Abspecken im Internet Fettwetten sind der neueste Schrei

Abnehmen dank Gruppendruck: In den USA erfreuen sich Internet-Wetten rund ums Abspecken immer größerer Beliebtheit. Um der Ehre willen purzeln die Pfunde. Aber auch die Aussicht auf Bares hilft, überflüssige Pfunde loszuwerden.

Reiner Calmund (Foto)
Ex-Fußballmanager Reiner Calmund nimmt gerade öffentlich ab. Bild: Vox

John Hamaski hat vieles ausprobiert, um abzunehmen, aber nichts hat wirklich geholfen. Der 38 Jahre alte Anwalt aus San Francisco (Kalifornien) versuchte es mit Diäten, schrieb sich in ein Fitnessstudio ein, aber: «Es hat einfach nicht funktioniert, ich blieb fett.» Tatsächlich: Mit 85 Kilo brachte der nur 1,55 Meter große Mann entschieden zu viel auf die Waage.

Die erhoffte Rettung fand Hamaski schließlich im Internet bei Fatbet.net. Im Februar schloss er dort mit fünf Freunden die Wette ab, in acht Wochen zehn Kilo abzunehmen. «Ich wollte unbedingt gewinnen, es ging um meine Ehre», erzählt der Kalifornier. Jeden Tag mussten Hamaski und seine Freunde auf der Website ihr Gewicht eintragen. Außerdem luden sie Familienmitglieder und Bekannte ein, das kollegiale Abspecken online zu verfolgen. «Der Druck war unheimlich groß, ich wollte ja nicht wie ein Verlierer dastehen.» Dank der Wette zwang sich Hamaski dazu, bewusst zu essen und sechsmal in der Woche zu joggen. Am Ende hat er gewonnen. «Im April war ich auf 74 Kilo runter!»

John Hamaskis Geschichte ist in den USA kein Einzelfall. Für tausende Amerikaner sind Webseiten wie Fatbet.net eine Alternative zu traditionellen Diätprogrammen. «Die Wetten wirken Wunder. Die Leute wollen nicht verlieren und nehmen tatsächlich ab», glaubt Fatbet-Gründer Adam Orkand (40).

«Das Wichtigste ist der Wetteinsatz», erklärt er. «Es muss etwas sein, das man auf keinen Fall verlieren will.» Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt: Verlierer müssen sich Bärte wachsen lassen, in Karaoke-Bars peinliche Lieder singen oder nackt durch die Fußgängerzone laufen. Oft geht es aber um die Ehre - oder um Geld.

Dass die Aussicht auf Bares dabei hilft, überflüssige Pfunde loszuwerden, hat Kevin Volpp, Medizinprofessor an der Universität von Pennsylvania, in einer Studie nachgewiesen. Er fand heraus, dass Menschen leichter abspecken können, wenn sie umgerechnet 600 Euro dafür bekommen.

Das Geld konnte aber nicht verhindern, dass die Probanden vier Monate nach Abschluss der Studie wieder fast das alte Gewicht erreicht hatten. Für die Autoren ist das aber kein Grund, ihr Konzept in Frage zu stellen. Vielmehr müsse man sich Gedanken machen, wie man auf lange Sicht mit monetären Anreizen der wachsenden Zahl Übergewichtiger das Abnehmen versüßen kann.

Die Studie war Vorbild für Makemoneylosingweight.com. Die Website gibt es seit Anfang 2008. Sie wirbt mit dem Slogan «Du kannst nie zu reich oder zu dünn sein». Bei Abschluss einer «Abspeckwette» zahlt jeder Teilnehmer beliebig viel Geld in einen Topf. Am Ende gehen die Verlierer leer aus. Der Gewinner freut sich über ein paar Kilo weniger - und ein paar hundert Euro mehr.

Ähnlich wie Makemoneylosingweight.com funktioniert StickK.com. Dort ist ein Drittel der Wetteinsätze ebenfalls finanzieller Art. Aber es geht nicht nur ums Abnehmen, sondern auch um andere gute Vorsätze. 20 Prozent der 33.000 Nutzer wetten, regelmäßig Sport zu treiben, 5 Prozent wollen nicht mehr rauchen. Anders als bei Fatbet.net oder Makemoneylosingweight.com schließen die Nutzer richtige Verträge ab, die man nur in Ausnahmefällen kündigen kann. «Die Menschen brauchen einen Anreiz, dabei zu bleiben und das Ziel erreichen zu wollen», erklärt StickK-Gründer Jordan Goldberg (25) die strengen Regeln.

Elisa Zied von der Amerikanischen Diätenvereinigung (ADA) beobachtet die «Wette dein Fett weg»-Webseiten dennoch mit Skepsis. «Sie helfen zwar beim schnellen Abnehmen», sagt die Expertin. «Wenn es aber darum geht, Übergewicht langfristig loszuwerden, bringen sie nichts.»

Zied gibt jedoch zu, dass Gruppendruck und Wettbewerb offenbar hervorragende Motive für positive Verhaltensänderungen sind. Es spreche einiges dafür, «dass solche Strategien wirkungsvoller sind als die traditionellen Ermahnungen von Gesundheitswächtern, die stets nur das Individuum im Blick haben». Die Beziehung zu anderen solle Menschen verlocken, gesundheitsschädliches Verhalten aufzugeben. Denn bekanntermaßen fällt das zusammen leichter. Jugendliche treiben eher Sport, wenn sie im Verein sind, Alkoholikern hilft eine Gruppe, trocken zu bleiben, und die goldene Regel des Abspeckens lautet: Erzähle möglichst vielen Menschen von deinem Plan, das erhöht den Druck.

Diese goldene Regel beherzigen auch Blogger, die im Internet über ihre Abspeckversuche schreiben. Wie Anja und Lutz Balschuweit, die im Dezember 2004 insgesamt 285 Kilo auf die Waage brachten. In einem Blog beschreibt das Paar, wie es den Kilos davon gelaufen ist. Die beiden verraten Rezepte und zeigen viele Vorher-Nachher-Fotos.Ähnlich macht es der ehemalige Fußballmanager Reiner Calmund, der derzeit ganz öffentlich abnimmt - nachzulesen im Internet unter ironcalli.de.

car/kon

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