Von Walter Willems
Etwa jeder sechste Mensch in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Wie dieser die psychische Gesundheit beeinflusst, ist bislang kaum erforscht. Sicher ist aber: Menschen aus Zuwandererfamilien sind therapeutisch unterversorgt.
Wer bei Arif Ünal Rat sucht, braucht Geduld. Der Leiter des Gesundheitszentrums für Migranten in Köln ist ausgebucht. «Die Anfragen haben enorm zugenommen», sagt der Sozialarbeiter und Therapeut. Die steigende Nachfrage zeige: Die bislang starke Zurückhaltung von Migranten, bei psychischen Krisen professionelle Hilfe zu suchen, bröckelt.
Dass Flüchtlinge aus Krisenregionen und Menschen, die in Deutschland ohne Aufenthaltsgenehmigung leben, starker psychischer Belastung ausgesetzt sind, bezweifele niemand. Unklar sei jedoch, wie verbreitet seelische Probleme bei anderen Zuwandern sind. Studien liefern widersprüchliche Ergebnisse, betont Heide Glaesmer von der Universität Leipzig. «Früher ging man davon aus, dass die Migration und Integration in eine andere Gesellschaft die Gesundheit belasten», sagt die Psychologin. «Daraus folgerte man, dass psychische Störungen bei Zuwanderern weiter verbreitet sind als bei der übrigen Bevölkerung.»
Bei einer repräsentativen Stichprobe wurden 2500 Menschen nach ihrer psychischen Verfassung befragt. Darunter etwa 270 Migranten, die vorwiegend aus EU-Ländern, Osteuropa und der Türkei stammten. Entgegen der vorherrschenden Meinung litten sie nicht häufiger an Depressionen, Angststörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen als deutsche Teilnehmer, wie Glaesmer im Fachblatt Psychiatrische Praxis schreibt.
Die Frage sei aber, wie repräsentativ die Studie tatsächlich ist. Schließlich nahmen daran nur Migranten teil, die zum Großteil recht gut Deutsch sprachen und zu einer Teilnahme bereit waren. «Diese Zuwanderer waren relativ gut integriert», sagt Glaesmer. «Hätte man Flüchtlinge aus Krisengebieten untersucht, wäre das Ergebnis sicher anders ausgefallen.»
Dies zeige, wie komplex das Thema ist. Denn Migranten verbindet nur der Umstand, dass sie nicht aus Deutschland stammen. Hinter dem Begriff verschwimmen Alter, Geschlecht und Bildung der Menschen ebenso wie ihre Herkunftsregionen und die Umstände, unter denen sie ihre Heimat verlassen haben.
Menschen, die freiwillig den Sprung in ein anderes Land wagen, verfügten tendenziell eher über ein stabiles psychisches Grundgerüst, glaubt Caren Weilandt vom Wissenschaftlichen Institut der Ärzte Deutschlands in Bonn. «Aber die Belastung steigt mit dem Alter», sagt sie. Grund seien etwa die dauerhafte Trennung von anderen Familienmitgliedern, kulturelle Differenzen oder Zukunftsängste.
Doch selbst wenn psychische Erkrankungen bei gut integrierten Migranten nicht häufiger auftreten: Dass sie eher gravierend verlaufen, deuten Zahlen des Robert-Koch-Instituts an. Demnach sind Berufstätige mit Migrationshintergrund öfter wegen psychiatrischer Erkrankungen arbeitsunfähig als deutsche Pflichtversicherte. Glaesmer sieht darin keinen Widerspruch zu ihrem Resultat. «Migranten haben einen wesentlich schlechteren Zugang zu psychotherapeutischer Versorgung», sagt sie. «Zum einen werden psychische Probleme oft stigmatisiert, zum anderen ist das Angebot für diese Menschen sehr schlecht.»
«Sich auf eine Psychotherapie einzulassen, ist für türkische Migranten eine riesige Hürde», bestätigt Ünal. «Bis sich jemand dafür entscheidet, Hilfe zu suchen, sind die Probleme meist schon chronifiziert.» Dass seine Klienten inzwischen zumindest mit Begriffen wie Depression oder Panikstörung vertraut sind, erklärt er mit den vermehrten Berichten türkischer Medien.
Zwar steigt die Nachfrage, aber nicht das therapeutische Angebot. Dessen Qualität ist oft mangelhaft. «Manche Probleme können viele deutsche Psychotherapeuten nicht verstehen», sagt Ünal und meint nicht nur die Sprachbarriere. «Dennoch haben viele weder Zeit noch Interesse daran, sich interkulturell fortzubilden.» Dabei sei es für den Erfolg der Behandlung eindeutig nützlich, wenn der Therapeut Hintergrundwissen über die Kultur eines Patienten habe. «Dann haben die Patienten auch mehr Vertrauen», betont Ünal, «und das ist sehr wichtig.»
kat/ham