtigste Person bei der Aufklärung (69 Prozent) und auch von den Jungen wird die Mutter (43 Prozent) vor dem Vater (33 Prozent) genannt.
Sein Kind im richtigen Alter aufzuklären, «solange es noch zuhört», hält Schmauch für einen Beitrag zur Prävention späterer Probleme. Dazu gehören ungewollte Schwangerschaften: Die Zahl minderjähriger Mädchen, die schwanger würden und abtrieben, sei hierzulande besonders verglichen mit den USA sehr klein, betont die Sexualpädagogin.
In den USA werde in großangelegten Programmen «Verhütung durch Enthaltsamkeit» angepriesen. Diese repressive Sexualmoral führe zu deutlich mehr Teenagerschwangerschaften als in Deutschland, wo deren Rückgang nicht zuletzt der Aufklärung von Kindern zu verdanken sei.
kat/news.de/dpa
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